Kriegsreporter Paul Ronzheimer sprach in der Sendung über die derzeitige Lage in der Ukraine und wies auf den mangelhaften Schutz der Zivilbevölkerung vor russischen Luftangriffen hin. In diesem Zusammenhang nannte er eine aktuelle Statistik, wonach in diesem Monat so viele Zivilisten in der Ukraine getötet worden seien wie zuletzt im April 2022.
Krieg in der Ukraine: Wie viele zivile Opfer gab es zuletzt?
31 Sek.. Verfügbar bis 13.08.2027.
Ronzheimer: "Für die Ukraine ist es so, dass sie sehr schutzlos ist. Also, es gibt die höchste Todeszahl von Zivilisten in diesem Monat im Vergleich – das letzte Mal so hoch war es April 2022, zu Beginn der Vollinvasion. Es ist eine schreckliche Lage. Und man merkt eben bei den Menschen eine große Angst. Sie kriegen auch, wenn da ein Alarm kommt, ja, und Sie sind dort, dann – bei einem ballistischen Angriff können sie gar nicht so schnell warnen. Oft gibt es den Alarm dann erst danach. Das heißt, oft sind die Leute schutzlos dem ausgeliefert."
Stimmt das? Wurden in der Ukraine zuletzt so viele Zivilisten getötet wie seit Kriegsbeginn nicht mehr?
Aktuelle Zahlen der Vereinten Nationen (UN) belegen die Aussage von Paul Ronzheimer. Demnach sind im Juli 2026 so viele Zivilisten verletzt oder getötet worden wie zuletzt im März 2022 (die Zahl der Getöteten ist die höchste seit Mai 2022). Konkret wurden 437 Tote und 2.610 Verletzte registriert. Gegenüber dem Vorjahresmonat bedeutet das einen Anstieg um 70 Prozent.
Die tatsächliche Zahl der Opfer sei laut UN wahrscheinlich höher. Die Überprüfung von Todesmeldungen dauere an. In jedem Monat des laufenden Jahres sei die Opferzahl im Vergleich zum Vormonat gestiegen. Der Konflikt verschärfe das Leiden der Bevölkerung immer mehr, erklärte die UN-Beobachtermission für Menschenrechte am heutigen Donnerstag (13.8.2026) in Kiew.
Als einen wesentlichen Grund für die steigenden Zahlen sehen Experten die immer lückenhafter werdende Luftverteidigung der ukrainischen Armee. Während die Ukraine inzwischen ein gut funktionierendes Abwehrnetz gegen Drohnenschwärme aufgebaut hat, stoßen die Streitkräfte bei der Abwehr ballistischer Raketen zunehmend an ihre Grenzen. Zu den wenigen Systemen, die solche Raketen abfangen können, zählt vor allem das Patriot-System aus US-amerikanischer Produktion. Das Problem: An der benötigten Munition mangelt es der Ukraine derzeit deutlich.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte kürzlich, seinem Land ständen in diesem Jahr "zweieinhalb Mal weniger Abfangraketen zur Verfügung als im Jahr 2025". Dagegen habe Russland "monatlich mehr als doppelt so viele ballistische Raketen wie zuvor". Unabhängig überprüfen lässt sich das nicht.
Vor diesem Hintergrund richtete Selenskyj ein deutliches Signal an das Weiße Haus: "Dieses Jahr bitte ich unsere US-Partner, mir fünf Prozent ihrer Raketenbestände zu verkaufen", sagte Selenskyj. "Wenn sie uns fünf Prozent verkaufen, werden wir den Winter überstehen und Menschenleben retten. Wenn sie uns zehn Prozent verkaufen, werden wir alle ballistischen Raketen Russlands zerstören."
Doch US-Präsident Donald Trump zeigt sich in der Frage bislang zögerlich. Der Krieg im Nahen Osten hat laut Medienberichten zu einer weiteren Verknappung der amerikanischen Patriot-Bestände beigetragen.
Eine Lösung des Problems könnte darin bestehen, dass die Ukraine die benötigte Munition selber herstellt. Dafür wäre eine Genehmigung der USA erforderlich. Noch im Juli 2026 hatte Trump seine Bereitschaft signalisiert. "Wir werden euch eine Lizenz geben, Patriots zu bauen", sagte der US-Präsident damals am Rande des NATO-Gipfels in Ankara. Sobald die Amerikaner den Ukrainern gezeigt hätten, wie es gehe, könnten deren Fabriken ihre eigenen Raketen "ziemlich schnell" produzieren.
Wenig später jedoch die Kehrtwende: Bei einer Kabinettssitzung am vergangenen Freitag (7.8.2026) in Camp David sagte Trump: "Es ist schwierig, eine derartige Technologie aus der Hand zu geben. (…) Menschen, denen man diese Technologie gibt, können sich eines Tages gegen einen wenden." Beobachter gehen davon aus, dass Berater innerhalb der US-Regierung davor gewarnt haben, dass die Waffentechnologie im weiteren Verlauf des Krieges in russische Hände fallen könnte.
Dass die USA anderen Staaten eine eigene Patriot-Produktion erlauben, ist tatsächlich sehr selten. Bislang verfügen nur Deutschland und – mit Einschränkungen – Japan über eine entsprechende Lizenz.
Deutschland hat bereits eigene Bestände an die Ukraine abgegeben. "Wir stoßen hier wirklich an unsere Grenzen", sagte Brigadegeneral Jürgen Schrödl im Rahmen des NATO-Gipfels gegenüber Politico. Schließlich müsse die Einhaltung der eigenen Bündnisverpflichtungen weiterhin gewährleistet sein. "Wir müssen auch für unseren eigenen Schutz sorgen", erklärte Schrödl.
Der norwegische Verteidigungsminister Tore O. Sandvik fordert eine stärkere Solidarität innerhalb Europas. "Alle europäischen Länder müssen mehr tun", betonte er gegenüber Politico. Dieser Appell betrifft vor allem Spanien, Griechenland und Polen, die ebenfalls über Patriot-Systeme verfügen, die Weitergabe bislang aber verweigern. Begründet wird dies mit der eigenen nationalen Sicherheit.
Fazit
Tatsächlich sind im Juli 2026 so viele ukrainische Zivilisten verletzt oder getötet worden wie zuletzt im März 2022, also kurz nach Kriegsbeginn. Betrachtet man die Zahl der Getöteten isoliert, ist es der höchste Stand seit Mai 2022. Das belegen aktuelle Statistiken der Vereinten Nationen (UN). Ein wesentlicher Grund für die gestiegenen Zahlen liegt in der mangelhaften Luftverteidigung. Weil die ukrainische Armee kaum noch über geeignete Munition verfügt, kann sie russische Raketenangriffe immer schlechter abwehren. Ob die Ukraine noch vor dem Winter den laut Präsident Selenskyj dringend benötigten Nachschub aus den USA bzw. Europa erhält, ist derzeit ungewiss.
Stand: 13.08.2026, 17:06 Uhr