Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) äußerte sich in der Sendung zur Zukunft der Deutschen Bahn. Dabei ging es u.a. um das Großprojekt Stuttgart 21, dessen Fertigstellung sich aktuellen Berichten nach weiter verzögern wird. Ein wesentlicher Grund dafür, erklärte Bilger, sei ein Planungsfehler bei der Digitalisierung des Schienennetzes. Was bedeutet das konkret?
Großprojekt Stuttgart 21: Führte ein Planungsfehler zur weiteren Verzögerung?
44 Sek.. Verfügbar bis 20.08.2027.
Bilger: "Es ist richtigerweise beschlossen worden, dass der Bahnhof Stuttgart ein digitaler Bahnknoten werden soll, ein Modellprojekt dafür. Leider hat da auch wieder nicht alles geklappt. Deswegen müssen jetzt Kabel, die schon verbaut wurden, wieder zurückgebaut werden."
Maischberger: "Entschuldigung, das hat nicht geklappt und jetzt muss man die Kabel wieder –"
Bilger: "Ja, also Digitalisierung ist die große Chance für die Schiene. Digitalisierung bedeutet unterm Strich, dass wir die Bahnstrecken effizienter nutzen können."
Maischberger: "Jaja, das weiß ich, aber warum verlegt man was, was man dann wieder –"
Bilger: "Aber ich möchte es vielleicht sagen, weil es vielleicht nicht jedem bewusst ist."
Maischberger: "Entschuldigung."
Bilger: "Also, durch die Digitalisierung können wir die Schienen in Zukunft viel effizienter nutzen, ohne zusätzlich Gleise dafür bauen zu müssen. Also wirklich eine gute Sache, ein Zukunftsprojekt. Und richtigerweise ist es eben auch in Stuttgart so, dass dort ein digitaler Bahnknoten entstehen soll. Aber leider war es dort so im Bauablauf, dass viele Kilometer Kabel falsch verlegt wurden und das jetzt wieder rückgebaut werden muss."
Hintergrund: Verzögert sich Stuttgart 21 wegen falsch verlegter Kabel?
Im Rahmen des Großprojekts Stuttgart 21 soll die baden-württembergische Landeshauptstadt das erste digitale Schienennetz überhaupt in Deutschland bekommen. Der sogenannte Digitale Knoten Stuttgart (DKS) soll insgesamt rund 500 Streckenkilometer in der Region umfassen. Herzstück des Projekts ist der neue unterirdische Hauptbahnhof.
Digitale Schiene – was heißt das?
Der Digitale Knoten Stuttgart (DKS) gilt als wichtigstes Pilotprojekt der Initiative Digitale Schiene Deutschland, die im Jahr 2015 von der Deutschen Bahn gemeinsam mit dem Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) ins Leben gerufen wurde. Auch wenn das BMDV im Mai 2025 umstrukturiert und das Digitalressort in ein eigenes Ministerium ausgelagert wurde, bleibt der Bund nach wie vor der wichtigste Geldgeber für das Projekt.
Das Hauptziel der digitalen Umrüstung besteht darin, die Leistungsfähigkeit, Pünktlichkeit und Kapazität des bestehenden Schienennetzes deutlich zu steigern, ohne zwingend neue Gleise bauen zu müssen. Die Rede ist von einer Kapazitätssteigerung zwischen 20 und 35 Prozent. Wie genau soll das funktionieren?
Bislang ist der Großteil des deutschen Schienennetzes noch mit herkömmlichen Signalanlagen ausgestattet. Sie funktionieren wie Ampeln im Straßenverkehr und zeigen dem Zugführer an, ob der Streckenabschnitt vor ihm frei ist. Ist das nicht der Fall, muss der Zug anhalten und warten, bis die Strecke frei ist. Auf diese Weise entsteht ein Großteil der Verspätungen.
Durch die digitale Zugsteuerung soll das anders werden. Indem der Verkehr auf der Strecke lückenlos und in Echtzeit überwacht wird, kann die Lokführerin oder der Lokführer flexibler agieren. Durch das neue europäische Zugsicherungssystem ETCS ("European Train Control System") wird auf einem Bildschirm im Führerstand angezeigt, wie lange die Strecke vor dem Zug frei ist und wie schnell gerade gefahren werden darf. Die Abstände zwischen den Zügen können somit verdichtet werden, mehr Züge können hintereinander auf den Strecken fahren.
Falsche Kabel: Was ist in Stuttgart schief gelaufen?
Bis das neue System in Stuttgart einsatzbereit ist, wird es noch einige Zeit dauern. Wie die Deutsche Bahn kürzlich mitteilte, rechnet man mit einer Fertigstellung frühestens im Jahr 2031. Ursprünglich sollte das Projekt 2019 abgeschlossen sein. Der Termin wurde inzwischen mehrfach nach hinten geschoben. Gebaut wird seit 2010.
Zudem wird das Projekt laut Bahn-Angaben nochmals deutlich teurer: Die Kosten steigen demnach um weitere rund 3 Milliarden Euro auf 14,5 Milliarden.
Ein Grund für die neuerliche Verzögerung soll aktuellen Berichten zufolge ein Planungsfehler sein. Wie eine Recherche des SWR zeigt, wurden Kabel verbaut, die für die Installation der digitalen Zugsysteme nicht geeignet sind. Die Rede ist von mehr als 1.000 Kilometern Kabel und Kabelschächten, von denen ein Großteil ausgetauscht werden müsse. Laut SWR habe man bei der Planung des digitalen Schienennetzes lange Zeit nicht beachtet, dass in Randgebieten noch über Jahre hinweg Güterzüge fahren werden, die sich nicht auf das erforderliche ETCS-System (siehe oben) umrüsten lassen. An diesen Stellen braucht es neben der digitalen Technik weiterhin herkömmliche Signale. Dafür musste die Bahn kilometerweise zusätzliche Kabel verlegen und Kabelschächte bauen.
Das Problem: Noch bevor die Planungen endgültig abgeschlossen waren, habe die Bahn das Verlegen der Kabel in Auftrag gegeben – um Zeit zu sparen. Man habe sich dabei jedoch für die falschen Kabel entschieden, die mit den finalen Plänen nicht kompatibel seien.
Bahn-Chefin Evelyn Palla räumte inzwischen schwere Versäumnisse ein. Das bisherige Projektmanagement habe nicht ausgereicht, um ein Vorhaben in dieser Größenordnung zu steuern, sagte sie Ende Juni nach einem Spitzentreffen mit Projektpartnern in Stuttgart. Es habe organisatorische Defizite bei Prozessen und Kontrollen gegeben, außerdem mangelhafte Abstimmung an bestimmten Schnittstellen.
Fazit
Ein Grund für die neuerliche Verzögerung des Großprojekts Stuttgart 21 ist ein Planungsfehler, der zum Einbau falscher Kabel führte. Diese müssen aufwendig zurückgebaut werden. Mit der Fertigstellung des Projekts wird nun erst frühestens im Jahr 2031 gerechnet. Dann soll Stuttgart endlich Vorreiter bei der Digitalisierung des deutschen Schienennetzes sein. Durch die deutlich höhere Flexibilität digital gesteuerter Züge sollen Pünktlichkeit und Kapazität des Streckennetzes erheblich gesteigert werden.
Stand: 20.08.2026, 17:42 Uhr