MONITOR vom 14.08.2025

Der Fall Brosius-Gersdorf: Sieg der Glaubenskrieger?

Frauke Brosius-Gersdorf hat ihre Kandidatur für das Bundesverfassungsgericht zurückgezogen. Gefeiert wird das insbesondere von radikalen christlichen Lobbygruppen mit Verbindungen in die USA. In deren Zentrum: die AfD-Politikerin Beatrix von Storch. Der Fall Brosius-Gersdorf offenbart, wie gut vernetzt, finanzstark und kampagnenfähig diese radikale Minderheit geworden ist – und wie anfällig demokratische Institutionen sind.

Von Andreas Spinrath, Till Uebelacker, Charlotte Rothe, Jonas Wagner

Cornelia Kaminski, ALFA: "Bei uns knallen heute Abend die Sektkorken. Wir haben es wirklich mit unserem Einsatz geschafft. Brosius-Gersdorf ist endgültig verbrannt!"

Georg Restle: "Endgültig verbrannt! So jubeln die Gegner von Frauke Brosius-Gersdorf, die ihre Kandidatur fürs Bundesverfassungsgericht zurückgezogen hat. Das klingt fast nach Hexenverbrennung; und vielleicht ist es ja auch genau so gemeint. Hallo und willkommen bei MONITOR!

Ja, wochenlang beschäftigte der Fall die Republik, eine beispiellose Kampagne, die von rechten Krawallmedien im Netz ordentlich befeuert wurde. Von einer "Totengräberin des Grundgesetzes“ war da die Rede oder von einer "Richterin des Grauens“ die man erfolgreich verhindert hätte. Und so klingt das denn bei denen, die sich zu den Siegern dieser Kampagne erklären.

Julian Reichelt: "Insofern kann man dieses Wochenende nur kräftig auf Holz klopfen und dankbar sein, dass wir dieser Ideologin am Verfassungsgericht gerade noch mal so entflohen sind."

Birgit Kelle: „Die Christen in Deutschland haben gerade etwas geschafft, nämlich eines ihrer Kernthemen mitten in die Debatte hineinzutragen und zu sagen, es ist jetzt Schluss mit lustig und allein dafür würde ich sagen, ist es ein guter Tag."

Die Christen in Deutschland? Damit stellt sich die Frage, wer steckt eigentlich hinter dieser Kampagne? Welche Rolle spielen Netzwerke radikaler Christen dabei und vor allem diese Frau: Beatrix von Storch, die schrille Lautsprecherin der AfD-Fraktion im Bundestag. Fest steht: Der Kampf gegen die Kandidatin fürs Verfassungsgericht soll dabei nur der Anfang sein. Längst geht es den neuen Glaubenskriegern um viel mehr; um einen Kreuzzug gegen die liberale Demokratie. Andreas Spinrath, Till Uebelacker, Charlotte Rothe und Jonas Wagner."

Sie spielt in dieser Geschichte eine zentrale Rolle, die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag: Beatrix von Storch. Wer sich mit der Kampagne gegen Frauke Brosius-Gersdorf beschäftigt, kommt an ihr kaum vorbei.

Beatrix von Storch, stellv. Fraktionsvorsitzende: "Können Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren, diese Frau zu wählen?"

Schon früh postete sie, Brosius-Gersdorf sei:

Zitat: "Eine linksradikale Aktivistin, die im Prinzip der Abtreibung bis zum 9. Monat das Wort redet."

Eine böswillige Unterstellung, die sich im Netz schnell verbreitete. Und von der christlichen Rechten aufgegriffen wurde. Fast 150.000-mal wurde eine Petition gegen Brosius-Gersdorf unterzeichnet. Der Initiator: Citizen Go, eine internationale Plattform für erzkatholische, ultra-rechte Kampagnen. Als die Wahl von Brosius-Gersdorf abgesagt wird, feiert Citizen Go mit Unterstützern in Berlin:

Mann: "Wir haben einen historischen Sieg errungen. Wir haben das gewonnen, dank Ihnen ist die CDU umgefallen."

Eine Kampagne, ganz im Sinne von Beatrix von Storch und der AfD. Die wie in den USA einen Kampf gegen alles Liberale, "woke" führen will.

Beatrix von Storch, stellv. Fraktionsvorsitzende, 04.06.2025: "Wir sehen uns als Teil der großen Erneuerungsbewegung in den westlichen Ländern, die die Wokeness überwinden wollen, sodass wir stolz sagen können, wir sind der neue Westen. Wir können eine neue Brücke über den Atlantik bauen auf dem gemeinsamen Fundament von Freiheit, Nation und Christentum."

Ein Bündnis fundamentalistischer Christen in Europa und den USA? Seit Jahrzehnten versuchen in den USA, radikale Christen politischen Einfluss zu nehmen. Und haben es mit Trumps Glaubensberaterin und Predigerin Paula White bis ins Weiße Haus geschafft.

Paula White (Übersetzung MONITOR): "Amerikas spirituelle und moralische Grundfesten wurden wiederhergestellt. Das ist erst der Anfang. Heute ist kein Treffen, heute ist ein Moment göttlicher Erleuchtung."

Um Trump sammeln sich keine gewöhnlichen konservativen Christen, sagt der amerikanische Autor Jonathan Rauch.

Jonathan Rauch, Brookings Institution (Übersetzung MONITOR): "Die christliche extreme Rechte, die christlichen Nationalisten, die Leute, die das Christentum als politische Agenda sehen, um Regierung und Kultur zu übernehmen. Sie haben ein enges Bündnis mit Trump und seiner Bewegung geformt, sie haben politische Macht wie nie zuvor."

Diese Lobby wettert öffentlichkeitswirksam gegen ihre selbsterklärten Feinde; gegen Homosexuelle, gegen Minderheiten, gegen alles, was als liberal wahrgenommen wird.

Robert Jeffress, Pastor  (Übersetzung MONITOR): "Nicht nur gleichgeschlechtliche Ehen, sondern alle Abweichungen: Ehebruch, vorehelicher Sex, Scheidungen. Das sind alles Sünden, weil sie nicht dem perfekten Anspruch Gottes genügen."

Eine extreme Bewegung, die mit Trump schon lange einen mächtigen Verbündeten hat.

Donald Trump, US-Präsident, 24.01.2020 (Übersetzung MONITOR): "Es ist mir eine große Ehre, als erster Präsident in der Geschichte am "Marsch für das Leben” teilzunehmen. Wir sind aus einem ganz einfachen Grund hier: Wir verteidigen das Recht jedes Kindes, egal ob geboren oder ungeboren, sein gottgegebenes Potenzial zu entfalten."

Der Marsch für das Leben in Washington. Schon lange gibt es vergleichbare Demonstrationen von Abtreibungsgegnern auch in anderen Ländern. In Argentinien, in Rumänien, in Polen, in Frankreich – und auch in Deutschland. Hier demonstrieren Vertreter von Citizen Go, der Plattform, die fast 150.000 Unterschriften gegen Brosius-Gersdorf sammelte. Hier mischt sich die christliche Rechte mit katholischen Weihbischöfen oder den "Christdemokraten für das Leben”. Regelmäßig bei solchen Demonstrationen dabei – Beatrix von Storch, hier 2019. Sie ist bis heute eine zentrale Figur im Netzwerk selbsternannter Lebensschützer in Europa. Sie und ihr Mann Sven von Storch führen oder führten diverse Vereine und Organisationen. Von Storch hat enge Verbindungen zu reichen Stiftungen und zu Organisationen, die zum Beispiel für ein radikales Abtreibungsverbot kämpfen. Unterstützt werden sie dabei von zahlreichen Kampagnen-Plattformen und Medien. Ein Netzwerk, das eng verbunden ist mit anderen ultrareligiösen Akteuren im Ausland, auch in den USA. Ein Netzwerk, dass sich immer weiter ausbreite, sagt Neil Datta. Er recherchiert seit Jahrzehnten zu Abtreibungsgegnern.

Neil Datta, Europäisches Parlamentarisches Forum für sexuelle und reproduktive Rechte (Übersetzung MONITOR): "Beatrix von Storch ist eine Schlüsselfigur des religiösen Extremismus in Europa. Sie spielt eine zentrale Rolle in der AfD. Und sie pflegt enge Kontakte mit religiös-extremistischen Organisationen. Das ultimative Ziel ist politische Macht, dafür setzen sie sich mit großem Aufwand ein. Sie versuchen dabei auch gezielt, Einfluss an der Basis und auf die Medien zu nehmen."

Der Weg zur Macht – dafür hat die AfD einen Plan. In einem internen Strategiepapier, das dem Medium "Politico" zugespielt wurde, wird klar, wie der aussieht. Die AfD will demnach "Neue Potenziale erschließen" und das "Akzeptanzumfeld vergrößern". Dafür will man einen "Kulturkampf" entfesseln und den "Druck auf die Union erhöhen". Man will "konfessionelle Christen" für sich gewinnen. Mitverantwortlich für die neue AfD-Strategie: Beatrix von Storch. Der Soziologe Gert Pickel beschäftigt sich mit dem Graubereich zwischen religiösen Fundamentalisten und Rechtsextremisten. Der Fall Brosius-Gersdorf ist für ihn besorgniserregend.

Prof. Gert Pickel, Religionssoziologe, Universität Leipzig: "Dieser Erfolg wird natürlich gerade diese Gruppen beflügeln, darin das in weiteren Aktionen jetzt auf den Weg zu bringen. Und tatsächlich ist es natürlich eine große Gefahr, gerade wenn es zum Schulterschluss mit der AfD – einer wir wissen rechtsextremen Partei nach Verfassungsschutz führt – das kann sehr, sehr weitreichende Folgen haben."

Der Erfolg von Rechtsextremisten und erzreaktionären Christen. Der Fall Brosius-Gersdorf dürfte erst der Anfang gewesen sein – in einem Kulturkampf vom rechten Rand, der die Republik weiter spalten wird.

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Kommentare zum Thema

  • Klaus Jochen Rodenbeck 15.08.2025, 12:38 Uhr

    Die Brandmauer ist wieder eingerissen worden. Dabei war sie noch gar nicht richtig repariert worden.

  • Christa Gade 15.08.2025, 12:20 Uhr

    Ich habe selten so eine linksradikale Hetze erlebt! Lebensschutz: "Fundamentalismus" In welcher irren Realität sind wir eigentlich angekommen!!!

  • Oswald Schmidt 15.08.2025, 10:38 Uhr

    Ich sehe und schätze Monitor seit Jahrzehnten als kritische gut recherchierte Sendung, gemacht von guten Journalisten wie Castorff, Ruge, Bednarz. Und jetzt diese Sendung gestern: flach, einseitig, schlecht recherchiert. Da hatte jemand eine vorgefasste Meinung und wollte sie wie auch immer nachweisen. Ich bin entsetzt, was aus dieser Sendung mittlerweile geworden ist.