Ein Mann hält ein Plakat, das den US-Präsidenten Donald Trump als Adolf Hitler zeigt (18.10.2025).

MONITOR vom 05.02.2026 Trumps Amerika: Ist das schon Faschismus?

Die Geschehnisse in den USA ziehen die Weltöffentlichkeit in ihren Bann: Inhaftierungen ohne Haftbefehl, Erschießungen auf offener Straße und ein Präsident, der von seinen Anhängern verehrt wird, obwohl er seine eigene „Moral“ über das Gesetz stellt. Selbst Experten, die lange gezögert haben, sprechen inzwischen von „Faschismus“. Ist das berechtigt? Und was bedeutet das für die USA und die Welt?

Von Véronique Gantenberg, Julius Baumeister

Georg Restle: "Bleibt drinnen! Schließt die Türen! Sie kommen! Eine Szene wie aus einem Horrorfilm, aber es ist die Realität in den USA unter Donald Trump. Hallo und willkommen bei MONITOR.

Warnrufe vor einer gewalttätigen Staatspolizei, die nachts kommt, um Menschen abzuholen. Nicht nur in Deutschland weckt das Erinnerungen an düstere Zeiten; auch in den USA gibt es immer mehr Menschen, die vor einem Abgleiten des Landes in den Faschismus warnen. Dabei geht es nicht nur um ästhetische Fragen wie diesen Mantel eines berüchtigten ICE-Kommandeur, der an eine NS-Uniform erinnert. Es geht um gewalttätige Truppen, die im Auftrag der Regierung Jagd auf Menschen machen. Es geht auch um ein neues, sehr weißes Nationalbewusstsein und um die Selbstüberhöhung eines Präsidenten, der sich als Gesandter Gottes begreift. Führerkult, Rassismus, Gewalt – also doch Faschismus? Véronique Gantenberg und Julius Baumeister."

Jeden Tag aufwachen, zu einem immer neuen Amerika. Zu Bildern, die schwer zu glauben sind. Bilder, die immer weniger aussehen, als kämen sie aus einer Demokratie. Trumps Amerika 2026.

Donald Trump, 21.01.2026: "Sometimes you need a dictator."

Der Widerstand wächst in den USA, gegen einen Präsidenten und seine Bewegung, für die viele hier nur noch einen Begriff kennen – Faschismus. Ein Begriff, untrennbar verbunden mit Italien, Diktator Benito Mussolini, mit dem Faschismus in Deutschland, Hitler, den Gräueltaten der Nazis. Was hat das mit Trump zu tun? Ist das wirklich Faschismus? Fangen wir hier an, beim Führerprinzip. Im Faschismus ist das die uneingeschränkte Macht des Einen, die nicht hinterfragt werden darf. Ein Führer, der die Moral und das Recht selbst verkörpert – Selbstermächtigung. totalitär, antidemokratisch. Wie weit sind die USA unter ihrem Präsidenten davon entfernt? Donald Trump. Ein Erlöser für Amerika. So sieht er sich selbst.

Donald Trump, 20.01.2025 (Übersetzung MONITOR): "Gott hat mich gerettet, um Amerika wieder groß zu machen."

Amerika wieder groß machen; in Trumps Namen. Trump-Regierungsprogramme, Trump-Schlachtschiffe und Trump-Banner an Regierungsgebäuden. Überlebensgroß. Ein Führerkult? Mit einer Bewegung, die ihn vergöttert. Aber ist Trump ein Führer, der über allem steht? So hat er das vor kurzem im Interview mit der New York-Times gesagt.

Reporterin (Übersetzung MONITOR): "Wer kontrolliert Ihre Macht? Gibt es etwas, das Sie stoppen kann?"

Donald Trump (Übersetzung MONITOR): "Ja, das ist eine Sache. Meine eigene Moral, mein eigener Verstand."

Ein Präsident, der glaubt, über dem Recht zu stehen? Ist das schon Faschismus? Jonathan Rauch hat lange gezögert, diesen Begriff zu verwenden. Rauch ist jüdisch-amerikanischer Historiker und Autor.

Jonathan Rauch, Autor, Brookings Institution (Übersetzung MONITOR): "Faschistische Führer kreieren einen Personenkult um sich selbst, der sie fast wie Halbgötter aussehen lässt. Die gesamte Loyalität gilt nur ihnen. Das ist kein Spiel, das ist etwas, das faschistische Führer üblicherweise tun. Sie erheben sich selbst zur Verkörperung des Staates, des Führers – mit allem, was dazugehört. Genau das hat Trump getan."

Das Führerprinzip ist das eine, die Ideologie das andere. Auch das kennzeichnet den Faschismus: Der Nationalismus. Es ist die Überhöhung der eigenen Nation, völkisch auf Blut und Boden gebaut. Rassistisch gegen die Eindringlinge, die als Schädlinge gelten. Erleben wir das auch in den USA? Trumps Ideologie erreicht einen vor allem dort, wo ein Zentrum für seine Macht liegt – im Internet. Offizielle Regierungsaccounts veröffentlichen Bilder mit klaren Botschaften: Amerikaner zuerst – weiße Amerikaner zuerst. Oder Aufrufe, illegale Migranten zu melden für günstigen Wohnraum. Aufrufe, die unweigerlich an andere Zeiten erinnern. Ist das alles schon Faschismus? Jason Stanley ist jüdisch-amerikanischer Faschismusexperte. Er hat die USA mittlerweile verlassen und lebt in Kanada.

Prof. Jason Stanley, Philosoph, Universität Toronto (Übersetzung MONITOR): "Es ist so wichtig, es Faschismus zu nennen, weil wir vorhersagen müssen, was als nächstes in den USA passiert. Und wenn wir es Faschismus nennen, wissen wir, dass wir eine Vorstellung von Staatsbürgerschaft bekommen werden, die auf Blut basiert. Das ist die Art von Staatsbürgerschaftsverständnis, die den Rassismus in den USA geprägt hat."

Ein rassistischer Nationalismus, der sich gegen seine inneren Feinde richtet. So sieht es Trump:

Donald Trump, 30.09.2025: "Wir werden von innen angegriffen und wir stoppen das sehr schnell."

Donald Trump, 11.11.2023: "Wir versprechen, dass wir die Kommunisten, Faschisten und die radikalen, linken Schläger ausmerzen, die wie Ungeziefer in unserem Land leben."

Donald Trump, 02.12.2025: "Es ist der falsche Weg, wenn wir weiterhin Müll in unser Land holen. Sie vergiften das Blut unseres Landes."

Menschen, die das Blut einer Nation vergiften. So klang das schon mal.

Jonathan Rauch, Autor, Brookings Institution (Übersetzung MONITOR): "Das ist ein weiteres, faschistisches Prinzip. Die Staatsbürgerschaft aufgrund des Blutes. Dass wir eben kein Einwanderungsland sind und keine Menschen, die zusammenkommen, weil sie den Glauben an die Unabhängigkeitserklärung oder die Verfassung teilen. Es ist die Vorstellung, dass einige tiefere Wurzeln haben als andere. Das ist die Idee des Volks."

Das Volk. Aber was bedeutet es, wenn man nicht dazugehört? Wenn man keine Rechte hat. Der Unrechtsstaat im Faschismus: Die Entrechtung der Opposition, der Andersdenkenden. Das Ende der Gewaltenteilung. Die Richter dienen dem Führer, das Unrecht sichert die Macht. Wie sieht das in den USA heute aus? Unter Trump gibt es für Migranten kaum noch ordentliche Gerichtsverfahren, sie werden verschleppt, auch in Hochsicherheitsgefängnisse in El Salvador, eingepfercht Zehntausende von ihnen. Und auch in den USA entstehen gerade im ganzen Land Haftlager – in alten Lagerhallen. Laut Menschenrechtsorganisationen kommt es hier zu Folter, Todesfällen. Trumps Amerika: Entführung, Rechtsbrüche, Expansion. Noch sind die USA ein Rechtsstaat. Aber, wie lange noch? Völkerrechtsexperte Kai Ambos hat eine klare Antwort auf die Frage:

Reporter: "Welches Rechtsverständnis hat Donald Trump?"

Prof. Kai Ambos, Völkerrechtler, Universität Göttingen: "Überhaupt keins, denn er sagt ja, er sei nicht an das Recht gebunden und nicht an das Völkerrecht und nur an seine eigene Moral. Also, Recht ist keine Kategorie, die für einen Trump irgendwie relevant ist."

Und noch etwas prägt den Faschismus: Die Gewalt. Die Auslöschung politischer Gegner und aller, die als Feinde des Volkes gelten. Terror, Inhaftierung, Mord. Wie weit sind die USA davon entfernt?

JD Vance, 07.12.2026 (Übersetzung MONITOR): "Wir gehen von Tür zu Tür, finden illegale Ausländer, schieben sie ab."

Das klingt in den USA gerade so: Menschen warnen ihre Nachbarn. ICE-Truppen stehen mit Kriegswaffen vor der Haustür, oft ohne Haftbefehl. Seit Monaten macht die sogenannte Einwanderungsbehörde ICE Jagd auf Menschen. Ob mit oder ohne amerikanischen Pass. Gejagt werden alle, die nicht in Trumps Amerika passen – sogar Kinder. Wer sich den Beamten in den Weg stellt, riskiert sein Leben. Wie der getötete Krankenpfleger Alex Pretti. Wie die getötete Renee Good. Gewalt als legitimes Mittel?

Jonathan Rauch, Autor, Brookings Institution (Übersetzung MONITOR): "Das Markenzeichen des Faschismus ist, dass er Gewalt verherrlicht. Er befürwortet Gewalt, er feiert Gewalt. Und nun gibt es inszenierte Gewalt auf den Straßen Amerikas, es wird tödliche Gewalt angewendet.

Für Rauch offenbart das den Faschismus. Aber heißt das, Hitler und Trump sind das gleiche?

Jonathan Rauch, Autor, Brookings Institution (Übersetzung MONITOR): "Das ist auf keinen Fall dasselbe, und das sage ich als homosexueller Jude, der Verwandte hatte, die im Holocaust gestorben sind. Also nein. Wir setzen diese beiden Dinge nicht gleich. Wir sprechen über eine Philosophie. Es ist sehr wichtig, zwischen dem zu unterscheiden, was wir derzeit in Amerika haben, einem faschistischen Präsidenten unter einer faschistischen MAGA-Bewegung und dem, was Deutschland in den 1930er Jahren hatte, nämlich einen faschistischen Staat oder eine faschistische Gesellschaft."

Ein faschistischer Staat. Deutschland unter Hitler – befreit, nicht zuletzt auch von den Amerikanern. In den Nürnberger Prozessen schufen sie ein internationales Recht, das den Faschismus für immer besiegen sollte.

Ben Ferencz (Übersetzung MONITOR): "Wir bitten dieses Gericht, durch internationale Strafmaßnahmen das Recht des Menschen zu bekräftigen, in Frieden und Würde zu leben – unabhängig von seiner Rasse oder Religion."

Ein internationales, ein antifaschistisches Recht, das Amerikas Präsident, Donald Trump, heute nicht mehr anerkennen will.

Georg Restle: "Daran sollte man in diesen Tagen erinnern: Es waren vor allem auch Amerikaner, die den Faschismus in Europa bekämpft und besiegt haben – mit den Mitteln des Rechts. Ben Ferencz, einer der Chef-Ankläger von Nürnberg, den Sie gerade im Film gesehen haben, war damals ein junger Jurist. Vor sieben Jahren warnte er noch eindringlich vor Donald Trump und seiner MAGA-Bewegung:

Ben Ferencz (Übersetzung MONITOR): "Adolf Hitler hat die Öffentlichkeit belogen, indem er ihr das Gefühl gab, bedroht zu werden von einer ganz bestimmten Gruppe, die nur zur Vernichtung bestimmt ist. Ähnliche Argumente kommen heute aus dem Weißen Haus. Ich bin besorgt darüber; aber ich bin schon 99. Also mache ich mir Sorgen um Euch, nicht um mich."

2023 – noch vor Trumps zweiter Amtszeit – ist Ben Ferencz gestorben. Ich frage mich, was er wohl heute sagen würde?"

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Stand: 05.02.2026, 22:15 Uhr

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