Hast du schon mal von "Hostile Architecture" gehört? Mit dieser Gestaltungsform des öffentlichen Raums versuchen manche Kommunen u. a., Obdachlose aktiv aus dem Stadtbild zu drängen, zum Beispiel mit Stacheln ("Spikes") unter Brücken.
Wohnungslos oder obdachlos? Das ist der Unterschied
Laut Wohnungslosenberichterstattungsgesetz (WoBerichtsG) gilt als wohnungslos, wer keinen rechtlich abgesicherten Wohnraum hat – sei es durch Mietvertrag, Pachtvertrag oder andere Rechte. Wohnungslosigkeit bedeutet also, dass eine Person keinen eigenen Wohnraum zum Schlafen hat. Sie kann aber nachts zum Beispiel in Notfalleinrichtungen, Heimen oder bei Freunden unterkommen. Obdachlos hingegen ist, wer auch nachts keine Unterkunft findet und draußen lebt. Nur ein kleiner Teil der Wohnungslosen ist auch obdachlos.
Dagegen setzen zahlreiche Initiativen ein deutliches Gegenbild: Sie schaffen Begegnungen, bieten praktische Unterstützung und helfen Betroffenen dabei, wieder Halt zu finden. Wir stellen hier sieben solcher Projekte vor. Einige davon richten sich nicht nur an Obdachlose, sondern auch an Menschen mit eigener Wohnung. Ziel des Ganzen: den direkten Austausch fördern. Denn Verständnis für die Situation von Obdachlosen ist der erste Schritt zu einem besseren Miteinander.
1. Hilfe bei Extremwetter: Hitze- und Kältebusse
Menschen ohne Dach über dem Kopf sind den Temperaturen draußen ausgesetzt. Egal ob extreme Hitze oder extreme Kälte – beides kann für sie gesundheitlich gefährlich werden. An heißen Tagen ist es überlebenswichtig, genug zu trinken und sich vor der Sonne zu schützen. In manchen Winternächten droht ihnen hingegen der Kältetod.
In einzelnen Städten, wie zum Beispiel Berlin, Hamburg oder Solingen, gibt es Busse, die im Hochsommer und im tiefsten Winter durch die Stadt fahren, um die Menschen mit notwendigen Dingen zu versorgen. Die Helfer:innen versorgen sie bei Hitze mit Wasser, Sonnencreme und schützender Kleidung. Bei besonders niedrigen Temperaturen bringt der Kältebus wärmende Getränke, Speisen und Schlafsäcke.
So kannst du Obdachlosen im Winter helfen
Sprich die betroffenen Menschen an und frag nach, ob sie Hilfe benötigen. Dann kannst du beispielsweise bei der Kältehotline oder dem Kältebus deiner Stadt anrufen. Wenn du in einer Suchmaschine nach "Kältehilfe" oder "Kältebus" sowie deiner Stadt suchst, findest du entsprechende Telefonnumern. Diese könntest du dir vorsorglich in deinem Handy speichern. Auf Vostel.de findest du Kontaktdaten für ganz Deutschland nach Städten sortiert.
Wenn die Personen nicht mehr ansprechbar sind, wähle immer zur Sicherheit die 112.
Außerdem kannst du bei Hilfsorganisationen in deiner Nähe nachfragen, was sie momentan für die Obdachlosenhilfe benötigen und entsprechende Dinge vorbei bringen oder Geld spenden.
2. Obdachlose zeigen ihre Stadt bei einer Stadtführung
Wie sehen Obdachlose eine Stadt? Diese etwas andere Perspektive auf das urbane Leben zeigen einige ehemals Obdachlose auf speziellen Führungen. Hier werden nicht die klassischen Sehenswürdigkeiten für Tourist:innen vorgestellt, sondern Orte, die für obdachlose Menschen wichtig sind.
Dabei verdeutlichen sie auch, mit welchen Problemen und Schwierigkeiten ein Mensch ohne Unterkunft jeden Tag zu kämpfen hat: Wo gehe ich auf Toilette? Wo kann ich günstig mein Hab und Gut einschließen? Wo gibt es Angebote zum Waschen? Wo bekomme ich Trinkwasser? Das zeigt zum Beispiel Stadtführerin Melanie in Bonn.
Sie war einst selbst obdachlos und ist nicht die einzige, die solche Touren anbietet. Organisiert werden die Führungen vom Verein "Stadtstreifen", der das Projekt gegründet hat. Ähnliche Führungen gibt es auch in Köln, Dortmund oder Berlin.
3. Kostenloser Haarschnitt für Bedürftige
Die "Barber Angels" tragen Rockerjacken und heißen "Lady Grey", "Papa Bär" oder "Miraculix". Sie sind Friseurinnen und Friseure mit einer Mission: Wohnungs- und Obdachlosen kostenlos die Haare zu schneiden. Also denjenigen, die sich das normalerweise nicht ohne Weiteres leisten können. Als "Barber Angels", also Barbier-Engel, gehen sie in Wohneinrichtungen oder Bahnhofsmissionen.
Ein Friseur aus Baden-Württemberg hatte 2016 diese Idee. Mittlerweile haben die Barber Angels rund 800 Mitglieder in ganz Europa. Die Friseurinnen und Friseure nutzen ihr Handwerk, um ohne Gegenleistung Gutes zu tun. Während des kostenlosen Haarschnitts entstehen oft Gespräche und Bekanntschaften. Und der Blick in den Spiegel, nachdem Haare und Bart wieder in Form sind, ist jedes Mal ein Erlebnis.
4. Mobile Duschen für mehr Menschenwürde
Körperpflege gehört zu unseren Grundbedürfnissen. Für Menschen, die ihr Leben auf der Straße verbringen, ist der Zugang zu Wasch- und Duschräumen jedoch oft nicht gegeben oder schwer erreichbar. In Düsseldorf gibt es daher seit 2024 einen mobilen Duschanhänger, der obdach- und wohnungslosen Menschen eine warme Dusche sichert.
Der Anhänger wird von montags bis freitags dorthin gebracht, wo er gebraucht wird. Im Austausch mit den Menschen, die ihn in Anspruch nehmen, finden die Initiator:innen aktuell heraus, welche Standorte am sinnvollsten sind. Außerdem stellen sie Hygieneartikel, Handtücher und frische Kleidung zur Verfügung. Ähnliche Konzepte gibt es bereits in anderen großen Städten, wie zum Beispiel in Hamburg, Hannover oder Berlin.
5. Hilfe für Obdachlose: Housing First
Finnland gilt als Vorreiter im Umgang mit Obdachlosigkeit. Die Obdachlosenzahlen sind hier seit Jahren rückläufig. Unter anderem aufgrund eines konsequenten Wohnprogramms, das sich "Housing First" nennt. Obdachlose bekommen hier seit 2008, unterstützt durch nationale Programme, bedingungslos eine kleine Wohnung. Die erforderlichen Wohnungen stellt eine Stiftung zur Verfügung oder baut sie neu.
Dieser Ansatz ist in den 1980er Jahren entstanden und sieht die eigenen vier Wände als wichtigen Baustein für die erfolgreiche Reintegration. Aus dem geschützten Raum heraus können weitere Probleme besser angegangen werden. Hierbei stehen auch Sozialarbeiter:innen zur Unterstützung bereit. So konnte die Obdachlosigkeit deutlich reduziert werden. Nach zwälf Jahren gab es im Jahr 2024 das erste Mal wieder einen Anstieg der Wohnungslosigkeit im Vergleich zum Vorjahr.
Der Großteil der ehemals Obdach- und Wohnungslosen schafft so den Weg zurück in ein stabiles Leben. Auch in Deutschland gibt es mittlerweile mehrere Housing First-Programme auf lokaler Ebene.
6. Studierende und frühere Obdachlose wohnen in einer WG
Im Wiener Sozialprojekt "VinziRast – mittendrin" wohnen junge Studierende zusammen mit ehemals Obdachlosen in Wohngemeinschaften. Gemeinschaftsküchen und Wohnzimmer sorgen für viel Austausch untereinander.
Es gibt Werk- und Veranstaltungsräume, Studierzimmer und einen Dachgarten. Das Projekt hat auch das Ziel, sich selbst und andere besser kennenzulernen und neue Perspektiven zu erhalten.
7. Geschenkte Tiny Houses als Hilfe für Wohnungslose
Ein Stück Privatsphäre auf ein paar Quadratmetern ermöglicht der Verein „Little Home“ aus Köln. Freiwillige bauen Mini-Häuschen und verschenken sie an Obdach- und Wohnungslose.
Die „Little Homes“ stehen auf Rädern, sie benötigen deshalb keine Baugenehmigung. Zur Einrichtung der Mini-Häuschen gehören eine Matratze, ein Feuerlöscher und eine Camping-Toilette. Die Little Homes stehen bereits in vielen deutschen Städten, beispielsweise in Köln, Potsdam, Kiel, Wiesbaden oder Nürnberg.
Du bist selbst wohnungslos oder obdachlos oder hast Angst, deine Wohnung zu verlieren? Hier kannst du dich über Hilfen informieren und Beratungsstellen bei dir vor Ort suchen.
Die kleinste Praxis Kölns: Hier bekommen Obdachlose umsonst Hilfe (WDR Lokalzeit)
Leben und Sterben auf der Straße (ardmediathek.de)
Quellen:
Informationen und Statistiken der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (bagw.de)
Wohnungslosenbericht 2024 (bmwsb.bund.de)
Homepage der Barber Angels (b-a-b.club)
Informationen und Hintergründe zum Wohnprojekt "VinziRast mittendrin" in Wien (vinzirast.at)
Informationen und Hintergründe zum Verein "Little Home" (little-home.eu)
Kommentare zum Thema
Ich finde es toll,dass ihr so ein Thema ,wie Menschen in geisteskranken t,aufnehmt und darüber informiert. Auch ich bin der Meinung,dass es in unserer Gesellschaft vernicht gehören oft auch den Eindruck hat,gerade in größeren Städten liegt vielen Menschen daran,möglichst wenig mit dieser Form des Lebens in Kontakt zu kommen . Es widerspricht dem Bild eines sozial funktionierenden Systems ,aber die Augen davor sollten nicht verschlossen werden . Deshalb schätze ich eure Informationen sehr und freue mich ,wenn ich auf diese Weise erfahren kann,was doch alles an Bemühungen und guten Ideen umgesetzt wird,um den Menschen in ihrer besonders schwierigen Situation Hilfe anzubieten.
Danke für diesen und Eure anderen Artikel mit tollen Ideen! Es wäre gut, wenn Ihr den Leser*innen, die kein Instagram nutzen, die Videos zur Verfügung stellen könntet (ich weiß nicht, wie das technisch funktioniert, deshalb habe ich jetzt keine Bezeichnung). Es gibt viele Menschen, die keine Social Media-Accounts haben, sei es weil sie nicht technik-affin sind, aus Selbstschutz, aus Gründen des Datenschutzes, weil sie keine Großkonzerne unterstützen möchten usw usw. @ die Leser*innen:... bitte jetzt keine Hate-Kommentare drunter posten!
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