Reise der Erinnerungen: Mit 100 Jahren noch einmal zurück ins Elternhaus
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Vor ein paar Tagen ist Anneliese Götte aus dem kleinen Dorf Körbecke im Kreis Höxter 100 Jahre alt geworden. Zu ihrem Ehrentag hatte sie nur einen einzigen Wunsch: Noch einmal ihr Elternhaus in Dortmund von innen sehen, das sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr betreten hat.
Von Luca Peters
"Noch einmal nach Dortmund hin. Dann kann ich in Ruhe sterben", sagt Anneliese Götte und stützt sich dabei auf ihren Rollator. Vor ihr ragt ein weiß-grauer Mietshaus-Klotz in den Ruhrgebietshimmel. Ein paar niedrige Bäume, ein paar Fahrradfahrer. Einige Meter hinter der alten Dame schiebt sich eine Regionalbahn träge der Dortmunder Innenstadt entgegen.
Schon lange hat Anneliese Götte nur einen Wunsch
00:13 Min.. Verfügbar bis 16.10.2027.
Die Sonnenstraße, Hausnummer 208. Anneliese Götte ist wieder da. Zum ersten Mal seit 80 Jahren wird sie wieder einen Fuß in das Haus setzen, in dem sie ihre ganze Jugend verbrachte. Vorausgesetzt, ihre Beine machen mit. Seit einem Treppensturz vor ein paar Monaten ist die 100-Jährige nicht mehr ganz so gut zu Fuß. Und nun will sie in den dritten Stock. Wie soll das klappen?
Dortmund, meine Heimat
Ein paar Stunden zuvor. Anneliese Götte sitzt in einem Ohrensessel in ihrem Haus in Körbecke im Kreis Höxter und schwelgt in Erinnerungen. Zwei schwere Fotoalben liegen auf ihrem Schoß. Schwarz-weiße Bilder aus einer Zeit, die sie nicht vergessen kann und nicht vergessen will.
Auf einem der alten Bilder: Anneliese Götte und ihre Familie in der Weihnachtszeit
Götte als kleines Mädchen vor einer Gartenlaube, bei ihrer Hochzeit mit Ehemann Josef, als junge Frau in der Metzgerei ihrer Familie, die sie führte. Fast alle Menschen, die ihr etwas bedeuteten, deren Bilder dort in ihrem Album kleben, sind mittlerweile tot. Ihr Mann Josef starb vor über 30 Jahren, ihre letzte verbliebene Schwester vor ein paar Monaten. Das Los einer 100-Jährigen. Anneliese Götte lebt für die Vergangenheit.
Als die Alliierten in der Endphase des Zweiten Weltkriegs mit ihren Bomberflotten die alte Hansestadt Dortmund in Schutt und Asche verwandeln, flieht Götte zu Verwandten aufs Land. Nach Körbecke, ein kleines Nest in der Warburger Börde. An diesem Ort wird Götte Mutter, Oma, sechsfache Uroma. In Körbecke hat sie fast ihr gesamtes Leben verbracht. Aber ist es auch ihre Heimat? Nein, meint Anneliese Götte. "Dortmund ist meine Heimat. Das ist der Ort, von dem ich nachts träume. Noch einmal die Sonnenstraße lang runtergehen. Das wäre das schönste Geschenk, was es überhaupt geben kann."
100-Jährige erinnert sich: "Meine Jugend war Krieg"
Langsam, die Hände schwer auf dem Rollator abgestützt, steuert Anneliese Götte auf die Eingangstür ihres Elternhauses zu. Viel habe sich nicht verändert, stellt die 100-Jährige fest. Die metallenen Briefschlitze. Die gelben Fliesen an den Wänden. Unzählige Male ist Götte als junges Mädchen hier vorbeigelaufen, um mit den Nachbarskindern auf der Sonnenstraße zu spielen.
Unzählige Male ist sie hier vorbeigelaufen, um bei Fliegeralarm in die Luftschutzbunker auf der anderen Bahnseite zu flüchten. Mehrere Tage und Nächte voller Todesangst steht sie hier aus, während über ihr ihre Heimatstadt buchstäblich zu Asche und Staub zerfällt. Auf dem Rückweg durch die Dortmunder Ruinenlandschaft kommt sie an den Leichen der Luftangriffe vorbei. "Das wünsche ich keinem. Das kann sich heute kein Mensch mehr vorstellen", meint Götte. "Meine Jugend war Krieg."
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Und trotz allem ist da diese Sehnsucht, die Götte auch nach so langer Zeit nicht loslässt. Die sie noch einmal zurückzieht an diesen Ort, den sie Heimat nennt. Denn Heimat, weiß die 100-Jährige längst, ist kein Entschluss. Sie ist ein Gefühl.
Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg
"Wenn ich das will, dann schaffe ich das. Ich hab mir das so gewünscht. Jetzt will ich es auch durchführen", meint Anneliese Götte und lächelt verschwörerisch. Ihr Ziel ist der dritte Stock, in dem sie aufwuchs. In ihre alte Wohnung darf sie nicht, dafür will ihr aber die Nachbarin von gegenüber die Tür öffnen. Doch Göttes letzte Etappe ist auch die schwerste. Ein paar Dutzend Altbau-Treppenstufen muss sie noch überwinden.
Wird Anneliese Götte den Aufstieg in die dritte Etage ihres Elternhauses schaffen?
00:21 Min.. Verfügbar bis 16.10.2027.
Einen Aufzug gibt es nicht, doch dafür helfen Sohn Hermann und eine Bekannte aus Körbecke der alten Dame beim Treppensteigen. "Sie macht das. Da habe ich keine Bedenken", sagt Hermann Götte. Er wird Recht behalten. Aufgeben ist für Anneliese Götte keine Option. Nicht jetzt. Nicht hier. Mit purer Willenskraft kämpft sich die 100-Jährige Stufe für Stufe ins dritte Obergeschoss.
Und dann ist es soweit. Glücklich und erschöpft schaut Götte aus dem offenen Fenster heraus auf ihre Heimat, die sie so gerne noch einmal mit eigenen Augen sehen wollte. "Jetzt habe ich es geschafft. Wo ich rausgegangen bin, bin ich auch wieder zurückgekommen." Die Dortmunder Sonnenstraße, Hausnummer 208. Anneliese Götte ist wieder zu Hause.
Über dieses Thema haben wir auch am 26.09.2025 im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit OWL, 19.30 Uhr.