Es ist ein ganz normaler Nachmittag. Auf einem Platz in der Koblenzer Innenstadt fährt ein Aston Martin vor. Ein Mann in wehendem Mantel steigt aus. Eine Cap tief ins Gesicht gezogen, darunter blitzen schwarze lange Haare hervor.
Passanten bleiben stehen, schauen, zücken die Kamera. "Ist das ein Promi?", wird gewispert. "Den kennt man, oder?" Dann verschwindet der Mann mit wehendem Mantel im Geschäft eines Herrenausstatters.
Haare färben, Anzug an: John Wick erwacht in Linz zum Leben
Andreas Kallies genießt den großen Auftritt. Er ist 48 Jahre alt, Monteur für Fitnessgeräte, gebürtiger Kölner. Inzwischen wohnt er in Linz am Rhein in Rheinland-Pfalz. Er wirkt bodenständig und sympathisch. Und er ist einer von denen, die sich für ein Karnevalskostüm richtig ins Zeug legen. Eine Qualität, die ihm vor rund zwei Jahren den Start in eine unverhoffte Nebenkarriere verschaffte: Als Doppelgänger der Actionfilmfigur John Wick, im Film gespielt von Hollywood-Star Keanu Reeves.
"Ich fand den Charakter wunderschön", erzählt er. "So habe ich im Endeffekt die Haare ein bisschen länger wachsen lassen. Dann habe ich mir die Konturen geschnitten, Anzug angezogen und ich war verwundert. Hab gedacht: Oh, das sieht dem aber schon ziemlich ähnlich. Dann habe ich noch 14 Kilo abgenommen, sodass ich ein bisschen mehr in die Rolle reinpasse. Und an Karneval kam das so gut an in Köln. Die Leute haben alle Fotos mit mir gemacht und haben gesagt: 'Boah, you're real'? Die haben mich wirklich auch auf Englisch angesprochen.”
Flughafen Kuwait: "Dann kamen die Massen auf mich zugerannt"
Kallies verreist kurz darauf im John-Wick-Look nach Südostasien - und dort wird er regelrecht überrannt.
"In Kuwait sind wir zwischengelandet, und das ganze Bodenpersonal hat aufgehört zu arbeiten, weil die wirklich gedacht haben, da kommt jetzt Keanu Reeves. Das war die erste Situation. Und ich denk: 'Oh mein Gott.' Wenn so viele Leute dann auf dich zukommen, da bin ich auch ein bisschen nervös geworden.” Andreas Kallies, John-Wick-Double
Die Passkontrolle klärt auf. Doch als er den Dutyfree-Bereich betritt, geht es direkt weiter: "Dann kamen die ganzen Massen auf mich zugerannt. Also ich weiß es nicht mehr wie viele es waren, ringsum voll, und alle wollten nur noch Fotos machen." Ein Vergnügen das er sich nicht nehmen lässt.
In Thailand wird er gefeierter Influencer
Auch im Zielland Thailand wird er gefeiert wie ein echter Star. Die Leute stehen Schlange für ein Foto mit ihm. Auf TikTok wird der täuschend echte Keanu Reeves zur Fanfigur: Mit den Menschen auf der Straße wäscht er Teller, kocht Kaffee und verkauft Tintenfisch. Plötzlich ist Kallies Influencer: Er wird als Werbegesicht gebucht, wird zum thailändischen Comedyclub eingeladen und bekommt sogar eine Gastrolle in einem Kinofilm.
Es sei aber mehr Spaß als Arbeit, sagt Kallies. "In Thailand hab ich ein bisschen Geld verdient und so wird das wahrscheinlich auch weitergehen, da haben wir noch einiges vor. Aber hier in Deutschland mach’ ich das wirklich, also noch, just for fun."
Nur Spaß - aber in ernsthafter Detailverliebtheit
Durch sein Double-Dasein hat er auch eine Art neue Familie gefunden: Er ist Teil des "Stark Multiverse" geworden, eine Gruppe von Superhelden-Doubles aus ganz Deutschland. Kopf der Gruppe ist der Eventmanager und Kostümdesigner Miloud Rabah - oder besser gesagt: Tony Stark alias Ironman.
Rabah hat auch den pompösen Auftritt in der Koblenzer Innenstadt in die Wege geleitet. Kallies, jetzt ganz in seiner John-Wick-Rolle - düsterer Blick, bedrohlicher Gang - erhält beim Herrenausstatter Raffaele de Filippo einen maßgeschneiderten Anzug. Ganz in schwarz, mit einem wichtigen Detail: eine Einstecktasche für Bleistifte auf der Innenseite. Denn Auftragskiller Wick setzt seine Feinde, wenn's hart auf hart kommt, auch mit bloßem Bleistift außer Gefecht.
Unsere Quellen:
- Interview mit Andreas Kallies
- Gespräch mit Miloud Ramah
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Bonn, 13.07.2026, 19:30 Uhr