Mehr Befugnisse für Apotheken? | WDR aktuell
2 Min. 21 Sek.. Verfügbar bis 27.02.2028.
Apotheke statt Arzt? Was bedeutet das für Menschen in NRW?
Stand:
Apotheke statt Arzt? Der Bundestag hat heute beraten, ob Apotheken mehr impfen und verschreiben dürfen – gerade auch für Menschen auf dem Land. Was sagen die, die es betrifft dazu?
In der Dorf-Apotheke in Goch-Pfalzdorf stehen die Kunden Schlange. Sie sind froh, dass es hier noch eine Apotheke gibt. Der Hausarzt nebenan hat schon vor knapp zwei Jahren dicht gemacht. Wenn Apotheker mehr Aufgaben vom Arzt übernehmen dürften, würde das den Menschen hier Zeit und Fahrerei sparen. Das, was heute in Berlin in einer ersten Lesung im Bundestag beraten worden ist, finden viele Kunden in der Apotheke deshalb gut.
Apotheke statt Arzt? "Wir müssen ja sowieso für alles fahren" – das sagen Patienten
Das sagen Menschen in der Apotheke und beim Arzt dazu.
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Das Gesetz, um das es geht, nennt sich "Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz". Es soll vor allem in strukturschwachen Regionen die Versorgung verbessern. Wie etwa hier in Goch im Kreis Kleve.
Apotheke statt Arzt?
Denn Hausarztmangel und Apothekensterben trifft den ländlichen Raum besonders hart. Allein 2025 haben laut Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, ABDA, bundesweit etwa 440 Apotheken geschlossen, am Jahresende waren nur noch 16.601 übrig.
Noch 3.510 Apotheken in NRW
In ganz NRW gibt es derzeit 3.510 Apotheken – davon 1.897 im Bereich Nordrhein und 1.613 in Westfalen-Lippe. In beiden Kammerbezirken sank die Zahl 2025 jeweils um 43.
Seit 2013: fast jede fünfte Apotheke in Deutschland dichtgemacht
Nach Angaben der ABDA hat seit 2013 insgesamt fast jede fünfte Apotheke in Deutschland dichtgemacht. Das trifft so etwa auch auf den Bereich der Kammer Nordrhein zu. Dort waren es Ende 2015 noch 2.312 Apotheken – ein Rückgang von etwa 18 Prozent in zehn Jahren. Westfalen-Lippe macht einen 20-Jahres-Vergleich: Zwischen Anfang 2006 und 2026 ging die Zahl der Apotheken demnach sogar um 28 Prozent zurück – damit schloss mehr als jede vierte Apotheke in diesem Bereich.
Ein wesentlicher Grund, so die Apothekerverbände: Die Vergütung stagniert, die Kosten nicht. Das gesetzlich festgelegte Honorar je abgegebener Packung wurde zuletzt 2013 angepasst - seitdem seien die Betriebskosten laut ABDA um etwa 65 Prozent gestiegen.
Die Apothekerschaft macht deshalb in diesen Tagen Druck: Eine bundesweite Online-Petition fordert die Bundesregierung auf, eine im Koalitionsvertrag angekündigte Honorarerhöhung endlich umzusetzen. Und für den 23. März hat die ABDA einen bundesweiten Protesttag ausgerufen – mit Schließungen und zentralen Kundgebungen - auch in Düsseldorf.
Die Apotheke vom Vater übernommen
Bastian Schlotmann
Während andere dicht machen, hat Bastian Schlotmann die Apotheke in Goch-Pfalzdorf von seinem Vater übernommen. Er will nicht nur Medikamente verkaufen, er kann sich zum Beispiel auch vorstellen zu impfen.
Bereits jetzt könne sein Team schon gegen Corona und Grippe impfen. "Dafür sind wir geschult." Mit einem neuen Gesetz sollen jetzt möglicherweise zum Beispiel auch Totimpfstoffe als Apotheken-Impfung freigegeben werden. "Da wären wir bereit, das auch mitzuimpfen." Totimpfstoff verwendet man man zum Beispiel gegen Hepatitis, Tollwut oder Polio.
Verschreibungspflichtige Medikamente ohne Rezept
Laut Gesetzentwurf der Bundesregierung sollen Apotheker aber auch verschreibungspflichtige Medikamente ohne Rezept abgeben dürfen – etwa für chronisch Kranke oder bei leichten Erkrankungen. Als Beispiel nennt Apotheker Schlotmann aber auch antibiotische Augensalben. Für problematisch hält er das nicht. So eine Bindehautentzündung sei "schon ziemlich offensichtlich".
Die Idee hinter dem Gesetzentwurf: Kompetenzen verlagern, Apotheken stärken und gleichzeitig Hausärzte entlasten. Doch nicht alle sind davon überzeugt. Das zeigt ein Besuch in einer Hausarztpraxis in Geldern-Kapellen. Hier gibt es eine Apotheke und einen Hausarzt.
"Mein Hausarzt ist mein Ansprechpartner"
Bei unserem Besuch ist es verhältnismäßig leer. Doch meistens ist das Wartezimmer voll, sagen sie hier. Doch selbst wenn sie länger warten müssen – die Apotheke sei für sie keine Alternative zu ihrem Arzt, sagt eine Patientin im Wartezimmer: "Mein Hausarzt ist mein Ansprechpartner." Eine andere Frau sagt:
"Bei Medikamenten bin ich zwiegespalten. Da bin ich froh, vorher mit meinem Arzt zu sprechen und ein sicheres Feedback zu haben." Patientin beim Hausarzt in Geldern-Kapellen
Allgemeinmediziner Dr. Matthias Oerding
Im Kreis Kleve gäbe es einen absoluten Mangel an Hausärzten, sagt Hausarzt Matthias Oerding. Doch die Pläne der Bundesregierung würden Ärzte und ihre Praxen nicht wirklich entlasten.
Was ist, wenn beim Impfen eine allergische Reaktion, ein anaphylaktischer Schock auftritt?
Corona- und Grippeimpfungen könnten die Apotheker seiner Meinung nach gerne übernehmen – bei den anderen Plänen hingegen ist er skeptisch. "Bei Einzel- oder Reiseimpfungen geht es um die Frage, ist der Apotheker in der Lage, seltene Impfkomplikationen bis hin zum anaphylaktischen Schock zu behandeln. Und die Verschreibung von Medikamenten – die sehe ich eher in Händen der Ärzte", sagt Oerding. Für allergische Impfreaktionen hat der Apotheker in Goch-Pfalzdorf aber zumindest ein Notfallmedikament in seinem Impfraum.
"Alle sollen sich jetzt mal zusammenraufen"
Kompetenzen haben wollen alle – aber abgeben will sie offenbar keiner. David Matusiewicz, Ökonom und Professor für Gesundheitsmanagement in Essen, hält wenig von diesem Streit. In NRW werde bereits mehr als die Hälfte der etwa 11.000 Arztpraxen von Menschen über 55 Jahre geleitet – der Ärztemangel komme also so oder so. Und mittwochnachmittags und samstags habe die Apotheke auf, wenn die Arztpraxis längst geschlossen sei.
"Es geht um ein Und. Wir brauchen beide Versorgungsstrukturen, um überhaupt noch einen Zugang zu gewähren." David Matusiewicz, Gesundheitsökonom
Matusiewicz sagt, er sehe die Apotheke dabei als "Primärversorger in der Zukunft – als erste Anlaufstelle." Sein Appell: "Die, die im Gesundheitssystem mitspielen, sollen sich jetzt mal zusammenraufen."
Vom Bundestag in den Ausschuss
Nach der heutigen ersten Beratung im Bundestag geht das Gesetz in den zuständigen Ausschuss.
Unsere Quellen:
- WDR-Reporterin in Apotheke in der Goch-Pfalzdorf
- WDR Reporterin in der Hausarztpraxis in Geldern-Kapellen
- Anfrage bei der Apothekerkammer Westfalen-Lippe
- Pressemitteilung der Apothekerkammer Nordrhein: Weiterer Rückgang im Jahr 2025: Nordrhein zählt nur noch 1.897 Apotheken (14.01.2026)
- WDR-5-Morgenecho-Interview mit David Matusiewicz, Ökonom und Professor für Gesundheitsmanagement in Essen
- Pressemitteilung der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände: Apotheken beschließen bundesweite Proteste (25.02.2026)
- Pressemitteilung Apothekerkammer Nordrhein: Apothekensterben stoppen - Koalitionsvertrag jetzt umsetzen (27.02.2026)
- Erste Lesung im Bundestag: Gesundheit -Stärkung öffentlicher Apotheken im ländlichen Raum (27.02.2026)
- Pressemitteilung der Apothekerkammer Westfalen-Lippe: Rückgang der Apothekenzahlen in Westfalen-Lippe - Minus 28 Prozent in 20 Jahren (05.01.2026)
- Nachrichtenagentur dpa
Sendung: WDR 5 Morgenecho, Gesetzentwurf zu Apotheken "geht in die richtige Richtung", 27.02.2026, 8 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, Planung: Bundesregierung will mehr Kompetenzen für Apotheken, 26.02.2026, 18.45 Uhr