Bürgergeld: Reaktionen aus der Praxis

Aktuelle Stunde 10.10.2025 32:22 Min. Verfügbar bis 10.10.2027 WDR Von Anne Bielefeld

Bürgergeld-Reform: Diese Probleme sehen Experten aus Praxis und Forschung

Stand:

Nach der Einigung auf strengere Regeln beim Bürgergeld zweifeln Experten am Erfolg der Reform - und befürchten soziale Härten.

"Das Bürgergeld ist Geschichte", verkündete CSU-Chef Markus Söder im Anschluss an die Marathonsitzung, bei der sich die Spitzen der Berliner Koalition auf strengere Regeln für Leistungsbezieher geeinigt hatten. Streng genommen hat Söder recht: Ab dem kommenden Jahr soll die Hilfe für Arbeitslose nur noch als "Grundsicherung" bezeichnet werden.

Bürgergeld-Reform: "Druck wird deutlich erhöht"

WDR 5 Morgenecho - Interview 10.10.2025 05:20 Min. Verfügbar bis 10.10.2026 WDR 5


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Eine grundsätzliche Reform des Leistungsbezugs für Arbeitslose ist mit der Namensänderung allerdings nicht verbunden. Die rund 5,5 Millionen Bezieher müssen sich aber ab 2026 auf verschärfte Mitwirkungspflichten und auf schärfere Strafen einstellen, wenn sie nach Ansicht ihrer Betreuer nicht ausreichend kooperieren.

Einer der wichtigsten Neuerungen: Wer Termine im Jobcenter wiederholt schwänzt, dem können künftig theoretisch alle Leistungen gestrichen werden - selbst die Kosten für die Mietwohnung. Wie schätzen Fachleute aus Forschung und Praxis die neuen Regelungen ein?

Mehr Jobaufnahmen möglich

Wirtschaftswissenschaftler Enzo Weber meint, dass der stärkere Druck auf Leistungsbezieher grundsätzlich positive Effekte haben könne. "Das wird schon zu mehr Jobaufnahmen führen", sagte der Forscher am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung dem WDR am Freitag. Das habe man bereits nach den Hartz-VI-Reformen im Jahr 2002 beobachten können.

Allerdings gebe es auch eine Kehrseite, sagte Weber weiter. "Damit dränge ich Menschen auch in erstbeste Jobs, also mit wenig Perspektive und geringer Bezahlung." Die neuen Sanktionen zielten zwar vor allem auf die kleine Gruppe der "Totalverweigerer", getroffen würden aber alle Menschen in schwierigen Lebenslagen oder mit gesundheitlichen Problemen. Letztere bräuchten vor allem eine bessere individuelle Betreuung, um einen Zugang zum Arbeitsmarkt zu finden. Und nicht mehr Druck von oben.

In der Praxis seien die Totalverweigerer nicht das größte Problem, meint auch Marcus Weichert, Leiter des Jobcenters in Dortmund. "Am Ende haben wir drei, vier, fünf Prozent der Kunden, die im Laufe ihres Bezugs in der Zusammenarbeit mit uns mit Sanktionen belegt werden", sagte Weichert dem WDR am Freitag. Dagegen vorzugehen, sei völlig in Ordnung, es gehe schließlich um Steuergeld. "Das ist aber halt nicht die Masse."

Hilft nur mehr Qualifikation?

Um wirklich mehr Menschen dabei zu helfen, auf eigenen Füßen zu stehen, müsse mehr Geld und Energie in die Qualifizierung von Arbeitslosen investiert werden. "Zwei Drittel der Kunden haben keine abgeschlossene oder verwertbare Berufsausbildung, in manchen Regionen sogar bis zu drei Viertel." Dagegen gebe es auf dem Stellenmarkt nur wenig Bedarf für ungelernte Kräfte, so Weichert, der Anteil liege bei zehn bis höchstens 15 Prozent. Die meisten seiner Klienten hätten sehr schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt, egal wie vorbildlich sie ihre Pflichten beim Jobcenter wahrnehmen.

Bürgergeld: "Stärker in Qualifizierung investieren"

WDR 5 Morgenecho - Interview 10.10.2025 06:07 Min. Verfügbar bis 10.10.2026 WDR 5


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Schließlich sieht Weichert noch praktische Probleme bei der Umsetzung der neuen Regeln. "In Dortmund haben wir 65.000 Menschen, die erwerbsfähig leistungsberechtigt sind. Wenn ich die jetzt monatlich alle einladen wollen würde, hätten wir da ein logistisches Thema."

Scharfe Kritik aus der Opposition

Scharfe Kritik an der Reform kommt aus der Opposition. "Menschlich hart und kalt" seien die Pläne, erklärte Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge. Ihre Amtskollegin bei der Linkspartei, Heidi Reichinnek, sprach im ARD-Talk "Maischberger" am Donnerstagabend von einem "Angriff auf den Sozialstaat".

Auch bei der SPD-Jugend will man die Entscheidung der Mutterpartei offenbar nicht mittragen. Im ZDF zweifelte Juso-Chef Philipp Türmer am Donnerstag sogar die Rechtmäßigkeit der geplanten Sanktionen an: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass das noch verfassungskonform ist." AfD-Chefin Alice Weidel sprach auf der Plattform "X" von "kosmetischen Korrekturen" und forderte, dass nur noch deutsche Staatsbürger Zugang zur Grundsicherung bekommen sollen.

Hier beantworten wir eure Fragen zu den neuen Regelungen beim Bürgergeld:

Unsere Quellen:

  • Interviews mit Marcus Weichert und Enzo Weber im WDR 5 Morgenecho
  • Agenturen dpa, afp und KNA
  • "Maischberger" am 09.10.2025

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