Israel-Kritiker fordern Yuval Raphaels Ausschluss vom ESC
02:54 Min.. Verfügbar bis 15.05.2027.
Zwischen Pop, Protest und Polizeischutz: So politisch ist der ESC
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Schon 2024 war der ESC von politischen Spannungen geprägt. Die sind dieses Mal noch größer - doch die Schweiz geht es offenbar anders an als Malmö. Heute steht das zweite Halbfinale an.
Von Nina Magoley
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Zu den Kommentaren [7]Es war einmal ... ein Musikwettbewerb, der einfach nur bunt, international, divers sein sollte. Mit Teilnehmern aus vielen Nationen, Darbietungen quer durch alle erdenklichen Musikstile und trubeliger, ausgelassener Festivalatmosphäre. "United by music" lautet zwar auch in diesem Jahr das Motto des Eurovision Song Contest - doch es klingt inzwischen fast wie eine Beschwörung.
Denn während die Welt politisch zunehmend Kopf steht, geht es auch beim ESC inzwischen nicht mehr ganz so lustig zu. Spätestens im vergangenen Jahr hatte der früher mal so harmlos daherkommende Eurovision Song Contest einen politischen Beigeschmack bekommen. In diesem Jahr häufen sich schon im Vorfeld die Spannungen - bis auf politische Ebenen.
Empörung über "Espresso Macchiato"
Verägert mit Italo-Klischees: Estlands Sänger Tommy Cash
So ist aus Italien Unmut zu hören: Dort regt man sich über das Lied auf, mit dem Estland sich bewirbt. In "Espresso Macchiato" gibt der estnische Sänger Tommy Cash einen Klischee-Italiener: In gebrochenem Englisch mit italienischem Akzent rappt er über seine Tabakabhängigkeit, den Kaffee, der ihm wichtig sei und dass er "wie ein Mafioso" schwitze.
Mit dem Lied werde "ein Land und eine ganze Gemeinschaft beleidigt", empörte sich der italienische Verbraucherverband Codacons und legte beim Veranstalter des ESC, der Europäischen Rundfunkunion (EBU), Beschwerde ein. Auf Instagram meldete sich auch Gian Marco Centinaio, Senator der rechten Regierungspartei Lega, zu Wort: "Wer Italien beleidigt, sollte nicht am Eurovision-Wettbewerb teilnehmen."
Wachsende Kritik an Israels Teilnahme
Deutlich brisanter ist der Zoff um die Teilnahme Israels. Für Israel geht die 24 Jahre alte Yuval Raphael in den Wettbewerb. Sie ist eine Überlebende des Angriffs der Hamas vom 7. Oktober 2023, der die israelische Militäroffensive in Gaza auslöste. Im März 2024 hatte sie im Namen des Jerusalem Institute of Justice ihre furchtbaren Erlebnisse während des Angriffs in einem ausführlichen Statement vor den Vereinten Nationen in Genf geschildert. Ihr Songtitel für den ESC: "New Day Will Rise".
Insgesamt drei nationale Sender, deren Länder am ESC teilnehmen, stellen seit April die Teilnahme Israels in Frage: neben dem spanischen Sender RTVE auch Island und Slowenien.
In einem offenen Brief fordern zudem offenbar 72 ehemalige ESC-Teilnehmer - darunter auch der Gewinner des letzten Jahres, Nemo aus der Schweiz - den Ausschluss des israelischen Nationalsenders KAN vom ESC. Das Schreiben wurde von verschiedenen Medien, darunter die britische Zeitung "The Independent", im Wortlaut veröffentlicht.
Protestbrief gegen israelischen Sender
Dabei richtet sich das Schreiben nicht, wie teils behauptet, persönlich gegen die Sängerin, sondern gegen den israelischen öffentlichen Sender KAN. Zum Verständnis: Teilnehmen am ESC können nur Länder, die Mitglied der Europäischen Rundfunkunion (EBU) sind und einen nationalen Rundfunkdienst innerhalb der sogenannten Europäischen Rundfunkzone betreiben. Dazu gehört auch Israel.
In dem Schreiben an die EBU heißt es laut übereinstimmender Medien unter anderem: "KAN ist mitschuldig an Israels Genozid an den Palästinensern in Gaza." Der Sender sei Teil des "jahrzehntelangen Apartheidregimes und der militärischen Besatzung gegen das gesamte palästinensische Volk". Musik habe verbindende Kraft, deshalb dürfe sie nicht "zur Reinwaschung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit" benutzt werden.
Die Unterzeichner erinnern daran, dass die EBU Russland 2022 nach seinem Angriff auf die Ukraine vom Wettbewerb ausschloss. "Wir akzeptieren diese Doppelmoral gegenüber Israel nicht", so das Zitat aus dem Brief. Bereits im letzten Jahr sei der ESC durch die Teilnahme Israels "zum politisiertesten, chaotischsten und unangenehmsten Wettbewerb der Geschichte" geworden.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer: "Skandalös"
Künstler aus politischen Gründen auszuschließen, sei "skandalös", sagte dagegen der neue deutsche Kulturstaatsminister Wolfram Weimer dem WDR. Er halte "die zunehmende antiisraelische Hetze und diese Boykottaufrufe für einen unerträglichen Vorgang." Der ESC sei eine "offene Begegnung, ein Sängerwettstreit des Friedens".
Entspannte Stimmung in Basel
Im Vergleich zum ESC 2024 im schwedischen Malmö sei die Atmosphäre in Basel aber trotz der Proteste bislang "sehr, sehr entspannt", berichtet WDR-Reporter Marspet Movsisyan, der schon die Eröffnungsfeier am vergangenen Sonntag vor Ort miterlebte.
Auf der Parade der Teilnehmer durch die Stadt seien zwar viele palästinensische Flaggen geschwenkt worden, auch von Buhrufen beim Vorbeifahren der israelischen Delegation habe er gehört. Aber mit dem Szenario im Vorjahr in Malmö - "Maschinengewehre überall, Scharfschützen auf den Dächern, Hubschrauber in der Luft" - sei die Stimmung in Basel bislang absolut nicht vergleichbar.
Schweizer Polizist: Auf viele Lagen vorbereitet
Nach Angaben des ESC sind rund 1.300 Polizistinnen und Polizisten aus der ganzen Schweiz in Basel im Einsatz. Man habe Meldung bekommen, dass während der Parade am Sonntag ein Zuschauer eine bedrohliche Geste in Richtung der israelischen Sängerin gemacht haben, sagte ein Sprecher der Baseler Polizei. Dazu werde jetzt ermittelt. "Wir sind vorbereitet für ein großes Spektrum an Vorfällen, die passieren könnten." Man hoffe aber, dass es "weiter so friedlich bleibe, wie bisher".
Israels nationaler Sicherheitsrat hat seine Landsleute unterdessen vor Reisen nach Basel gewarnt.
"Smarter Move" der Schweizer Polizei
Verfolgt den ESC: Marspet Movsisyan
WDR-Reporter Marspet Movsisyan ist bislang optimistisch. Was auch daran liege, dass die Schweizer Sicherheitskräfte offenbar sehr auf Entspannung setzten: Bei der Generalprobe für das erste Halbfinale am Montag hätten Menschen ungestört Palästinenserflaggen in der Halle schwenken können. Für den ESC-Experten ein "smarter Move": Statt, wie in Malmö, den Protestierenden mit hochgerüsteter Polizei entgegen zu treten, hätte man ihnen hier signalisiert "wir sehen euch, wir kommen euch entgegen".
Tatsächlich ist es ein offizieller Beschluss: Künstlerinnen und Künstler dürfen in diesem Jahr auf der Bühne zwar nur noch ihre Nationalflaggen zeigen. Im Publikum dagegen sind auch etwa Regenbogen- oder Nonbinary-Flaggen erlaubt - und auch die palästinensische.
Auch seien auf der Bühne immer wieder Animateure aufgetaucht, die den Fans deutlich machten: "Es geht um Liebe, wir lieben uns alle, wir hassen uns nicht", berichtet Movsisyan. Die meisten ESC-Besucher, so sein Eindruck, seien ohnehin hier, um einfach Spaß zu haben. Dennoch: "Irgendwie ist der berühmte 'Elefant im Raum' allgegenwärtig." Der Eurovision Song Contest ist eben nicht mehr nur ein Musikfest.
Unsere Quellen:
- Homepage des Eurovision Song Contest
- Homepage Europäischen Rundfunkunion (EBU)
- Homepage "The Independent"
- Nachrichtenagentur DPA
- WDR-Interview mit Kulturstaatsminister Wolfram Weimer
- WDR-Reporter Marspet Movsisyan
Hinweis der Redaktion: In einer ersten Version unseres Textes hieß es, die israelische Kandidatin Yuval Raphael "soll" eine Überlebende des Angriffs der Hamas vom 7. Oktober 2023 gewesen sein. Die Formulierung entspricht der erforderlichen journalistischen Sorgfalt, solange eine Information zunächst nicht aus erster Quelle stammt bzw. von uns überprüft werden konnte. Dies haben wir mittlerweile geändert, da ein Video die Sängerin zeigt, wie sie ihre furchtbaren Erlebnisse von dem Angriff im März 2024 im Namen des Jerusalem Institute of Justice in einem ausführlichen Statement vor den Vereinten Nationen in Genf schilderte.
7 Kommentare
Kommentar 7: Brigitta S. schreibt am 18.05.2025, 13:56 Uhr :
Aus die ESC- Maus, Deutschland nicht der Gewinner. An was hat es gelegen? Dazu muss man nicht dreimal raten. “Baller“ war der deutsche Beitrag für den ESC 2025. War der Text überzeugend berauschend? Da blühte die Fantasie, der Song wird zum Knaller? War ein bisschen zu viel Baller! Generell beim ESC ist es so, er wird mit der Zeit zu einem Politik- Wahnsinn gemixt mit viel Bühnenkarneval und viel Gaga, da nützt der English- Power mancher Sängerstimmen auch nichts mehr. Der ESC - Vorhang ging jetzt zu, mit Bauchgrummeln für Deutschland.
Kommentar 6: Josef schreibt am 17.05.2025, 10:17 Uhr :
Wer verhinderte denn vor 70 Jahren schon die 2-Staatenlösung? Wer will denn, daß der katastrophale Zustand in Gaza, Samaria und Judäa so bleibt? Wer könnte denn die 2 Mio. Palästinenser dort locker aufnehmen und damit für Frieden sorgen?
Kommentar 5: Hajö schreibt am 17.05.2025, 08:33 Uhr :
Es ist schon merkwürdig, dass die meisten westlichen EU-Länder eine klare, realitätsgetreue Sicht auf die Ereignisse im Nahen Osten haben während wir in Deutschland wieder einen "Sonderkurs" fahren. Ich habe als Kind erlebt wie man in der DDR den "antifaschistischen Schutzwall" als Abwehr gegen die Imperialisten vom Rhein lobte. Nach 1989 wurde dann die Wahrheit offenbar. Heute haben die amtlichen Politiker wieder eine "Staatsräson" als Ersatz für Realismus. Wer Zivilisten aushungert und ein anderes Land besetzt, hat aus der Geschichte die falschen Schlüsse gezogen. Gegen diese Form des Krieges und gg. Netanjahu sind auch viele Israelis. Das Land ist nicht homogen. Warum unterstützt unsere Politik nicht israelische NGOs wie "Breaking the Silence" oder Friedensaktivisten in Israel sondern die rechtsextremist. Regierung von Netanjahu und den Siedlern? Israel hat nach dieser Form des Krieges in der leisen Bevölkerung in Dtl nur noch recht wenig Unterstützung.
Antwort von Ossi , geschrieben am 17.05.2025, 09:07 Uhr :
Von den deutschen Regierungsmitgliedern hat keiner grade zufällig einen Kumpel bei den NGOs.
Antwort von Hajö , geschrieben am 17.05.2025, 10:24 Uhr :
Lieber Ossi, Man braucht keinen "Kumpel" in einer NGO um Kontakt zu pflegen. Die israelischen NGOs sind offizielle Organisationen mit offiziellen Ansprechpartnern. "Mauschelei" ist nicht notwendig. Botschafter Seibert kann da anrufen und die Vertreter in die dt. Botschaft zum Meinungsaustausch einladen - da ist man auch "ablauschsicherer" gegenüber den israelischen Geheimdiensten.
Kommentar 4: Franziska 1 schreibt am 16.05.2025, 22:50 Uhr :
Ich denke an Nicole von Deutschland im Jahr 1982, als sie bei ESC den Song sang:" Ein bisschen Frieden". Dieser Song wurde in einem jungen Alter gesungen mit Herz und Leidenschaft, er war mit Frieden (politisch) angehaucht. Keiner konnte zu dem Zeitpunkt ahnen, wie jetzt Kriegs - Roulette für Frieden in Europa gespielt wird. Ich finde es nicht richtig Sänger/innen von Europa vom ESC auszuschließen, weil ihre Macht- Regierung Kriege führen. Können die Song - Interpreten was dafür? Diese Art von Sanktionen sind alte Kamellen, die Leute privat zu Hass und Hetze verführt zu agressive Demos.
Antwort von María , geschrieben am 18.05.2025, 09:12 Uhr :
Ich frage mich, wie Demonstrationen gegen Völkermord aussehen müssen, um akzeptabel zu sein.
Kommentar 3: Brigitta S. schreibt am 16.05.2025, 14:07 Uhr :
Der ESC war schon politisch seit Gründung 1956. Aber nicht wie heutzutage, die mit politischen Spannungen geprägt werden. Textauszug vom deutschen Song früher: „Im Wartesaal zum großen Glück“! Da warten viele, viele Leute, die warten seit gestern auf das Glück von morgen und leben mit Wünschen von übermorgen. Und vergessen, es ist ja noch heute“ Ende. Ja, dass Gefühl der europäischen Zusammengehörigkeit, wo ist es hingegangen in den Jahrzehnten? Da werden die EU- Länder und die Gesellschaft gefragt. Der ESC sollte mit Vernunft Europa Politik- Wunden aufdecken, aber ohne andere Länder dabei zu verletzen. Demo „Nakba 77“ in Berlin hat gezeigt das Menschen aggressiv gegen Israel und den Krieg in Gaza demonstrierten. Demokratiemissbrauch ist es, was nie verbindet, sondern trennt. Im Notzustand bei Krieg in Europa, sollten solche Demos nicht erlaubt werden. Demokratie steht gegen Demokratie. Die Demokratie -Waage muss gleichgestellt werden, indem keine Zulassung zu diesen Demos erfolgt.
Kommentar 2: Puck schreibt am 16.05.2025, 03:25 Uhr :
"Sie [Yuval Raphael] soll eine Überlebende des Angriffs der Hamas vom 7. Oktober 2023, der die israelische Militäroffensive in Gaza auslöste, sein." Was heißt "soll sein?", gibt es da einen berechtigten Zweifel? Glaubt man ihr beim WDR nicht? Was soll diese Formulierung? Und vielleicht sollte man beim WDR auch Aussagen wie: "KAN ist mitschuldig an Israels Genozid an den Palästinensern in Gaza." (...)Teil des "jahrzehntelangen Apartheidregimes und der militärischen Besatzung gegen das gesamte palästinensische Volk" nicht einfach mal so unkommentiert zitieren. So ein klein bisschen Klarstellung würde ich mir als Gebührenzahler da schon wünschen. Ganz abgesehen davon, dass Israel dass einzige Land im Nahen Osten ist, in dem eine sich als "nonbinär" definierende Person wie Nemo unbehelligt leben könnte. Soviel zum Thema "Reinwaschung". Könnte man auch mal erwähnen. Und jetzt kommt mir nicht mit "Neutralität" - Neutralität ist nicht, jeden Stuss als "gleichwertig" stehen zu lassen.
Kommentar 1: Franziska 1 schreibt am 15.05.2025, 17:59 Uhr :
"Der ESC sei eine "offene Begegnung, ein Sängerwettstreit des Friedens"? Er sollte ein Sängerwettstreit unter sich bleiben ohne politische Akzente zu setzen. Der ESC ist kein Musikfest mehr, die Texte mancher Prominenz -Songs spalten. Flaggen und so weiter sollten bei Musikfeste nicht gezeigt werden dürfen. Die Sänger können gerne ihre Meinungsfreiheit über Politik wo anders anbringen. Ich vermeide solche Musikfeste seit sie politisch wurden. Ihre Promi- Hilfe beanspruche ich nicht um zu einer Politik- Meinung zu kommen.