Frieden oder nicht: Gespräche der Hoffnung in Ägypten
Aktuelle Stunde . 06.10.2025. 43:26 Min.. UT. Verfügbar bis 06.10.2027. WDR. Von Henry Bischoff.
Wie groß ist die Chance auf Frieden in Gaza?
Stand:
Gibt es bald Frieden in Nahost? Oder zumindest einen Waffenstillstand? Israel und Hamas verhandeln ab heute in Ägypten.
Die Welt blickt auf Ägypten, die Erwartungen sind groß: Im Badeort Sharm el Sheikh haben heute Gespräche zwischen Vertretern Israels und der islamistischen Hamas begonnen. Grundlage der Vermittlungen ist der Friedensplan von US-Präsident Trump. Laut diesem soll die Hamas die verbliebenen israelischen Geiseln übergeben, ihre Waffen niederlegen und auf ihre Macht verzichten. Im Gegenzug soll sich Israel der Waffenruhe anschließen und seine Truppen aus dem Gazastreifen zurückziehen.
Bundes-Außenminister Johann Wadephul (CDU), der ebenfalls in Ägypten sein wird, misst den Verhandlungen eine entscheidende Bedeutung für einen möglichen Frieden im Nahen Osten bei: "Erstmals seit zwei Jahren geht es nicht nur um einen Waffenstillstand, sondern um eine tragfähige politische Lösung", sagte er der ARD. "Israelische, arabische und palästinensische Akteure teilen inzwischen Vorstellungen, wie es im Gazastreifen weitergehen kann."
Experten sind skeptisch: "Kann noch viel schiefgehen"
Der Publizist und Nahost-Experte Daniel Gerlach sieht die Verhandlungen in Ägypten ebenfalls als wichtigen Schritt, warnt aber davor, zu hohe Erwartungen an die Gespräche zu knüpfen. "Das ist kein Friedensplan, sondern ein Angebot für einen Waffenstillstand", sagte Gerlach dem WDR. "Man muss davon ausgehen, dass hier noch viel schiefgehen kann."
Was passiert, wenn die Geiseln frei sind?
Auf der einen Seite sei nicht klar, wann genau die Geiseln freigelassen würden und wie viele von ihnen noch am Leben seien. Was passiert, nachdem die Geiseln freigelassen sind? Diese Frage sei entscheidend, so Gerlach: "Danach muss die Hamas darauf vertrauen, dass die israelische Seite auch ihr Wort hält und den Krieg nicht fortführt."
Druck der eigenen Bevölkerung? Wie weit lenkt Hamas ein?
Der Publizist Ahmad Mansour sieht die Hamas großem Druck aus der eigenen Bevölkerung ausgesetzt: "Nach zwei Jahren Krieg, Zerstörung und Hunger will die Mehrheit der Menschen in Gaza nur eines: ein Ende des Albtraums", schrieb Mansour auf "X". "Die Hamas weiß, dass sie ihre Macht nicht mehr mit Raketen, sondern nur noch mit einem Deal sichern kann."
Palästinenser hoffen auf ein Ende des Kriegs
Daniel Gerlach sieht bei Hamas ein politisches Denken mit langfristigen Zielen. "Sie haben erkannt, dass sie militärisch verloren haben, sind aber der Überzeugung, dass sie politisch längerfristig gewonnen haben", so der Herausgeber des Fachmagazins "zenith". Die Hamas wolle Teil einer "palästinensischen Initiative, einer gemeinsamen Front" werden und auch weiter "in dem ein oder anderen Gewand" eine Rolle spielen im Nahen Osten.
Israel und Hamas zu Verhandlungen "gezwungen"
Auch der Nahost-Experte Sascha Bruchmann, der am International Institute for Strategic Studies in Bahrain tätig ist, sieht noch viele Ungereimtheiten. "Die Positionen der Hamas, Israels und der USA klaffen zu weit auseinander", sagte er im rbb. Trump habe die beiden Parteien "zu Verhandlungen gezwungen".
Für ihn ist die "Entwaffnung des Gazastreifens" einer der entscheidenden Punkte. "Jeder Friedensvertrag braucht letztendlich eine Schutztruppe", so Bruchmann, der die Stärke dieser Truppe auf 40.000 Streitkräfte schätzt. Aber wie sieht diese Truppe aus? Wie ist sie ausgestattet? Welches Land ist willens, bewaffnete Truppen nach Gaza zu schicken? All diese Fragen müssten im weiteren Verlauf der Verhandlungen geklärt werden. Ob das gelingt und das Treffen den erhofften Durchbruch bringt? "Ich bin leider Gottes skeptisch", sagt Sascha Bruchmann.
Unsere Quellen:
- Nachrichtenagenturen dpa, AP, Reuters
- ARD-Interview mit Johann Wadephul
- Interview mit Daniel Gerlach im WDR 5-"Morgenecho"
- rbb-Interview mit Sascha Bruchmann
- X-Account von Ahmad Mansour