Nacktbilder ohne Zustimmung im Netz: So kann sich jeder schützen
02:22 Min.. Verfügbar bis 02.09.2027.
Nacktbilder ohne Zustimmung im Netz: So kann sich jeder schützen
Stand:
Ein deutsches Ehepaar kämpft juristisch gegen Google, nachdem intime Aufnahmen von Fremden wiederholt ins Netz gestellt wurden. WDR-Digitalexperte Jörg Schieb über zunehmende bildbasierte Gewalt und wie jeder vorbeugen kann.
Ein Schock: Ein deutsches Ehepaar suchte in der Suchmaschine Google nach ihren Namen - und fand sich nackt auf einschlägigen Pornoseiten wieder. Private Bilder und Videos, die nach einem mutmaßlichen Apple-iCloud-Hack von Cyberkriminellen anonym hochgeladen wurden.
Nun hat das Paar mit Unterstützung der Organisation HateAid Google verklagt, weil nach Angaben des Paars über 2.000 Google-Treffer zu den Bildern führen. HateAid ist auf die Beratung und rechtliche Unterstützung von Betroffenen digitaler Gewalt spezialisiert, insbesondere bei Online-Hass, und engagiert sich für den Schutz von Menschenrechten sowie Demokratie im digitalen Raum.
Hate Aid unterstützt das deutsche Paar
Der Fall ist kein Einzelfall und steht für ein wachsendes Problem: Sogenannte "bildbasierte Gewalt" trifft immer mehr Menschen. Ob Rachepornos vom Ex-Partner, gestohlene Bilder aus Datenlecks oder gefälschte Deepfakes - die Folgen sind verheerend. Seit 2021 sind solche Taten in Deutschland als Cyberstalking strafbar.
So lassen sich Cloud-Accounts sichern
Die Bilder waren in der iCloud gespeichert - das ist die Apple-Cloud, in der iPhones in der Regel automatisch alle Fotos und Videos hochladen. Hacker hatten sich Zugang zum Konto der Betroffenen verschafft. Ein großes Problem; daher ist es sinnvoll, sich gegen solche unerlaubten Zugriffe zu schützen.
Zwei-Faktor-Authentifizierung aktivieren: Für alle Cloud-Dienste (iCloud, Google Drive, Dropbox) sollte zwingend die Zwei-Faktor-Authentifizierung eingerichtet werden. Selbst bei gestohlenen Passwörtern können Hacker dann nicht auf die Dateien zugreifen.
Geräte-Zugriffe regelmäßig prüfen: In den Account-Einstellungen lässt sich kontrollieren, welche Geräte Zugriff auf die Cloud haben. Alte Smartphones, Computer oder Tablets, die nicht mehr genutzt werden, sollten entfernt werden.
Passwörter nach Trennungen ändern: Nach Beziehungsende sollten alle Passwörter geändert werden - auch die für gemeinsam genutzte Accounts. Erfahrungsgemäß entstehen viele sogenannte "Racheporno"-Fälle, weil Ex-Partner noch Zugang zu Clouds oder Geräten haben.
Automatische Uploads begrenzen: Die automatische Synchronisation intimer Fotos mit der Cloud lässt sich deaktivieren und es lassen sich auch separate, besonders gesicherte Ordner einrichten.
Präventive Bilderkontrolle
Bilder-Rückwärtssuche nutzen: Eine regelmäßige Suche bei Google Bilder nach den eigenen Fotos hilft bei der Kontrolle. Dazu wird ein Bild hochgeladen - die Suchmaschine zeigt dann alle Fundstellen im Netz an.
Google-Alerts einrichten: Besonders nützlich sein kann, eine kostenlose Google-Benachrichtigung für den eigenen Namen oder mit anderen persönlichen Daten einzurichten. Google verschickt dann automatische eine Benachrichtigung per E-Mail, sollten neue Inhalte online gehen (Texte oder Bilder), die den eigenen Namen oder andere relevante Informationen enthalten.
StopNCII.org vorbeugend nutzen: Dieses Tool erstellt "Fingerabdrücke" (Hash-Werte) von intimen Bildern, ohne sie hochzuladen. Teilnehmende Plattformen können die Bilder dann automatisch erkennen und löschen, bevor sie verbreitet werden.
Konkrete Sofortmaßnahmen
Wenn alle Schutzmaßnahmen nicht geholfen haben, ist besonnenes Handeln angeraten: Betroffene sollten rechtssicher die Situation dokumentieren und gegebenenfalls juristisch gegen Veröffentlichungen vorgehen.
Rechtssichere Screenshots erstellen: Alle Fundstellen mit vollständigem Datum, Uhrzeit und sichtbaren Nutzernamen dokumentieren. Kostenlos erhältliche Browser-Erweiterungen (Plugins) wie "Atomshot" oder der Service "Netzbeweis" erstellen gerichtsfeste Belege.
Google-Löschformular nutzen: Google entfernt gemeldete Nacktbilder seit 2015 aus den Suchergebnissen. Das Formular findet sich unter "support.google.com" (Suche nach "Nacktbilder entfernen").
Plattformen direkt kontaktieren: Facebook, TikTok, Pornhub und andere Seiten haben eigene Meldeformulare für unerlaubt hochgeladene intime Inhalte. Die Löschquote liegt oft über 90 Prozent.
Anzeige online erstatten: Die Tat lässt sich bei der Polizei melden - auch online über die jeweilige Internetwache des Bundeslandes.
Warum Google technisch mehr tun könnte
HateAid spricht von einem Grundsatzprozess gegen Google
Der aktuelle Rechtsstreit zeigt eine wichtige Schwachstelle auf: Google verfügt bereits über Hash-Technologien, die einmal gemeldete Bilder wiedererkennen könnten - ähnlich wie bei YouTube, wo urheberrechtlich geschützte Musik automatisch erkannt wird.
Diese Systeme können auch "kerngleiche" Inhalte identifizieren: gespiegelte Bilder, veränderte Ausschnitte, andere Farbtöne oder leicht gedrehte Versionen desselben Fotos. Die PhotoDNA-Technologie von Microsoft macht das bereits bei Kindesmissbrauchsdarstellungen - und wird auch von Google genutzt.
Das bedeutet konkret: Meldet jemand ein Nacktbild bei Google zur Löschung, könnte das Unternehmen theoretisch verhindern, dass Variationen desselben Bildes erneut in den Suchindex gelangen. Das bedeutet zweifellos einen hohen Aufwand, wäre aber technisch möglich. Trotz vorhandener Technik passiert das bisher nur begrenzt.
Was der Prozess bewirken könnte
Sollte das deutsche Ehepaar erfolgreich sein, könnte das Google und andere Suchmaschinen zu proaktiverem Handeln zwingen. Mögliche Folgen:
- Automatische Erkennung bereits gemeldeter Bilder und ihrer Varianten
- Schnellere Löschverfahren ohne wiederholte Meldungen
- Härtere Sanktionen gegen Seiten, die wiederholt solche Inhalte hosten
Die EU arbeitet parallel an schärferen Regelungen für Porno-Plattformen im Digital Services Act. Geplant sind Nutzerverifizierungen und beschleunigte Löschverfahren.
Bildbasierte Gewalt kann jeden treffen - aber mit den richtigen Schutzmaßnahmen lässt sich das Risiko erheblich reduzieren.
Unsere Quellen:
- Nachrichtenagentur dpa
- HateAid