In NRW-Kindertagesstätten sind Erwachsene im vergangenen Jahr mehr als 1.600 mal gewaltsam gegen Kinder vorgegangen. Fast doppelt so häufig sind Kinder gegen andere Kinder gewalttätig geworden. Insgesamt 4.718 Übergriffe sind den Landesjugendämtern gemeldet worden - fast 80 Prozent mehr als im Vorjahr.
Die Zahlen gehen aus einer Antwort der Landesregierung auf die Anfrage der SPD-Landtagsfraktion hervor. Zuerst hatte der Kölner Stadt-Anzeiger am Samstag (31.01.26) darüber berichtet.
Verpflichtendes Schutzkonzept gegen Gewalt
Die neue NRW-Familienministerin Verena Schäffer teilte dem WDR mit, die Zahlen seien "ein Beleg dafür, dass mehr Fälle ins Hellfeld rücken und nicht mehr unentdeckt bleiben. Wir sind als Politik, aber auch als Gesellschaft sensibler geworden und schauen genauer hin." Die Zahlen machten aber auch deutlich, "dass wirksamer Kinderschutz eine gute Zusammenarbeit aller Akteure" brauche, so Schäffer.
Eine Sprecherin des Familienministeriums verweist darauf, dass für alle Kitas seit 2021 ein Schutzkonzept gegen Gewalt verpflichtend sei. Dieses müsste den Landesjugendämtern vorgelegt werden und würde überprüft, wenn es dazu einen Anlass gebe.
Kitas müssen Vorfälle den Jugendämtern melden
Ereignisse, die das Wohl der Kinder beeinträchtigen könnten, müssen von den Kita-Trägern den zuständigen Jugendämtern gemeldet werden. Dabei sind unterschiedlichste Arten von Gewaltanwendung denkbar. Die Universität Gießen etwa hat zuletzt im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung bundesweit 20.000 Kitafachkräfte und -leitungen zu Fehlverhalten in ihren Einrichtungen befragt.
Bei der Studie ging es ausschließlich um Fehlverhalten von Erzieherinnen und Erziehern und nicht um das von Kindern untereinander. Die Befragung gibt Hinweise auf mögliche Arten von Gewalt in Kitas. Laut den Autoren gehören zu Übergriffen durch Erzieherinnen und Erziehern verschiedene Formen von Gewalt: Etwa Beschämen oder Ausgrenzen von Kindern, Angst machen, Trost verweigern, oder auch Zerren und unzureichende Körperpflege, aber auch eine Vernachlässigung der Aufsichtspflicht.
Unterschiedlichste Arten von Gewalt in Kitas
Bei Übergriffen, die NRW-Jugendämtern gemeldet werden, wird zwischen sexualisierter Gewalt, körperlicher Gewalt und psychischer Gewalt unterschieden. Die meisten Fälle betreffen körperliche Gewalt: Hier gab es im vergangenen Jahr insgesamt 2.481 Übergriffe von Kindern untereinander und 1.084 Übergriffe von Erwachsenen an Kindern.
Damit haben sich die Fälle körperlicher Gewalt von Kindern untereinander gegenüber dem Vorjahr verdoppelt (1.238 Fälle im Jahr 2024). Körperliche Gewalt von Erwachsenen an Kindern hat sich gegenüber dem Vorjahr sogar fast verdreifacht (390 Fälle im Jahr 2024). Auch in den meisten anderen Kategorien hat sich die Zahl der Fälle erhöht (siehe Tabelle).
Kinderschutzbund: Zu wenig und unzureichend qualifiziertes Personal
Bereits 2023 hatte sich die Gesamtzahl gemeldeter Übergriffe mit 1.943 gegenüber dem Vorjahr nahezu verdoppelt (2022: 1.027). Der Landesgeschäftsführer des Deutschen Kinderschutzbundes in NRW, Michael Kutz, sprach im Kölner Stadt-Anzeiger davon, dass es zu wenig und unzureichend qualifiziertes Personal in den Kitas gebe. Die "zunehmenden Gefährdungsfälle für das Wohl der Kinder" seien "nicht zuletzt Folge einer unzureichenden Personalausstattung und des Abbaus von Standards zur Ausbildung und Qualifikation, die inzwischen zu einer erheblichen Überlastung der Kitas und des Personals führen", so Kutz gegenüber der Zeitung.
Kutz forderte in diesem Zusammenhang, dass die Landesregierung ihren Gesetzentwurf zur Änderung der Kinderbildungsgesetzes (KiBiz) überdenkt. Die KiBiz-Reform sieht unter anderem vor, dass in den Randzeiten zum Beginn und zum Ende des Kita-Tages in Zukunft nicht unbedingt Erzieher und Erzieherinnen vor Ort sein müssten. Eine Qualifikation zum Kinderpfleger oder zur Kinderpflegerin würde zum Beispiel ausreichen.
Mehr Fälle von Gewalt in NRW-Kitas. WDR Studios NRW. 31.01.2026. 00:58 Min.. Verfügbar bis 31.01.2028. WDR Online.
Unsere Quellen:
- Antwort der Landesregierung auf Kleine Anfrage der SPD-Landtagsfraktion
- Bertelsmann-Studie zu Fehlverhalten durch Erzieherinnen und Erziehern gegenüber Kita-Kindern
- Kölner Stadt-Anzeiger
Sendung: WDR 2, Nachrichten, 31.01.2026, 16 Uhr
Kommentare zum Thema
Erziehung ohne Grenzen setzen (was im Vorfeld im Elternhaus geschehen sollte) funktioniert nicht. Wenn ich mein Kind machen lasse ohne Rücksicht auch auf andere, muss ich mich nicht wundern das heutzutage eine große Respektlosigkeit untereinander herrscht. Grenzen setzen geht meistens nur mit Stränge, diese Stränge sollte man den Kindern dann aber auch erklären, weshalb ihnen das widerfährt. Bsp. das Kind beißt andere wird zurück gebissen, alles meistens geklärt, beißen tut weh.
@Nicole für Sie ist das schützende Gewalt, es gibt Menschen die auch das verurteilen. Ich würde mir eine klare Definition wünschen und die gibt es nicht. Es gibt verschiedene Definitionen von Gewalt ...rechtlich, pädagogisch... Wenn jeder etwas anderes unter Gewalt versteht könnte das zu nicht zielführenden Konflikten führen. Mein Ziel wären handlungsfähige Erwachsene die Grenzen setzen um Kinder zu schützen.
Hallo erst mal. Wenn ich das lese stellt sich mir die Frage. .wie Übervordert sind die Erzieher... Gewalt und Stress sind ein Zeichen von zu wenig Personal und Sparmaßnahmen. Keine Ahnung was unsere Leute im Bundestag sich so alles aufs Konto schicken .. Traurig für unsere Kinder..die ja unsere Zukunft sind . Etwas weniger Gehalt im Bundestag..Zack geht es allen besser.