Merz' Gipfelmarathon: Zieht er Trump auf seine Seite?

Aktuelle Stunde 13.08.2025 43:27 Min. UT Verfügbar bis 13.08.2027 WDR Von Andrea Moos

Merz: "Es gibt Hoffnung auf einen Frieden in der Ukraine"

Stand:

In dieser Woche werden die Chancen für einen Frieden in der Ukraine ausgelotet. Vor dem Alaska-Gipfel am Freitag haben sich die Europäer und Selenskyj in Berlin getroffen und mit US-Präsident Trump telefoniert.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hält es für zentral, dass beim Treffen von US-Präsident Donald Trump und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin am Freitag in Alaska grundlegende europäische und ukrainische Sicherheitsinteressen gewahrtbleiben. Das sei die Botschaft an Trump gewesen, sagte Merz am Mittwoch nach den Beratungen und dem Videocall mit Trump in Berlin.

Trump berät morgen in Alaska mit Kreml-Chef Putin über Bedingungen für eine Waffenruhe. Dabei sitzen sowohl die Europäer als auch die Ukraine nicht mit am Tisch. Ziel der Beratungen in Berlin war es, eine gemeinsame Linie mit Trump für das Treffen zu finden.

Merz: Trump will auf Waffenstillstand dringen

Der Ukrainische Präsident Selenskyj und der Deutsche Bundeskanzler Merz begrüßen sich mit einer Umarmung in Berlin am 13. August 2025

Vor dem Treffen begrüßte Bundeskanzler Merz den ukrainischen Präsideten Selenskyj in Berlin.

Die Europäer und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj befürchten, dass sich Trump und Putin auf Gebietsabtretungen der Ukraine an Russland verständigen könnten - die Kiew strikt ablehnt. Trump will nach den Worten von Bundeskanzler Merz aber auf einen Waffenstillstand in der Ukraine dringen. Trump wolle dies zu einer seiner Prioritäten machen, sagte Merz weiter. Zudem sehe er eine Chance auf ein Ende des Krieges in der Ukraine.

"Es gibt Hoffnung auf Bewegung, es gibt Hoffnung auf einen Frieden in der Ukraine." Bundeskanzler Friedrich Merz

Sollte es bei dem Treffen in Alaska jedoch keine Bewegung auf russischer Seite geben, müssten die USA und Europa den Druck erhöhen. Trump kenne diese Position und teile sie "sehr weitgehend", fügte Merz hinzu.

Auch Selenskyj erhofft sich vom Treffen einen sofortigen Waffenstillstand sowie robuste Sicherheitsgarantien für sein Land. Bei allen Verhandlungen, bei denen es um die Zukunft seines Landes gehe, müsse die Ukraine mit am Tisch sitzen, betonte Selenskyj.

Hochrangige Videokonferenz

An der digitalen Konferenz am Mittwoch nahmen die Staats- und Regierungschefs aus Frankreich, Großbritannien, Italien, Polen und Finnland sowie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, EU-Ratspräsident António Costa und NATO-Generalsekretär Mark Rutte teil. Auch Selenskyj war dabei.

Wie die Lage in der Ukraine ist und was wir von den Gesprächen erwarten können:

Wie ist die derzeitige Lage in der Ukraine?

Von einem nahenden Frieden ist in der Ukraine selbst nichts zu spüren. Die russische Armee stößt an mehreren Abschnitten - unter anderem in Donezk und Sumy weiter vor - und hat in den letzten Wochen massive Angriffe auf Städte geflogen. Die Ukraine verhindert an der Front größere Durchbrüche und fliegt mit Drohnen Angriffen gegen russische Industrieanlagen weit im Hinterland.

Derzeit hält Russland rund 20 Prozent des ukrainischen Staatsgebietes besetzt, wobei die Krim und Teile von Luhansk und Donezk bereits 2014 durch Russland beziehungsweise vom Kreml unterstützte Separatisten besetzt worden waren. Die Krim wurde noch im selben Jahr annektiert, die Oblasten Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson folgten im September 2022, nachdem Russland am 24. Februar des Jahres seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die gesamte Ukraine begonnen hatte.

Die Ukraine konnte den russischen Vorstoß auf Kiew stoppen und bei Gegenstößen sogar weite Teile ihres Territoriums zurückerobern. Seit einer gescheiterten Sommeroffensive im Jahr 2023 und einer Besetzung von Teilen der russischen Republik Kursk über mehrere Monate seit August 2024, sind die Ukrainer aber in der Defensive. Als vollständig von Russland besetzt gilt jedoch nur die Oblast (das bezeichnet ein größeres Verwaltungsgebiet) Luhansk. Teile der anderen drei Gebiete hält die Ukraine.

Seit Kriegsbeginn haben beide Seiten immer wieder Gefangene ausgetauscht. Am Donnerstagnachmittag wurde bekannt, dass wieder 84 Soldaten und Zivilisten in die Ukraine zurückkonnten. Das hat der ukrainische Präsident Selenskyj verkündet. Teilweise seien sie schon über zehn Jahre in Gefangenschaft gewesen.

Was will Putin - zu welchen Zugeständnissen ist Selenskyj bereit?

Es deutet nichts darauf hin, dass der Widerstand Russland zu einer weiteren Abweichung von seinen Kriegszielen veranlassen könnte. Die vollständige Eroberung der Ukraine und die Ersetzung der demokratisch gewählten Regierung in Kiew durch ein Marionetten-Regime dürften aktuell im Kreml kein Thema mehr sein, was auch an den hohen Opferzahlen liegen dürfte. Nach Angaben des Center for Strategic & International Studies (CSIS) soll die russische Armee rund 950.000 Soldaten durch Tod oder Verwundung verloren haben.

"Zugeständnisse überzeugen einen Mörder nicht." Ukraine-Präsident Wolodymyr Selenskyj

Moskau verlangt von Kiew, die ostukrainischen Regionen Saporischschja, Donezk, Luhansk und Cherson sowie die von Russland annektierte Halbinsel Krim vollständig abzutreten und zudem auf westliche Militärhilfe und einen Nato-Beitritt zu verzichten. Forderungen, welche die Ukraine als unannehmbar zurückweist.

Selenskyj scheint nicht zu Zugeständnissen bereit. Für die von Russland geforderten "Gebietsabtretungen" wäre ohnehin eine Verfassungsänderung nötig, die in Kriegszeiten nicht zulässig ist. Der ukrainische Präsident forderte am Dienstag im Netzwerk "X" mehr Druck auf Putin: "Russland zieht den Krieg in die Länge und verdient daher stärkeren globalen Druck. Russland weigert sich, das Töten zu beenden und darf daher keine Belohnungen oder Vorteile erhalten."

Welche Erwartungen gab es im Vorfeld an das virtuellen Ukraine-Treffen?

Niklas Ebert arbeitet bei der US-amerikanischen Stiftung German Marshall Fund und ist unter anderem Experte für transatlantische Sicherheit. Das virtuelle Ukraine-Treffen am Mittwoch hatte seiner Meinung nach das Ziel, kurz vor dem Gipfel-Treffen am Freitag noch mal "auf Trump Einfluss zu nehmen". Für die Meetings habe man auf der europäischen Seite auch explizit Leute eingeladen, "die eine sehr gute Beziehung zu Trump haben".

"Soweit es möglich ist geht es darum, klarzumachen, was die roten Linien sind." Niklas Ebert, German Marshall Fund

Die Befürchtung ist laut Ebert, dass Putin "in einem sehr intimen Rahmen auf Trump Einfluss nehmen" könnte. Dem wollten die Europäer mit dem digitalen Treffen entgegenwirken und Trump Voraussetzungen für Friedensgespräche mit auf den Weg nach Alaska geben. Diese seien nicht verhandelbar - "besonders wenn die Europäer eine etwaige Lösung mittragen sollen", sagte der Sicherheitsexperte.

Mit einem Waffenstillstand als ersten Schritt für Verhandlungen und robusten Sicherheitsgarantien hatte Ebert zwei der wichtigsten Punkte im Vorfeld genannt. Außerdem machten die Europäer klar, dass die Ukraine bei weiteren Verhandlungen mit am Tisch sitzen müsse, dass die Anerkennung russischer Besetzungen nicht zur Debatte stünde und dass alles Teil einer gemeinsamen transatlantischen Strategie sein müsse, die bei ausbleibenden Fortschritten den Druck auf Russland erhöhe.

Was ist von der Alaska-Konferenz zu erwarten?

Dass Trump die europäische Position laut Merz "weitgehend" teilt, und dass Rutte bei "X" die Führung Trumps und dessen enge Abstimmung mit den Verbündeten lobte, lässt vermuten, dass sich die Europäer mit Trump auf einer Linie wähnen. Was das für den "Alaska-Gipfel" bedeutet, wird sich zeigen. Trump selbst bewertete die Gespräche am Mittwoch mit 10 von 10 Punkten und erhöhte zumindest verbal den Druck auf Putin: Wenn der Kreml-Chef nicht einwillige, Schritte zu einem Ende des Krieges in der Ukraine zu ergreifen, werde das "sehr ernste Konsequenzen" haben.

Wie ernst Trump das meint, dürfte für den weiteren Verlauf der Friedensbemühungen entscheidend sein. Er ist in den Augen des Sicherheitsexperten Oberst Markus Reisner vom Österreichischen Bundesheer der "Königsmacher", der darüber entscheiden wird, wie es im Ukraine-Krieg weitergeht: "Selbst wenn die Ukraine sagt, wir kämpfen weiter, und selbst wenn die Europäer sagen, wir unterstützen euch. Wir haben nie die Kapazitäten, die es brauchen würde, um das tatsächlich umzusetzen", sagte er am Montag im ZDF-Mittagsmagazin.

Trump, der schon mehrfach erklärt hat, den Krieg in der Ukraine schnell beenden zu wollen, hatte zu Wochenbeginn gesagt, dass er mit Putin kein Abkommen zum Ukraine-Krieg abschließen werde und bekräftigte nach dem Treffen mit den Europäern, dass er zunächst die Rahmenbedingungen verstehen wolle. Vor den Gesprächen am Mittwoch hatte er sich noch daran gestört, dass Selenskyj für eine Friedenslösung keine Gebiete an Russland abgeben wolle: "Denn es wird irgendeinen Gebietstausch geben", so der US-Präsident.

Welche Bedeutung hat Alaska?

"Ich treffe mich mit Putin. Ich gehe nach Russland am Freitag." - Bei dieser Aussage Trumps muss es sich um einen Versprecher handeln, denn das Treffen findet natürlich in Alaska statt, also in den USA. Den Bewohnern von Alaska machen die Äußerungen Trumps jedoch Sorgen - das zeigen Interviews, die der "Spiegel" mit Anwohnern dort geführt hat.

"Es wird einige Tauschvorgänge und Veränderungen geben in Bezug auf Land." - Solche vagen Äußerungen Trumps zum "Landtausch" sorgen laut der Anwohnerin Ess Brown in Alaska für viele Verschwörungserzählungen. Sie sagt: "Die wildeste davon ist, das wir an Russland abgegeben werden, um den Krieg in der Ukraine zu beenden."

Alaska gehörte ehemals zu Russland. Die Amerikaner hatten das Gebiet 1867 für 7,2 Millionen US-Dollar abgekauft. Erst 1959 wurde Alaska dann zum 49. Bundesstaat und somit offiziell Teil der USA.

Ist ein Frieden realistisch - welche Szenarien sind denkbar?

Ob eine Waffenruhe ein realistisches Szenario ist, bleibt abzuwarten. Klar ist, dass die meisten sie als Grundvoraussetzung für Friedensverhandlungen betrachten. Moskau wiederum betrachtet die "Abtretung" der vier nach der Krim annektierten Provinzen sowie der Krim selbst als Voraussetzung für einen Waffenstillstand.

Vor dem Alaska-Gipfel sind die jeweiligen Positionen weit voneinander entfernt und ein dauerhafter Friede damit wohl in weiter Ferne, aber nach Angaben von sowohl Emmanuel Macron, als auch Friedrich Merz will Trump bei dem Treffen mit Putin eine Waffenruhe erreichen. Der Republikaner habe das sehr deutlich gemacht, berichtete Macron nach den Treffen am Mittwoch. Trump habe betont, dass Territorialfragen, also mögliche Gebietsabtretungen der Ukraine, nur von Selenskyj ausgehandelt werden könnten.

Nach dem Treffen mit Putin in Alaska werde sich Trump um ein trilaterales Treffen bemühen, an dem auch der ukrainische Präsident teilnehme, sagte Macron.

Unsere Quellen:

  • Nachrichtenagenturen DPA, Reuters, AP und AFP
  • Mittagsmagazin im ZDF
  • Institute for the Study of War (ISW)
  • Center for Strategic & International Studies (CSIS)
  • Interview mit Niklas Ebert, German Marshall Fund
  • "Spiegel" Online-Beitrag

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