Queere Menschen nehmen an vielen Stellen selbstverständlich ihren Platz in der Gesellschaft ein. In der Pride-Saison feiert die queere Community ihre Sichtbarkeit selbstbewusst auf hunderten CSD-Veranstaltungen.
Sichtbar, aber bedroht
Der 28. Juni gilt als zentraler Gedenk- und Aktionstag der Pride-Saison: der Christopher Street Day. Er erinnert an die Proteste von 1969 in der New Yorker Christopher Street – ein Schlüsselmoment im Widerstand gegen Diskriminierung und Polizeigewalt. Heute sind es die CSD-Paraden selbst, die Polizeischutz benötigen.
Die Zahl queerfeindlicher Übergriffe ist alarmierend. Laut Polizei wurden 2024 in Deutschland täglich im Schnitt acht Fälle queerfeindlicher Hasskriminalität registriert – mit steigender Tendenz. Besonders in der Pride-Saison häufen sich gewaltsame Vorfälle und Bedrohungen gegen CSD-Teilnehmende.
Queerfeindlichkeit als Teil rechter Ideologie
Die Angriffe kommen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Lagern – auch islamistische Gruppen und radikale Einzelpersonen sind dabei. Doch viele Spuren führen ins rechtsextreme Milieu. Der Hass auf queere Menschen ist dort tief verankert. Besonders auffällig: rechtsextreme Kleingruppen, die zu Gegenaktionen aufrufen – wie etwa beim CSD in Pforzheim.
Lisa Seemann hat als Reporterin des ARD-Politikmagazins MONITOR CSDs in Ost- und Westdeutschland begleitet. In Pforzheim mobilisierte eine rechte Gruppe gegen den CSD, in Eberswalde in Brandenburg veranstaltete die AfD ein Sommerfest auf dem Platz, auf dem eigentlich die Pride-Veranstaltung stattfinden sollte.
Reporterin Lisa Seemann
„CSDs verändern ihre Routen, sind in enger Abstimmung mit der Polizei – damit keine gewalttätigen Übergriffe passieren, während des CSD. Und das ist eine Entwicklung, die sehen wir in ganz Deutschland – und die ist natürlich fatal.“ Lisa Seemann, MONITOR-Reporterin
Die Polizei reagiert und erhöht vielerorts die Sicherheitsvorkehrungen. Demonstrierende werden bei An- und Abreise eskortiert – es herrscht erhöhte Wachsamkeit.
Schwindende Unterstützung
Während die Angriffe auf queere Menschen zunehmen, geht die gesellschaftliche Unterstützung an manchen Stellen spürbar zurück. Einige Unternehmen verzichten aus politischen Erwägungen auf Spendengelder. Auch Bundestagspräsidentin Julia Klöckner hat in diesem Jahr auf eine symbolische Unterstützung des Berliner CSD verzichtet – eine gemeinsame Teilnahme der Regenbogengruppe und das Hissen der Regenbogenflagge am Reichstag wurden abgesagt.
Was bedeutet es, wenn CSDs nicht mehr Orte des Feierns sind, sondern Demonstrationen unter Polizeischutz? Wie reagieren Politik, Polizei und Öffentlichkeit auf die wachsenden Bedrohungen? Und: Was braucht die queere Community jetzt – an Solidarität, an Schutz, an gesellschaftlichem Rückhalt?
Der Podcast "nah dran"
Im Podcast "nah dran - die Geschichte hinter der Nachricht" erzählen unsere Reporterinnen und Reporter, was sie bei ihren Recherchen erlebt haben. Sie werfen einen Blick hinter die Nachrichten, hören Betroffenen zu und erleben selbst mit, wovon die meisten nur kurz in den wöchentlichen Schlagzeilen lesen. Näher ran als sie kommt keiner - egal ob im Ausland, in der Hauptstadt oder direkt vor unserer Tür in der Region.