Es sind Zahlen, die verstören: Fast zwei Drittel (64 Prozent) von 5.855 befragten jungen Menschen in Deutschland im Alter zwischen 14 und 25 Jahren haben bereits sexualisierte Gewalt ohne Körperkontakt erlebt. Das geht aus einer aktuellen Sonderauswertung zur Jugendsexualitätsstudie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit hervor, die am Freitag in Düsseldorf präsentiert wurde. Knapp ein Drittel (29 Prozent) berichtet zudem von mindestens einer Erfahrung mit sexualisierter Gewalt mit körperlichem Kontakt.
Zu den Formen ohne Körperkontakt zählen zum Beispiel das gezielte Anbahnen sexueller Kontakte mit Minderjährigen im Internet (Cybergrooming), sexualisierte Beleidigungen oder das Zusenden sexueller Bilder und Filme. Mit Begriffen wie "schwul" oder "lesbisch" sind demnach schon 27 Prozent der jungen Frauen und 49 Prozent der jungen Männer beleidigt worden. Online sexuell angemacht oder belästigt wurden 37 Prozent der Frauen und 16 Prozent der Männer.
Mehrheit der Betroffenen war zum Tatzeitpunkt minderjährig
Zu den Formen mit Körperkontakt gehören ungewollte beziehungsweise erzwungene körperliche Berührungen oder sexuelle Handlungen. Junge Frauen (40 Prozent) waren davon laut Umfrage mehr als doppelt so häufig betroffen wie junge Männer (18 Prozent). Die Verantwortlichen für die Übergriffe waren in 71 Prozent der Fälle männlich.
Die Mehrheit der Betroffenen war zum Tatzeitpunkt minderjährig (54 Prozent), wobei rund 15 Prozent jünger als 14 Jahre alt waren. 58 Prozent der Betroffenen waren älter als 14 Jahre, wobei lediglich 20 Prozent bereits volljährig waren. Über ein Viertel der Befragten (27 Prozent) machte keine Angabe hinsichtlich ihres Alters zum Zeitpunkt der Tat.
Sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt üben oft Gleichaltrige aus
Den Daten zufolge erfahren Jugendliche sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt häufig durch Gleichaltrige. Nicht selten geschieht dies in Anwesenheit oder mit Kenntnis anderer Gleichaltriger.
Bei den ausübenden Personen handelt es sich zumeist um:
- Freundinnen/Freunde, Mitschülerinnen/Mitschüler oder Kolleginnen/Kollegen: 28 Prozent
- unbekannte Personen: 26 Prozent
- neue Bekanntschaften, zum Beispiel aus der Disco: 18 Prozent
- der Freund/die Freundin beziehungsweise Exfreundin/Exfreund aus einer festen Beziehung: 13 Prozent
Seltener genannt werden hingegen Familienangehörige beziehungsweise Verwandte (6 Prozent) oder der Nachbarschaft (5 Prozent) sowie Personen, zu denen ein Abhängigkeitsverhältnis besteht, wie beispielsweise Betreuungspersonen (2 Prozent).
Forderung nach mehr sexueller Bildung in Schule und Elternhaus
Weil viele junge Menschen sexualisierte Gewalt unter Gleichaltrigen erleben, müssen sie aus Sicht der stellvertretenden Leiterin des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit, Mechthild Paul, lernen, Übergriffe zu erkennen und klar zu benennen.
"Gleichzeitig müssen wir sie darin bestärken, in riskanten Situationen sich und andere zu schützen sowie Betroffenen zur Seite zu stehen." Mechthild Paul, stellvertretende Leiterin des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit
Dafür benötigten junge Menschen sexuelle Bildung in Schule und Elternhaus sowie kompetente Ansprechpersonen in ihrem direkten Lebensumfeld, so Paul.
Hier beispielsweise gibt es für Betroffene Hilfe:
- Landesfachstelle Prävention sexualisierte Gewalt - Spezialisierte Beratungsstellen
- Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch: Hilfe finden - Vor Ort, online oder telefonisch
- Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch: Anrufen auch im Zweifelsfall: 0800 22 55 530
Sexualisierte Gewalt im Zusammenhang mit intimen Fotos oder Videos
Insgesamt gibt ein Viertel der Befragten (24 Prozent) an, sexualisierte Gewalt erlebt zu haben, bei denen intime Fotos oder Videos eingesetzt wurden. Menschen mit homosexueller oder bisexueller Orientierung berichten mehr als doppelt so häufig von entsprechenden Erlebnissen wie Personen mit (überwiegend) heterosexueller Orientierung (54 Prozent gegen gegenüber 21 Prozent).
Etwa 2 von 10 der Befragten geben an, dass sie bereits gegen ihren Willen intime Fotos bzw. Videos erhalten haben oder dass diese von ihnen verlangt wurden. Weibliche Befragte sind hiervon deutlich häufiger betroffen.
Hinweis: Die Befragung für die Studie erfolgte zwischen Februar und Juli 2025. Befragt wurden 3.514 Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren sowie 2.341 junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren.
Quellen:
Sendung: WDR 2, WDR aktuell, 27.03.2026, 13.00 Uhr