Gefährlicher Trend auf TikTok | Aktuelle Stunde
02:57 Min.. Verfügbar bis 08.06.2027.
Kritischer Trend #skinnytok: Was sollte man über Essstörungen wissen?
Stand:
Wer auf Tiktok mit dem Hashtag #skinnytok Videos sucht, wird auf eine Seite mit Beratungs- und Hilfsangeboten für Essstörungen umgeleitet. Mehrere EU-Länder hatten kritisiert, dass TikTok Essstörungen verherrliche. Was sollte man darüber wissen?
Wegen des Trends "Skinnytok" haben mehrere EU-Länder auf ein schärferes Vorgehen gegen die Plattform Tiktok gedrängt. Der Trend sei "eine große Gefahr für die geistige und körperliche Gesundheit" von Jugendlichen, sagte die belgische Digitalministerin Vanessa Matz Ende April in Brüssel. Damit schloss sie sich Forderungen aus Frankreich und weiteren europäischen Ländern an.
In den Videos geben Tiktok-Nutzerinnen Abnehmtipps, die meisten von ihnen junge, dünne Frauen. Andere nehmen sich abgemagerte Körper zum Vorbild, sichtbare Knochen unter der Haut gelten teils als Schönheitsideal. Im Extremfall werden Essstörungen wie Magersucht und Bulimie verharmlost oder gar gefeiert.
Doch was wird Tiktok genau vorgeworfen? Und wie reagiert Tiktok darauf? Wer ist besonders gefährdet, an Essstörungen zu erkranken? Wie stark ist der Einfluss durch die sozialen Medien? Und was kann man tun, wenn man vermutet, dass ein Angehöriger an einer Essstörung erkrankt ist?
- Was wird Tiktok vorgeworfen?
- Wie hat Tiktok auf die Vorwürfe reagiert?
- Wie wirkungsvoll ist die Reaktion von Tiktok?
- In welchem Alter erkranken die meisten Menschen an Essstörungen?
- Sind Frauen stärker von Essstörungen betroffen als Männer?
- Welchen Einfluss hat Social Media auf die Entwicklung einer Essstörung?
- Was sind Anzeichen für eine Essstörung?
- Was können Angehörige tun?
- Wo gibt es Hilfe?
Was wird Tiktok vorgeworfen?
"Der Tiktok-Algorithmus verstrickt Jugendliche in eine Spirale aus extremen Inhalten", warnte die belgische Ministerin Matz Ende April. Sie warf dem Unternehmen vor, nicht ausreichend gegen den Trend vorzugehen. Eine Warnung, welche die Plattform bisweilen unter den Videos anzeigt, reiche nicht aus.
Wie reagiert Tiktok?
Wer nach #skinnytok sucht, wird auf diese Seite geleitet
Tiktok widersprach daraufhin, es sei auf der Plattform verboten, Essstörungen oder gefährliches Abnehmverhalten zu zeigen. Wer nach Begriffen wie "Anorexie" (Magersucht) suche, bekomme Tipps und Links zu Beratungsstellen angezeigt. Auch unter #skinnytok werden nun sogenannte "Ressourcen" angezeigt.
Für bestimmte Inhalte gebe es eine Altersbeschränkung, sagte Tiktok außerdem. Zudem hatte die Plattform bereits im vergangenen Jahr den Account von Liv Schmidt gesperrt, einer Influencerin, die Tipps gibt, wie Frauen es schaffen, möglichst "skinny" zu bleiben. Unter anderem betreibt sie bei Instagram einen Account der sich "the skinny society" nennt.
Wie wirkungsvoll ist die Reaktion von Tiktok?
Das grundlegende Problem löst diese Maßnahme vermutlich nicht. Denn nur weil #skinnytok nicht erreichbar ist, verschwinden die Inhalte, um die es geht, nicht automatisch. Nach wie vor gibt es viele ähnliche Suchbegriffe, unter denen Videos mit Titeln wie "Deshalb schaffst du es nicht, skinny zu werden" oder "3 Dinge, die ich jeden Morgen mache, um skinny zu bleiben" geworben wird.
Es brauche weitere Maßnahmen, sagt Psychologe und Autor Christian Montag. Plattformen wie Tiktok müssten etwa stärker Sorge tragen, dass Altersvorgaben erfolgreich umgesetzt würden, um Kindern nicht mehr den Inhalten auszusetzen. Denn die seien besonders beeinflussbar. "Wir müssen die Alterszahl 13 ernst nehmen", so Montag.
In welchem Alter erkranken die meisten Menschen an Essstörungen?
Prof. Silja Vocks, Psychologin
Silja Vocks ist Leiterin des Fachgebietes Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Osnabrück. Sie erklärt, dass das Ersterkrankungsalter immer weiter gesunken ist. Menschen, die davon betroffen sind, werden dementsprechend immer jünger. Besonders in der Pubertät sind Jugendliche sehr anfällig dafür, an Essstörungen zu erkranken.
Ein zweiter Erkrankungsgipfel zeigt sich laut Vocks in der Menopause. Auch in dieser Zeit erkranken Menschen häufiger an Essstörungen. Die Rate ist jedoch deutlich geringer als in der Pubertät. Warum Essstörungen in solchen Zeiten hormoneller Veränderungen zunehmen, ist nicht sicher, es könnte jedoch mit der körperlichen Veränderung zusammenhängen, die damit einhergehen kann.
Sind Frauen stärker von Essstörungen betroffen als Männer?
Generell nehmen Essstörungen laut Silja Vocks in der letzten Zeit wieder zu. Gleichzeitig sei es aber immer noch ein Problem, das vorrangig Mädchen und Frauen betrifft. 90 Prozent der Menschen, die an Essstörungen erkranken, sind weiblich und nur zehn Prozent männlich - das sei ein ungefährer Prozentsatz der letzten Jahre, erklärt Vocks.
Welchen Einfluss hat Social Media auf die Entwicklung einer Essstörung?
Psychologin Silja Vocks sagt, dass der Einfluss durch Social Media alleine noch keine Essstörung auslöst. Wenn jedoch eine Mischung verschiedener Risikofaktoren zusammenkomme, dann könne dieser Einfluss eine schädigende Wirkung haben.
"Es ist gut darüber zu sprechen, dass die Welt auf Social Media nicht die Realität ist." Prof. Silja Vocks, Leiterin des Fachgebietes Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Osnabrück
Eltern sollten daher versuchen die Zeit zu begrenzen, die ihre Kinder in den sozialen Medien verbringen, meint Vocks. Da es jedoch nicht zu verhindern sei, dass sie sich dem aussetzen, sei es gut, mit jungen Menschen über die sozialen Medien zu sprechen und immer wieder darauf hinzuweisen, dass es sich dabei oft um eine Fakewelt handelt.
Was sind Anzeichen für eine Essstörung?
Enge Angehörige sind oft die ersten, die Veränderungen im Verhalten bemerken. Anzeichen für eine Essstörung sind laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung:
- ein verändertes Essverhalten
- Gewichtsverlust
- Niedergeschlagenheit oder Bedrücktheit
- sozialer Rückzug
Was können Angehörige tun?
Sollten Angehörige den Verdacht haben, dass eine Essstörung vorliegt, empfiehlt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zunächst das Gespräch mit den Betroffenen zu suchen und das Problem offen anzusprechen. Dabei ist es jedoch wichtig, die folgenden Punkte zu beachten:
- Ich-Botschaften formulieren: Im Gespräch sollten Angehörige immer aus der Ich-Perspektive sprechen. Das bedeutet, sie sollten aus ihrer Perspektive beschreiben, welche Veränderungen ihnen im Verhalten der Betroffenen aufgefallen sind und warum ihnen diese Veränderungen Sorge bereiten.
- Zuhören und Verständnis zeigen: Es kann für Betroffene schon eine erste Hilfe sein, wenn sie jemanden haben, der ihnen zuhört und ihre Situation versteht.
- Gesprächsthemen: Gewicht, Figur und Essverhalten sollten nicht im Mittelpunkt des Gesprächs stehen.
- Kein Druck: Vorwürfe, Schuldzuweisungen, Warnungen oder Drohungen sollten unterbleiben.
Im weiteren Verlauf ist es laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wichtig, den Betroffenen zu zeigen, dass man bereit ist, ihn oder sie zu unterstützen und ihm oder ihr das Gefühl zu geben, nicht alleine zu sein.
Das sollte man tun:
- Nachfragen stellen und Angebote zum Reden machen.
- Man sollte auf einen Arztbesuch bestehen, da Essstörungen Krankheiten sind, die ernsthafte Folgen für die Gesundheit haben können.
- Zu weiterführender Hilfe motivieren, etwa zum Besuch einer Beratungsstelle, einer psychotherapeutischen oder ärztlichen Praxis. Dabei ist es wichtig, keinen Druck zu machen.
- Betroffene begleiten, wenn sie bereit sind, Hilfe in Anspruch nehmen.
- Kleine Erfolge wahrnehmen und würdigen.
- Positiven Dingen und Erlebnissen bewusst Raum geben, die nichts mit der Essstörung zu tun haben.
Das sollte man nicht tun:
- Die Betroffenen auf ihre Essstörung reduzieren.
- Man sollte nicht versuchen, eine Essstörung familienintern selbst zu therapieren. Eine Essstörung ist eine schwere psychische Störung und sollte daher von Experten und Expertinnen behandelt werden.
- Betroffene können nicht zu einer Therapie gezwungen werden. Es kann Zeit und viele Gespräche in Anspruch nehmen, bis die Betroffenen selbst erkennen, dass sie Hilfe benötigen. Eine Therapie ist jedoch nur sinnvoll, wenn die Betroffenen selbst dazu bereit sind.
In extremen Fällen kann laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auch sofort Hilfe nötig sein. Sollte die betroffene Person einen schwer kranken Eindruck machen, muss sofort ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden. Das gleiche gilt, wenn man bei Betroffenen eine Suizidgefahr feststellt.
Weitere detaillierte Informationen und Tipps findet man beispielsweise im Leitfaden für Eltern, Angehörige und Lehrkräfte der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.
Wo gibt es sonst noch Hilfe?
Unter der Nummer 0221 892031 ist das Hilfetelefon vom Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit erreichbar und hier kann man zum Thema Essstörung nach einer Beratungsstelle suchen:
Unsere Quellen:
- Tiktok-Suche nach #skinnytok
- Nachrichtenagentur afp
- Interview mit Prof. Silja Vocks
- Interview im WDR 5 Morgenecho mit Psychologe Christian Montag
- Website der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
- Leitfaden für Eltern, Angehörige und Lehrkräfte des BZgA