Ist die Veggie-Wurst eine Wurst? | WDR aktuell
2 Min. 41 Sek.. Verfügbar bis 08.10.2027.
Aus für "Veggie-Burger"? EU-Parlament stimmt für Namensverbot
Stand:
Das Europaparlament hat sich mehrheitlich dafür ausgesprochen, dass vegetarische Fleischersatzprodukte künftig nicht mehr Burger, Schnitzel und Wurst heißen sollen. Endgültig entschieden ist aber noch nichts.
Darf der Veggie-Burger noch Burger heißen? Wenn es nach dem EU-Parlament geht, ist die Bezeichnung künftig tabu. Die Politiker stimmten heute über Bezeichnungen von Fleischersatzprodukten wie "Veggie-Burger" und "Veggie-Wurst" ab - und wünschten sich mehrheitlich ein Namensverbot. Die Folge: "Steak", "Schnitzel", "Hamburger" oder "Wurst" dürften dann künftig nur noch für Lebensmittel tierischen Ursprungs verwendet werden. Was Befürworter des Vorhabens sagen - und wie Kritiker dagegenhalten.
Bundesregierung um Merz und Rainer für Verbot
Für Landwirtschaftsminister Alois Rainer ist ein "veganes Schnitzel" kein Schnitzel.
Hinsichtlich eines Verbots kamen aus der Bundesregierung in Berlin durchaus positive Töne. Kanzler Friedrich Merz (CDU) und Landwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) hatten schon zuvor Zustimmung signalisiert. "Eine Wurst ist eine Wurst. Wurst ist nicht vegan", sagte Merz am Sonntagabend in der ARD-Sendung "Caren Miosga". Der gelernte Metzgermeister Rainer betonte derweil im "Bild"-Interview: "Für mich persönlich ist ein Schnitzel aus Pute, Kalb oder Schwein."
Das Bundeslandwirtschaftsministerium verwies auf den Koalitionsvertrag. In diesem sei festgehalten, dass Verbraucherinnen und Verbraucher selbstbestimmt entscheiden sollen, wie sie sich ernähren. Dafür brauche es "Transparenz und Informationen über die im Handel erhältlichen Lebensmittel". Das Ministerium begrüße daher "die klare Unterscheidung und Erkennbarkeit traditionell tierischer Lebensmittel und pflanzlicher Fleisch-Ersatzprodukte".
Verbot soll Verbraucher und Landwirte schützen
Echtes Fleisch oder vegane Alternative? Schwer zu unterscheiden.
Befürworter des Vorhabens sehen durch ein Verbot den Verbraucherschutz gestärkt. Céline Imart von der Europäischen Volkspartei war im Landwirtschaftsausschuss des Europäischen Parlaments vor allem an dem Vorschlag beteiligt. Sie teilte auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa mit, es bestehe "ein echtes Verwechslungsrisiko". Pflanzenbasierte Ersatzprodukte böten etwa nicht die gleichen Nährwerte wie ihre tierischen Originale.
Zudem gehe es bei dem Vorhaben darum, Landwirte zu schützen. Pflanzliche Lebensmittelhersteller versuchten den Ruf tierischer Lebensmittel, den Generationen von Landwirten aufgebaut hätten, für die Vermarktung von Konkurrenzprodukten zu nutzen, so Imart.
CDU-Abgeordneter: "Unsinnige Forderung"
CDU-Politiker Peter Liese
Auch wenn dem CDU-Kanzler das Stück echtes Fleisch wichtig zu sein scheint, kam aus den eigenen Reihen auch viel Unverständnis. "Ich bedauere sehr, dass der Antrag trotz der Ablehnung durch die CDU/CSU-Gruppe eine Mehrheit gefunden hat", sagte der CDU-Europaabgeordnete Peter Liese zu dem Ergebnis.
"Wir sollten die Verbraucher nicht für dumm verkaufen. Wenn auf einer Packung ‚Veggieburger‘ oder ‚Veggiewurst‘ steht, kann jeder entscheiden, ob er das kaufen will oder nicht." Peter Liese, CDU-Europaabgeordneter
Liese erklärte, er hoffe, dass die Diskussion im Sande verlaufen werde, "weil der Ministerrat diese aus meiner Sicht unsinnige Forderung ablehnen wird". Trotzdem sei es schade, "dass sich die Mehrheit im Europäischen Parlament in einer Zeit, in der wir wirklich andere Probleme haben, mit so einem Unsinn beschäftigt".
Studie: "Verwechslungsgefahr gering"
Auch aus Sicht vieler Verbraucherschützer wäre das Vorhaben des EU-Parlaments ein Rückschritt - und außerdem einer, der gar nicht nötig wäre. "Aus unserer Sicht der Verbraucherzentralen ist das Verwechslungsrisiko tatsächlich gering", sagt zum Beispiel Astrid Goltz vom Team Lebensmittel des Verbraucherzentrale Bundesverbands im Gespräch mit dem WDR.
Astrid Goltz bezieht sich dabei auch auf eine Studie der Verbraucherschützer. Ergebnis: 90 Prozent der Teilnehmenden konnten sehr gut erkennen, ob es sich um ein Produkt mit oder ohne Fleisch handelt, wenn die Bezeichnung vegetarisch oder vegan vor den Begriffen Wurst oder Burger stand.
"Zu wirklichen Fehlkäufen kommt es selten." Astrid Goltz, Verbraucherzentrale Bundesverband
In Sachen Klarheit könnte der Schuss auch nach hinten los gehen, fürchten Verbraucherschützer. "Wenn man jetzt sagt, diese fleischähnlichen Bezeichnungen sind nicht mehr erlaubt, dann sind die Produkte ja immer noch am Markt und dann müssen sich die Hersteller andere Bezeichnungen dafür ausdenken, die wahrscheinlich schlechter verstanden werden von Verbraucherinnen und Verbrauchern", so Astrid Goltz.
Foodwatch-Kritik: "Lobbyismus im Dienste der Fleischindustrie"
Auch die Verbraucherorganisation Foodwatsch kritisierte bereits vor der Entscheidung die Idee scharf und sprach sich deutlich gegen ein mögliches Verbot aus. Sie sieht die Politik auf dem Holzweg.
Es gebe keinerlei Belege dafür, dass Verbraucher durch sichtbar als "vegan" oder "vegetarisch" gekennzeichnete Produkte verwirrt würden, erklärte Foodwatch-Deutschlandchef Chris Methmann. Er sieht in dem Verbots-Vorschlag "Lobbyismus im Dienste der Fleischindustrie".
Ähnlich argumentierte auch Foodwatch-Pressechef Andreas Winkler. "Ich würde am liebsten mit dem Kopf schütteln und die Politikerinnen und Politiker im Europaparlament fragen: Ernsthaft, haben wir keine anderen Probleme?", sagte er am Montag dem WDR.
Laut Winkler sei es nicht so, dass irgendjemand versehentlich zum Tofu-Würstchen greife, weil er glaube, es seien Rinderknacker.
"Da geht es wirklich nicht um Verbraucherschutz, sondern aus unserer Sicht darum, irgendwie der Fleischindustrie einen kleinen Gefallen zu tun." Foodwatch-Pressechef Andreas Winkler.
Vegane "Fleisch-Produkte" sind laut Verbraucherschützer klar erkennbar.
Wenn vegetarische Produkte nicht mehr als Veggie-Burger oder Tofu-Wurst, sondern mit "irgendwelchen merkwürdigen Bezeichnungen wie zum Beispiel Tofu-Stängel" im Supermarktregal lägen, helfe das sicherlich nicht dem Verbraucher beim Einkaufen. "Sondern das hilft vor allem der Fleischindustrie, die ihre 'normalen' oder 'echten' Fleischprodukte, ihre 'echten' Burger, ihre 'echten' Würstchen verkaufen möchte", so Foodwatch-Pressechef Winkler.
Nach der Abstimmung kommt die Verhandlung
Noch ist aber nichts endgültig entschieden und ob es wirklich zu einem Verbot kommt, wird sich noch zeigen. Denn: Nach der Abstimmung muss das Parlament im Anschluss noch mit den 27 EU-Staaten über die vorgeschlagene Gesetzesänderung verhandeln. Die Gespräche dazu sollen Mitte Oktober beginnen.
Unsere Quellen:
- Stellungnahme des CDU-Politikers Peter Liese
- Interview mit Astrid Goltz am 08.10.2025 im WDR 5 Morgenecho
- Nachrichtenagenturen dpa, AFP
- WDR-Gespräch mit Andreas Winkler (Foodwatch)