Christian Wegener, Harro Schmidt und Charalampos Tsirakidis

Wirtschaft und Migration: Das sagen Menschen nach den Kommunalwahlen

Stand:

Laut einer Umfrage spielten bei der Kommunalwahl vor allem die Themen Wirtschaft und Migration eine Rolle. Auch bei Menschen in Gelsenkirchen, wo die AfD besonders stark abgeschnitten hat, und in Remscheid, wo die Wahlbeteiligung im NRW-Vergleich am geringsten war. Wir haben uns vor Ort umgehört.

Von Jörn KießlerJörn Kießler

Auf den ersten Blick geht das Leben in Gelsenkirchen am Tag nach der Kommunalwahl seinen gewohnten Gang. Vor allem ältere Menschen sind am Mittag auf der Bahnhofstraße in der Innenstadt unterwegs. Ein Trupp der Stadtreinigung säubert das Pflaster am Fritz-Rahkob-Platz und vor dem Hans-Sachs-Haus sitzen mehrere Frauen in der Sonne.

"Aber hier sind heute ganz schön viele Menschen mit Kameras, Fotoapparaten und Mikrofonen unterwegs", stellt eine dunkelhaarige Frau fest. "Ist irgendwas passiert?"

Der Grund, warum so viele Journalistinnen und Reporter in Gelsenkirchen unterwegs sind, ist das starke Ergebnis der AfD bei der Kommunalwahl in Gelsenkirchen. Nicht zum ersten Mal holte sie in der Stadt das beste Ergebnis in ganz NRW.

Eine Frau läuft an der Wahlscheinstelle Hans-Sachs-Haus vorbei

Am 28. September findet in Gelsenkirchen die Stichwahl statt.

AfD erneut stärkste Kraft in Gelsenkirchen

Bereits bei der Bundestagswahl im Februar holte die Alternative für Deutschland hier die meisten Stimmen. 24,7 Prozent der Wählenden machten ihr Kreuz bei der AfD. Bei der Kommunalwahl waren es noch einmal mehr. Hier kam die AfD bei der Ratswahl auf 29,9 Prozent und liegt nur einen halben Prozentpunkt hinter der SPD. Auch bei der Oberbürgermeisterwahl liegen die beiden Parteien vorne: SPD-OB-Kandidatin Andrea Henze tritt bei der Stichwahl am 28. September gegen den AfD-Kandidaten Norbert Emmerich an.

"Das wundert mich nicht", sagt die dunkelhaarige Frau, die ihren Namen lieber für sich behalten will. "Selbst ich habe die AfD gewählt, und ich bin Türkin." Dass die AfD im Wahlkampf Stimmung gegen Migranten machte, stört sie nicht. "Ganz ehrlich, für meinen Geschmack leben hier zu viele Ausländer, die sich nicht anpassen", sagt sie. Sie selbst lebe seit fast 50 Jahren in Gelsenkirchen, gehe arbeiten, zahle Steuern. Ihr Eindruck: "Die Menschen, die erst in den vergangenen Jahren hierher gekommen sind, die haben da gar keine Lust darauf."

Themen Wirtschaft und Migration wichtig bei Wahlentscheidung

Laut einer Wählerbefragung von Infratest Dimap waren die zwei Themen, die am stärksten die Wahlentscheidung der Menschen beeinflussten, Wirtschaftspolitik sowie Einwanderung und Integration. Für Christian Wegener sind diese beiden Themen eng miteinander verbunden. "Ich habe auch AfD gewählt", sagt er. "Und ich finde es schade, dass die Partei in Gelsenkirchen nicht mehr Stimmen geholt hat."

Christian Wegener aus Bochum

Christian Wegener, 43, aus Bochum

Genau wie viele andere, die dazu stehen, dass sie für die AfD gestimmt haben, betont er schon fast reflexartig, dass er kein Nazi sei. "Mir geht es vielmehr um Gerechtigkeit", sagt der Inhaber eines Montageunternehmens mit vier Mitarbeitern. "Ich stehe jeden morgen auf und knüpple, damit ich Geld verdiene. Und dann muss ich Steuern und Abgaben zahlen, mit denen die finanziert werden, die nach Deutschland kommen und überhaupt keine Anstalten machen, zu arbeiten."

Der 43-Jährige lebt in Bochum, ist an diesem Montag aber beruflich in Gelsenkirchen. Gemeinsam mit zwei Kollegen bringt er Werbetafeln an einem Baustellenzaun an der Overwegstraße an. Neben dem wirtschaftlichen Aspekt stört ihn, wie sich viele der Geflüchtete seiner Meinung nach in Deutschland benehmen.

"Es wird nicht gegrüßt, in der Bahn steht niemand für ältere Menschen auf", sagt Wegener. Am schlimmsten sei aber, dass viele ihren Dreck einfach auf die Straße werfen würden und die Städte dadurch mehr und mehr vermüllten. In der Innenstadt kann man an diesem Mittag nichts davon erkennen.

Er rede "nicht von den Migranten, die in den 1970er und 80er Jahren gekommen sind. Die können alle hier bleiben und die will auch die AfD nicht abschieben." Das zumindest ist Wegeners Interpretation - denn auch wenn Abschiebungen immer wieder thematisiert werden, lässt die AfD meist offen, wer genau abgeschoben werden soll.

Beschwerden über Müll auf den Straßen

Von Abschiebungen gefährdet sieht sich aber auch ein älteres Paar nicht, das an diesem Mittag in der Stadt unterwegs ist. Vor mehr als 40 Jahren seien sie aus Polen nach Gelsenkirchen gekommen. "Für uns war das hier das Paradies", sagt der 64-Jährige, der seinen Namen nicht nennen will. Seit einigen Jahren ändere sich aber die Situation in Gelsenkirchen. "Es wird immer schmutziger, die Innenstadt verwaist, überall fehlt das Geld", sagt er.

Er selbst habe 49 Jahre gearbeitet, vor allem in der Stahlindustrie. "Jetzt bin ich im Ruhestand und bekomme nur eine mickrige Rente", sagt er. Das Geld gehe stattdessen an Menschen, die keine Lust hätten zu arbeiten. Ihn wundert es nicht, dass die AfD erneut so viele Stimmen bekommen hat. "Die Leute wollen einen Wechsel", sagt er. "Und viele glauben, die AfD könne ihn bringen."

Wählen, um die AfD zu verhindern

Ute Herrmann-Luka gehört nicht zu diesen Menschen. "Ich habe gestern vor allem gewählt, um die AfD zu verhindern", sagt die 59-Jährige. Ihre Wahl habe für alle negative Auswirkungen, ganz gleich, welcher Bevölkerungsgruppe man angehöre.

Dass trotzdem so viele Menschen ihr Kreuz bei der in Teilen Deutschlands als rechtsextremistisch eingestuften Partei gemacht haben, erklärt sie sich mit der Politikverdrossenheit in Gelsenkirchen. "Die traditionellen Parteien haben zu lange Lobbypolitik gemacht, die nicht die Bedürfnisse der Menschen berücksichtigt", sagt Herrmann-Luka. Dann aus Protest die AfD zu wählen, sei aber nicht die Lösung - genauso wie überhaupt nicht zu wählen.

Nichtwähler in Remscheid: "Keine Politik für die Bürger"

Charalampos Tsirakidis aus Remscheid

Charalampos Tsirakidis hat am 14.9. nicht gewählt.

Genau das passierte aber in Remscheid, wo viele Menschen gar nicht zur Wahl gingen. Hier lag die Wahlbeteiligung bei nur 47,5 Prozent, nirgendwo in NRW war sie so niedrig. Auch Charalampos Tsirakidis verzichtete darauf, am Sonntag seine Stimme abzugeben. "Einfach weil ich es für sinnlos halte", sagt er. "Keine der Parteien macht Politik für die Bürger oder für die Unternehmer hier in Remscheid."

Das hängt seiner Meinung nach auch damit zusammen, dass die Räte und Bürgermeister in den Kommunen gar nicht so viel Einfluss hätten. "Da wird die Politik durchgesetzt, die das Land vorgibt, ohne auch nur ein bisschen zu schauen, wie man den Menschen hier helfen kann", schildert er seine Wahrnehmung.

Er selbst habe das am eigenen Leibe erfahren, als er mit seinem Rücken- und Gesundheitszentrum im Juni den Standort wechseln wollte. Das zuständige Amt habe ihm als Unternehmer Steine in den Weg gelegt, so sein Eindruck. Von vornherein sei es nur darum gegangen, Gesetze durchzusetzen, ohne zu versuchen, die besten Lösung für ihn und das Bauamt zu finden.

Remscheider Unternehmer wünscht sich mehr Einsatz von der Politik

Harro Schmidt, Geschäftsführer und Inhaber von Gottlieb Schmidt Büroartikel, aus Remscheid

Hermann Harro Schmidt führt das älteste Einzelhandelgeschäft Remscheids.

Der Einsatz für die örtlichen Unternehmen fehlt auch Hermann Harro Schmidt. Aber auch er empfindet es so, dass die lokale Politik in Remscheid nur begrenzten Einfluss hat. "Die Rahmenbedingungen legen nun mal Bund und Land fest", sagt der Inhaber des ältesten Einzelhandelgeschäfts in Remscheid. Seit 1841 gibt es den Schreibwarenladen auf der Alleestraße schon. "Wir haben überlebt, weil schon meine Vorfahren immer geguckt haben, wie sie sich breit aufstellen können, um das Geschäft am Laufen zu halten."

Umso mehr ärgert es ihn, dass dann politische Entscheidungen getroffen werden, die den Unternehmen in der Stadt schaden. "Als vor Jahren das große Einkaufszentrum in der Innenstadt gebaut wurde, gab es bereits Bedenken, dass dadurch die Läden in der Umgebung geschwächt werden", sagt Schmidt. Als es fertig war, sei es genau so gekommen. Trotzdem wird in Remscheid seit Jahren darüber diskutiert, ob im Stadtteil Lennep ein Outlet-Center gebaut werden soll.

Trotz dieses Frusts ist er mit dem Wahlergebnis in seiner Stadt zufrieden. Hier treten zur Stichwahl am 28. September zwei Kandidaten von SPD und CDU gegeneinander an. Auch im Rat bekamen die beiden Parteien mit 31,3 und 27 Prozent die meisten Stimmen. Die AfD landete auf Platz drei mit 16,1 Prozent - ein Zugewinn von 15,1 Prozentpunkten im Vergleich zur letzten Kommunalwahl vor fünf Jahren.

"Das hätte ein bisschen weniger sein können", sagt Schmidt, der sich bei seiner Wahlentscheidung nicht von Wirtschaftsfragen beeinflussen ließ. "Ich habe nur nach Sympathie gewählt."

Unsere Quellen:

  • Gespräche des Reporters vor Ort mit Menschen in Gelsenkirchen und Remscheid
  • Umfrage zur Wahlentscheidung von infratest dimap
  • Ergebnisse der Kommunalwahlen 2025 in NRW

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