Es ist kurz nach drei Uhr in der Zentralen Notaufnahme des Klinikums Bielefeld. Chefärztin Veena Mohan steht am Bett einer Patientin. Die Rentnerin ist gerade erst aufgenommen worden. Mit dem Rettungswagen ist sie in die Notaufnahme gebracht worden, weil sie sich schwach und durcheinander gefühlt habe. "Haben Sie irgendwo Schmerzen? Luftnot?", fragt Mohan. Es sind kurze Fragen, deren Antworten entscheidend sein können.
Die Rentnerin leidet an Morbus Addison, einer seltenen chronischen Erkrankung der Nebennierenrinde. Ihr Körper bildet zu wenig lebenswichtige Hormone wie Cortisol. Zu den möglichen Beschwerden gehören starke Müdigkeit und Schwäche, niedriger Blutdruck mit Schwindel, Gewichtsverlust und Appetitlosigkeit.
Die Farbe entscheidet über die Dringlichkeit
Bei dieser Patientin ergab die Ersteinschätzung der Pflegefachkräfte die Farbe Gelb. "Das bedeutet, dass ihr Fall dringend ist und ein Arztkontakt innerhalb von 30 Minuten erfolgen muss", erklärt Mohan. Nach ersten Untersuchungen und einem Schnelltest erhält sie in der Notaufnahme Medikamente, Cortison und Flüssigkeit. Anschließend wird sie auf der Beobachtungsstation weiter überwacht.
In der Notaufnahme gilt nicht: Wer zuerst kommt, kommt zuerst dran
Ob jemand sofort behandelt werden muss oder zunächst warten kann, wird in Bielefeld mithilfe des Manchester-Triage-Systems bestimmt. Speziell geschulte Pflegekräfte erfassen die Beschwerden und kontrollieren Puls, Blutdruck, Temperatur oder Sauerstoffsättigung.
Entscheidend ist dabei nicht, wann jemand angekommen ist, sondern wie schwer die Erkrankung oder Verletzung ist und wie schnell sich der Zustand verschlechtern könnte. Deshalb kann ein später eingetroffener Patient unmittelbar in einen Behandlungsraum gebracht werden, während andere warten müssen.
Das bedeuten die Farben der Manchester-Triage
Die Reihenfolge kann sich zudem jederzeit verändern: Kommt ein lebensbedrohlicher Fall hinzu, muss das Team neu priorisieren. Verschlechtert sich der Zustand eines wartenden Menschen, sollte er das Personal sofort informieren. Dann kann die Dringlichkeit erneut beurteilt werden.
Das Manchester-Triage-System unterscheidet fünf Dringlichkeitsstufen. Die Zeitangaben beziehen sich auf den vorgesehenen Zeitraum bis zum ersten Arztkontakt - nicht auf den Abschluss der gesamten Behandlung.
Die fünf Farben der Manchester-Triage:
- Rot - sofort: Der Arztkontakt muss unmittelbar erfolgen.
- Orange - sehr dringend: Der Arztkontakt soll innerhalb von zehn Minuten erfolgen.
- Gelb - dringend: Der Arztkontakt soll innerhalb von 30 Minuten erfolgen.
- Grün - normal: Der Arztkontakt soll innerhalb von 90 Minuten erfolgen.
- Blau - nicht dringend: Der Arztkontakt soll innerhalb von 120 Minuten erfolgen.
Für Patientinnen, Patienten und Angehörige ist von außen oft nicht erkennbar, was gleichzeitig hinter den Türen der Notaufnahme geschieht. Zudem benötigen nicht alle dieselben Räume, Untersuchungen oder Fachärzte. Wartezeiten können deshalb unterschiedlich lang sein.
Wann ist die Notaufnahme die richtige Anlaufstelle?
Nicht jede akute Erkrankung muss in einer Krankenhaus-Notaufnahme behandelt werden. Wer außerhalb der üblichen Praxiszeiten medizinische Hilfe benötigt, dessen Beschwerden aber nicht lebensbedrohlich sind, kann sich an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117 wenden.
Bei Lebensgefahr oder wenn schwere bleibende Schäden drohen, ist dagegen die 112 die richtige Nummer - beispielsweise bei Bewusstlosigkeit, schwerer Atemnot, starken Brustschmerzen, Anzeichen eines Schlaganfalls oder schweren Verletzungen.
Krankenhausversorgung in Nordrhein-Westfalen
- 316 Krankenhäuser: So viele zugelassene Krankenhäuser erfasste IT.NRW für das Jahr 2024.
- Rund 111.500 Betten: Insgesamt standen in den nordrhein-westfälischen Krankenhäusern 111.514 Betten zur Verfügung.
- 4,3 Millionen stationäre Behandlungen: 2024 wurden 1,8 Prozent mehr Menschen vollstationär behandelt als im Vorjahr - bei einem Prozent weniger Betten.
- Grundversorgung in 20 Minuten: Nach Angaben des NRW-Gesundheitsministeriums erreichen 98,6 Prozent der Menschen im Rheinland und 93,1 Prozent in Westfalen-Lippe innerhalb von 20 Autominuten ein Krankenhaus mit allgemeiner innerer Medizin und allgemeiner Chirurgie.
Eine Nacht, in der niemand weiß, was als Nächstes kommt
Für Veena Mohan ist die Notaufnahme längst mehr als ein Arbeitsplatz. "Die Notaufnahme ist mein zweites Zuhause. Wenn ich nicht zu Hause bin, bin ich hier", sagt sie. Ihr Beruf erfordere nicht nur medizinische Kenntnisse, sondern sei ein zutiefst menschlicher Job.
Die Patientin mit Morbus Addison wird inzwischen auf der Beobachtungsstation versorgt. Ihr Fall ist eingeordnet, die Behandlung läuft. Doch für Mohan und ihr Team bleibt die Lage offen. Die nächste Tür kann sich jederzeit öffnen und dann beginnt die Entscheidung über die Dringlichkeit von Neuem.
Alle Beiträge der Serie "So tickt NRW":
Unsere Quellen:
- Interview mit Veena Mohan
- Eindrücke und Recherchen des WDR-Reporters vor Ort
- Klinikum Bielefeld
- IT.NRW
- NRW-Gesundheitsministerium
So tickt NRW - 3 Uhr: Mit Chefärztin Veena Mohan in der Bielefelder Notaufnahme
Bildquelle: Christian MichelWDR. 03.08.2026. 01:42 Min.. Verfügbar bis 02.08.2028. WDR Online.
Sendehinweis: WDR.de, So tickt NRW - 3 Uhr: Mit Chefärztin Veena Mohan in der Bielefelder Notaufnahme, 03.08.2026, 12:38 Uhr