"Ohne diese Kontrolle fährt heute keine Bahn." Kurz vor vier Uhr morgens, Betriebshof Düsseldorf. Noch schläft ein Großteil der Stadt, doch für Fahrer Guido Esser hat der Arbeitstag längst begonnen. Ein Piepen, die Türen öffnen sich, die Lüftung springt an. Blinker, Bremsen, Scheibenwischer, Funk, Einklemmschutz - jeder Handgriff sitzt.
Die 40 Meter lange Niederflurbahn wird Zentimeter für Zentimeter geprüft. "Wenn hier etwas nicht funktioniert, bleibt die Bahn stehen", sagt der 55-Jährige. Sicherheit beginnt nicht auf der Strecke. Sie beginnt hier.
Mit Fehlern von anderen rechnen
Als Esser den Betriebshof verlässt, sind die Straßen fast leer. Gerade jetzt muss seine Aufmerksamkeit besonders groß sein. Hinter einem Lastwagen erkennt er nur einen Schatten. Vielleicht kommt gleich ein Fußgänger hervor. Er klingelt vorsorglich, nimmt Tempo heraus. "In der Fahrschule haben sie gesagt: Mit den Fehlern der anderen musst du immer rechnen."
Übergriffe auf Zugpersonal sorgen bundesweit für Schlagzeilen. Viel seltener wird erzählt, wie oft erfahrene Fahrer Unfälle verhindern, bevor überhaupt etwas passiert.
"Man entwickelt ein feines Gespür dafür, wenn irgendetwas nicht stimmt." Guido Esser, Fahrer Rheinbahn Düsseldorf
4:05 Uhr - am Hauptbahnhof steigen die ersten Fahrgäste ein. Reinigungskräfte. Pflegekräfte. Handwerker. 4:16 Uhr - Völklinger Straße, zwei Rentnerinnen fahren zur Arbeit: die eine in einen Kiosk, die andere als Servicekraft in ein Hotel. Damit bessern die beiden Frauen ihre Rente auf. 4:29 Uhr, Landestheater - eine junge Frau möchte früher ins Büro, um später mit Freundinnen zur Rheinkirmes zu gehen. Jeder bringt seine eigene Geschichte mit.
Hinter Guido Esser füllt sich die Bahn langsam mit dem Querschnitt einer arbeitenden Gesellschaft. Vor ihm bleibt der Blick auf Schienen, Ampeln und Kreuzungen gerichtet. Während hinten das Leben beginnt, zählt vorne jede Sekunde Aufmerksamkeit.
"Die Fahrerkabine ist meine Schutzzone"
Am Neusser Hauptbahnhof steigen zwei laut diskutierende Männer ein. Es riecht nach Alkohol. Andere Fahrgäste schauen weg. Von alldem bekommt Guido Esser kaum etwas mit. Die Fahrerkabine ist abgeschlossen. "Definitiv angenehmer als im Bus", sagt er.
Nach Jahren hinter dem Buslenkrad weiß er den Abstand zu schätzen. Muss Hilfe organisiert werden, informiert er die Leitstelle. Selbst eingreifen soll er nur, wenn es die Situation zulässt. "Man darf sich selbst nicht in Gefahr bringen."
Morgenroutine einer erwachenden Stadt
Zwischen Graf-Adolf-Platz und Bilker Kirche verändert sich das Licht. Aus Schwarz wird Blau, aus Blau langsam Morgen. Straßenlaternen verlieren gegen den Sonnenaufgang. Kurz nach fünf Uhr beißt Guido Esser in sein Frühstücksbrot.
"Wenn der Sonnenaufgang kommt - das ist für mich wie die Geburt eines neuen Tages." Guido Esser, Fahrer Rheinbahn Düsseldorf
Wieder schließt sich die Tür, die Glocke klingelt, die Bahn fährt weiter. Hinter ihm sitzen Menschen, die Krankenhäuser, Baustellen, Büros und Geschäfte am Laufen halten. Vor ihm liegt ein neuer Tag - einer von Tausenden. Und doch beginnt jeder Morgen mit derselben Aufgabe: Verantwortung zu übernehmen, lange bevor die meisten Menschen überhaupt wach sind.
Rheinbahn: Ein Jubiläum und Fahrten bis zum Mond
Seit 130 Jahren ist sie die Bahn für die Düsseldorfer
1896 gründeten vier Düsseldorfer Unternehmer die Rheinische Bahngesellschaft, vor allem um die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt anzukurbeln. Anfangs gab es sogar noch Pferdebahnen. 1900 waren dann alle Straßenbahnen elektifiziert.
Größtes Verkehrsunternehmen im VRR
Die Rheinbahn ist das größte kommunale Verkehrsunternehmen im Verbund Rhein-Ruhr (VRR) - und der VRR wiederum ist einer der größten Verkehrsverbünde Europas.
Fahrgast- und Kilometer-Rekorde
Heute verbindet die Rheinbahn die Stadt Düsseldorf mit zahlreichen Nachbarstädten wie Neuss, Meerbusch, Krefeld, Ratingen und Duisburg. Über 200 Millionen Fahrgäste nutzen die Busse, Straßen- und Stadtbahnen der Rheinbahn pro Jahr. Um all diese Menschen zu transportieren, legen die Fahrzeuge insgesamt 55 Millionen Kilometer im Jahr zurück. Das ist in etwa so lang wie 140 Mal die Distanz von der Erde bis zum Mond.
Alle Beiträge der Serie "So tickt NRW":
Unsere Quellen:
- Eindrücke von WDR-Reporterin vor Ort
- Gespräch mit Rheinbahnfahrer Guido Esser
- Rheinbahn
Sendung: WDR.de, So tickt NRW - 4 Uhr: Was Rheinbahn-Fahrer Guido Esser tut, um Unfälle zu verhindern, 03.08.2026, 12.39 Uhr