Wie Lokalpolitiker um digitale Aufmerksamkeit kämpfen

WDR 03:41 Min. Verfügbar bis 31.07.2028

Zwischen Reels und Rathaus

Wie Lokalpolitiker um digitale Aufmerksamkeit kämpfen

Stand:

TikTok und Instagram prägen die politische Meinungsbildung. Auch Lokalpolitiker setzen zunehmend auf Reels.

Von
Annika Müller

Gerold Wenzens richtet ein letztes Mal sein Jackett. "3,2,1" - und schon geht’s los: "Hallo Langenfeld.". So begrüßt der Langenfelder Bürgermeister jede Woche die Follower der offiziellen Social-Media-Kanäle der Stadt.

Das Format "Wenzens Woche" erreicht regelmäßig mehrere tausend Menschen, manche Videos haben mehr als 20.000 Aufrufe. "Social Media ist eine ganz tolle Möglichkeit, um direkt mit den Leuten zu reden, ihnen Informationen zukommen zu lassen, Hintergründe zu erklären - niedrigschwellig, eins zu eins, ungefiltert", sagt Wenzens.

Gerold Wenzens ist mit der Aufnahme zufrieden. | Bildquelle: WDR/Annika Müller

Der Politiker von der Bürgergemeinschaft Langenfeld hat seine ersten Reels im Vorfeld der Kommunalwahlen im Herbst 2025 gedreht: "Eine Katastrophe, wirklich eine Katastrophe", erinnert er sich. Mittlerweile ist er routiniert, in rund einer halben Stunde ist "Wenzens Woche" abgedreht.

Seine Videos folgen kaum den üblichen TikTok- und Instagram-Regeln: Keine Schnitte, zwei bis drei Minuten lang. Inhaltlich bleibt er sachlich und faktenorientiert. "Ich bin auch nicht der Typ für Boulevard. Ich weiß auch nicht, ob die Leute sehen wollen, wie ich auf dem Marktplatz stehe und mich selber filme. Das wäre dann ja auch immer aus der Hand gefilmt. Mich würde es jetzt nicht interessieren."

Instagram und TikTok als wichtige Informationsquelle

Instagram und TikTok sind für viele junge Menschen inzwischen die wichtigsten Quellen für politische Informationen - noch vor Familie, Schule oder klassischen Medien. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Progressiven Zentrums, der Bertelsmann Stiftung und der Stiftung Mercator.

Marc Ziegele von der HHU forscht unter anderem zu Politik und Social Media. | Bildquelle: WDR/Annika Müller

Marc Ziegele von der Heinrich-Heine-Universität untersucht, welchen Einfluss Social Media auf den politischen Diskurs hat. "Die Geschwindigkeit des Diskurses erhöht sich und auch die Notwendigkeit, komplexe Inhalte sehr stark herunterzubrechen. Das geht oft mit einer Vereinfachung einher", sagt er.

Wie informativ können Kurzvideos sein?

Das sei nicht nur schlecht: "Denn oftmals sind gerade Politikerinnen und Politiker gut darin, wenig Inhalt in viele Worte zu verpacken. Es ist allerdings gerade bei Reels und auf TikTok teilweise schon eine sträfliche Verkürzung durch die Notwendigkeit, das Ganze auch unterhaltsam zu präsentieren." Das führe auch dazu, dass gewisse weniger unterhaltsame Themen im politischen Diskurs auf Instagram und TikTok kaum stattfinden.

Einer, der auf Social Media sehr aktiv ist, aber dabei eine ganz andere Herangehensweise als Wenzens hat, ist der SPD-Politiker und Düsseldorfer Bürgermeister Fabian Zachel.

Der Düsseldorfer Bürgermeister Fabian Zachel setzt bei Instagram auf Emotionen. | Bildquelle: WDR / Annika Müller

Er legt in seinen Reels auch mal die Füße auf den Tisch oder spricht über seine große Wut und Trauer nach dem Fortuna-Abstieg. Gerade die Videos, die spontan entstehen und Gefühle transportieren, würden besonders erfolgreich laufen, sagt Zachel. "Aber das Wichtige ist, glaube ich, in diesen Zeiten, dass wir Vertrauen in Demokratie stärken, und damit verstärkt man auch Vertrauen in den Menschen, der auf der anderen Seite ist. Deswegen möchte ich auch ein bisschen was Privates zeigen."

So unterschiedlich nutzen Lokalpolitiker Social Media

Wie Kommunalpolitiker Social Media nutzen, ist sehr unterschiedlich. Clara Gerlach, Grünen-Politikerin und Bürgermeisterin in Düsseldorf, setzt auf TikTok auch auf Memes - Online-Gags - und experimentiert mit Trends. Düsseldorfs Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU) ist zurückhaltender, versucht aber neben politischen Themen persönliche Botschaften unterzubringen und sich auf Instagram nicht nur in Anzug und Krawatte zu zeigen.

Mönchengladbachs Oberbürgermeister Felix Heinrichs (SPD) präsentiert sich auf seinen Social-Media-Kanälen während der Karnevalssession in Uniform. Besonders beliebt für Social-Media-Videos von Kommunalpolitikern scheint das Fassanschlagen auf Schützenfesten zu sein, wie man es etwa bei der Monheimer Bürgermeisterin Sonja Wienecke (parteilos) oder dem Krefelder Bürgermeister Timo Kühn (CDU) sieht.

Die Frage ist längst nicht mehr, ob Kommunalpolitik auf Social Media stattfindet, sondern wie. Der Kampf um digitale Aufmerksamkeit ist hart, wer nicht unterhält, wird vom Algorithmus bestraft - und in letzter Konsequenz möglicherweise auch vom potenziellen Wähler.

Unsere Quellen:

  • Eindrücke der WDR-Reporterin vor Ort
  • Gespräch mit Gerold Wenzenz, Langenfelder Bürgermeister
  • Gespräch mit Fabian Zachel, Düsseldorfer Bürgermeister
  • Gespräch mit Marc Ziegele, HHU-Professor

Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Düsseldorf, 30.07.2026, 19:30 Uhr