Zehn der Wohnwagen stehen auf dem ehemaligen Kirmesplatz in Essen
Bildquelle: WDR/Johannes HoppeEs ist kurz nach elf Uhr am Sonntag. Auf dem alten Kirmesplatz an der Gladbecker Straße in Essen stehen gut 50 Menschen in einem Kreis, direkt an der Durchfahrt über den Straßenstrich. Immer wieder müssen sie Platz machen für Autos mit Kennzeichen aus dem Ruhrgebiet. Hinter dem Steuer sitzen ausschließlich Männer.
Tanja Rutkowski steht vor dem Container der Sozialarbeitenden.
Bildquelle: WDR/Johannes HoppeProstituierte sind in den kommenden zwei Stunden aber nicht hier. In dieser Zeit gibt es Führungen über den Straßenstrich. Auch auf Wunsch der gut 100 Frauen, die hier regelmäßig ihre Dienste anbieten, sagt Tanja Rutkowski. Sie leitet die Gefährdetenhilfe bei der Caritas SkF Essen und führt die Besucher übers Gelände.
Wir müssen Sexarbeit besprechbar machen und verhindern, dass die Frauen weiter im Dunkelfeld arbeiten. Tanja Rutkowski, Fachbereichsleiterin Caritas SkF Essen
Dort seien viele Frauen nämlich nicht erreichbar, erklärt sie weiter. Ihre Kolleginnen, die eng mit den Prostituierten arbeiten, berichten von ihren Erfahrungen und Angeboten für die Frauen. Es herrscht aufmerksame Stille.
Ein Drittel arbeitet freiwillig auf dem Straßenstrich
Ein Drittel der Frauen, die hier arbeiten, sehen sich als Sexarbeiterinnen und verdienen damit ihren Lebensunterhalt. Das heißt, sie sind sozialversichert und zahlen Steuern, berichtet die Sozialarbeiterin. Ein Drittel käme aus Osteuropa und schicke Geld nach Hause. Teilweise seien das Opfer von Menschenhandel. Und das letzte Drittel habe ein Drogenproblem und finanziere sich mit Prostitution ihre Sucht.
Schutz für Frauen
Hier können die Prostituierten geschützt vor Wind und Wetter auf Freier warten.
Bildquelle: WDR/Johannes HoppeUm alle Frauen möglichst frühzeitig und aus der Nähe zu beraten und zu unterstützen, gebe es diesen Straßenstrich überhaupt. Denn hier sei ein weitgehend sicherer Ort für die Frauen. Ein Container steht auf dem Gelände, in dem sind Sozialarbeiterinnen fast durchgehend ansprechbar und können vermitteln. Zudem sei die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt, der Suchthilfe und anderen Behörden, wie der Polizei sehr eng, sagt Tanja Rutkowski.
Tag der Sexarbeiter
Dass heute keine Prostituierten auf dem Straßenstrich sind, sei Absicht. Viele würden sich ohnehin nicht zeigen wollen, wenn die Presse und Besucher hier sind. Die zwei Stunden der Führung würden genutzt, um zu zeigen, was hier tagtäglich passiert.
Anlass für die Aktion ist der Internationale Sexarbeitertag am 02. Juni. Der Berufsverband Sexarbeit veranstaltet bis Freitag eine ganze Aktionswoche. Die Führungen über den Straßenstrich gibt es bundesweit in fünf Städten, in Essen zum zweiten Mal. Die Stadt ist die einzige in NRW.
"Gut und eklig"
Sandra Tuttas aus Bottrop und Celine und Tim Klautke aus Essen waren bei der Führung dabei.
Bildquelle: WDR/Johannes HoppeCeline und Tim Klautke waren beim ersten Mal im vergangenen Jahr auch schon dabei. Diesmal haben sie Celines Tante Sandra Tuttas aus Bottrop mitgebracht. Alle drei finden es gut, dass es den Schutzraum Straßenstrich gibt. So sei die Prostitution, die es ja ohnehin gebe, zumindest unter Kontrolle.
Wie es in den Verrichtungsboxen riecht, finde ich aber schon eklig. Kaum vorstellbar, dass Männer an sowas Spaß haben. Celine Klautke
In diesen Verrichtungsboxen gibt es extra einen Alarmknopf falls Freier übergriffig werden.
Bildquelle: WDR/Johannes HoppeAuch ihre Tante findet den Ort "grenzwertig", sagt sie. In die eingezäunten Boxen können Freier vorwärts mit ihrem Auto hineinfahren, die Prostituierten steigen ein. Auf ihrer Seite ist zur Sicherheit ein roter Alarmknopf, der mit einer Sirene verbunden ist.
Protest gegen Sexkauf
Simone Kleinert ist im Bundesvorstand Nordisches Modell und will, dass Sexkauf verboten wird.
Bildquelle: WDR/Johannes HoppeNicht bei allen kommen die Führungen über den Straßenstrich in Essen gut an. Fünf Aktivisten unter anderem vom Bundesvorstand Nordisches Modell sind auch auf dem Gelände. Sie wollen, dass Sexkauf verboten wird und Freier kriminalisiert werden. Mit dabei ist Simone Kleinert.
Es gibt fast eine Viertelmillion Prostituierte in Deutschland, gerade mal 30.000 sind offiziell gemeldet. Das Dunkelfeld ist schon riesig. Simone Kleinert, Bundesvorstand Nordisches Modell
Auf einem Plakat der Aktivistinnen steht: Prostitution ist Gewalt. Sie glauben, dass keine einzige Frau freiwillig ihren Körper für Sex verkauft. Menschenhandel, Misshandlung und Missbrauch in der Kindheit, sexuelle Gewalt oder Drogen würden da immer eine Rolle spielen. Auch in der Politik in Berlin gibt es Forderung nach einem Sexkaufverbot. Unter anderem setzt sich Bundesforschungsministerin Dorothee Bär von der CDU dafür ein.
Angebot müssen freiwillig angenommen werden
Tanja Rutkowski vom Caritas SkF Essen sagt, dass durch dieses Sexkaufverbot noch mehr Frauen im Dunkelfeld der Prostitution verschwinden würden. Eine Arbeit mit ihnen sei so kaum möglich. Und wie immer bei der Sozialarbeit sei es wichtig, dass sich die Frauen öffnen müssen und nach ihrem Tempo über einen möglichen Ausstieg entscheiden.
Nach zwei Stunden ist die Führung über den Straßenstrich vorbei. Insgesamt waren gut 100 Menschen hier und haben einen Blick hinter die Kulissen gewagt, etwa so viele wie im vergangenen Jahr.
Unsere Quellen:
- Reporter vor Ort
- Caritas Sozialdienst katholischer Frauen Essen
- Berufsverband Sexarbeit
- Aktivistinnen Bundesvorstand Nordisches Modell
- Besuchende der Führungen
