Fake-Notruf: Großeinsatz am Rhein-Herne Kanal | Aktuelle Stunde
Bildquelle: WDRWDR. 03:00 Min.. Verfügbar bis 09.08.2028.
Samstagabend im Herner Stadtteil Crange. Während wenig entfernt auf der Cranger Kirmes sich Karusselle drehen, kreist über dem Rhein-Herne-Kanal ein Rettungshubschrauber. Rund 60 Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr sind zum Einsatzort geeilt, eine Person soll von einer Brücke ins Wasser gesprungen und nicht wieder aufgetaucht sein, hieß es.
Es wird vom Schlimmsten ausgegangen, doch dann zeigen Ermittlungen der Polizei: Ein Notfall bestand nie - der Anruf war falscher Alarm. Nach eineinhalb Stunden wird der Einsatz beendet.
Für den 18-Jährigen aus Dorsten, der wohl für den Missbrauch des Notrufs verantwortlich ist, könnte der Vorfall hingegen jetzt erst richtig losgehen. Laut dem Pressesprecher der Polizei Bochum, Christoph Wickhorst, ist er polizeibekannt.
Bereits in der Vergangenheit sei er durch Fehlalarme aufgefallen, jetzt wurde erneut Strafanzeige gestellt. Was könnte ihm nun drohen? Wie groß ist das Problem eigentlich in NRW? Und was bedeuten Fake-Notrufe für Feuerwehr und Polizei? Fragen und Antworten.
Welche Strafen gibt es für Fake-Notrufe wie jetzt in Herne?
Fake-Notrufe sind kein lustiger Scherz, juristisch sind sie ein Strafbestand. Wer den Notruf mit Absicht missbraucht, kann mit einer Geldstrafe belegt werden. Außerdem können die Kosten des Rettungseinsatzes in Rechnung gestellt werden. Und: Sogar eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr ist möglich.
Je nach Ausmaß des Einsatzes, der durch einen Fake-Notruf ausgelöst wird, könnten die Kosten einen mutwilligen Verursacher sogar "in den Ruin treiben", sagte Marco Bischoff, Pressesprecher der Bochumer Polizei, dem WDR am Sonntag: "Weil da können erhebliche Kosten entstehen." Allein die Aufstiegskosten eines Hubschraubers belaufen sich ihm zufolge auf eine vierstellige Summe, die Flugkosten und Stundenzahl nicht eingerechnet. Am Rhein-Herne-Kanal kam neben den Einsatzkräften an Land und im Rettungsboot zudem noch eine Tauchergruppe der Feuerwehr Gelsenkirchen hinzu.
Nach dem Notruf kreiste ein Hubschrauber über dem Rhein-Herne-Kanal.
Bildquelle: WDRWelche Summe für den Großeinsatz in Herne auf den mutmaßlichen Verursacher zukommt, können weder Polizei noch Feuerwehr derzeit sagen. Zunächst einmal müssten alle Kosten zusammengetragen werden. Dann muss sich ein Gericht mit der Strafanzeige beschäftigen. "Fakt ist, es wird teuer", prognostiziert Bischoff.
Welche Folgen haben Fake-Notrufe für Feuerwehr und Polizei?
Mögliche Kosten für des Verursacher eines falschen Notrufs sind das eine, die Folgen für die Feuerwehr und Polizei jedoch das andere. Denn derartige Falschmeldungen, die "böswillig" getätigt werden, können erhebliche Einsatzressourcen binden, sagt René Bonn, der Pressesprecher der Herner Feuerwehr. Im schlimmsten Fall kostet es also Menschenleben, wenn bei einem wirklichen Notfall die Einsatzkräfte durch einen Fehlalarm zu spät am Unfallort sind.
Der Fake-Notruf sorgte dafür, dass ein Rettungsboot unnötig gebunden war.
Bildquelle: WDRHätte sich am Samstagabend zeitgleich ein Notfall auf der Cranger Kirmes ereignet, wären zumindest auch dort Rettungskräfte einsatzfähig gewesen. Denn bei dem Volksfest seien zwei Wachen eingerichtet worden. Für den Großeinsatz in unmittelbarer Nähe am Rhein-Herne-Kanal wurde nur Personal einer der beiden Wachen benötigt, teilte Bonn dem WDR am Sonntag mit.
Wie groß ist das Problem von Fake-Notrufen in NRW?
Bei der Feuerwehr Herne kommen solche Anrufe "schon mal vor", sagt Pressesprecher Bonn. Allerdings seien sie "bei uns nicht die Regel".
Drastischer klingt es bei Polizeisprecher Bischoff. Allein im vergangenen halben Jahr seien über die Leitstelle mehr als 200 Fake-Notrufe für die Region Bochum, Herne und Witten eingegangen. Manche der Anrufer seien psychisch krank, doch bei Weitem nicht alle.
"Es gibt auch Anrufer, die uns ärgern wollen (...). Und warum, weil man cool ist?" Marco Bischoff, Pressesprecher der Polizei Bochum
Wird der Blick über Herne und Bochum hinaus auf ganz NRW gelegt, zeigt sich: Seit Jahren liegt die Zahl der sogenannten "böswilligen Alarme" im vierstelligen Bereich. Das belegt der Gefahrenabwehrbericht 2025 des Landesinnenministeriums. Und selbst wenn die Werte seit 2023 (1.864 Fälle) gesunken sind, sowohl in 2024 (1.711) als auch 2025 (1.480), bleiben Fake-Notrufe weiterhin ein großes Ärgernis.
Auch, weil sie nicht nur mögliche Unfälle in Gewässern umfassen, wie am Samstag beim Rhein-Herne-Kanal oder im Juni beim Rhein in Rees. Seit einiger Zeit gebe es auch gelegentlich böswillige Alarme, bei denen Gamer in Live-Chat-Übertragungen einem Mitspieler die Feuerwehr oder Rettungskräfte mit einem falschen Alarm in die Wohnung "bestellen", teilte der Verband der Feuerwehren in NRW (VfF) am Sonntag auf WDR-Anfrage mit. Für "solch perfide Alarmierungen" habe es schon Verurteilungen nach Paragraph 145 StGB gegeben.
Was kann man gegen Wiederholungstäter von Fake-Notrufen ausrichten?
Warum Menschen überhaupt auf den Gedanken kommen, Einsatzkräfte mit falschen Alarmen reinzulegen, lässt sich sicherlich nicht pauschal sagen. Manche denken offenbar, es sei schwarzer Humor - dass das nicht der Fall ist, zeigt der jetzige Fake-Notruf zum Rhein-Herne-Kanal deutlich.
Doch was kann zum Beispiel gegen Wiederholungstäter wie den 18-Jährigen aus Dorsten unternommen werden? "Wir müssen an die Vernunft der Leute appellieren", sagt der Herner Feuerwehr-Pressesprecher Bonn. Ansonsten seien der Feuerwehr allerdings "die Hände gebunden. Den Rest müssen Gerichte oder Strafverfolgungsbehörden machen." Denn die Feuerwehr müsse "jeden Notruf ernst nehmen. Das tun wir auch."
Rettungskräfte müssen Notrufe ernst nehmen - und reagieren bei jedem Alarm.
Bildquelle: WDRImmerhin: Seit Mai kann die Polizei in NRW bei jedem Notruf den Standort des Anrufers bestimmen, um schneller helfen zu können. Ermöglicht wird das durch die Advanced-Mobile-Location-Technologie, die in modernen Smartphones integriert ist. Der europaweite Notruf der Feuerwehr (112) konnte diese Technologie durch eine EU-weite Richtlinie schon früher nutzen, bei der 110 war das zuvor aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht möglich.
Im Rahmen eines Pilotprojekts darf jetzt aber auch die NRW-Polizei auf die Daten zugreifen - was umgekehrt mögliche Fake-Notruf-Verursacher vielleicht abschrecken könnte. Denn: "Die Übermittlung der anrufenden Telefonnummer bei einem Notruf durch den Anrufer kann nicht unterdrückt bzw. abgeschaltet werden", stellt der Verband der Feuerwehren in NRW klar.
Unsere Quellen:
- Pressemitteilung der Feuerwehr Herne
- Aussagen des Bochumer Polizeisprechers Christoph Wickhorst
- WDR-Gespräch mit Marco Bischoff, Sprecher der Polizei Bochum
- WDR-Gespräch mit René Bonn, Sprecher der Feuerwehr Herne
- WDR-Anfrage an den Verband der Feuerwehren in NRW
- Online-Artikel der "Rheinischen Post" vom 20. Juli 2025
Sendung: WDR 2, Nachrichten, 09.08.2026, 13:00 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 09.08.2026, 18.45 Uhr
