Ein Gruppe behinderter Menschen steht zusammen, alle halten Protestflyer hoch

Mitarbeiter und Unterstützer des ZSL kämpfen für das Beratungszentrum.

Bildquelle: WDR/ Anke Bruns

Jobs bedroht Behinderte Menschen kämpfen für Beratungszentrum in Köln

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Menschen mit Behinderung beraten und unterstützen Menschen mit Behinderung - das ist im Zentrum für selbstbestimmtes Leben in Köln seit fast 40 Jahren gelebte Praxis. Inoffiziell wurde dem Zentrum mitgeteilt, dass die Stadt die Förderung im kommenden Jahr komplett streichen will. 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter könnten dann ihren Job verlieren.

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Anke Bruns

Simone Jeannerat steuert ihren Rolli vorsichtig den Flur entlang. Sie ist nicht nur gehbehindert, sondern zunehmend auch noch sehbehindert. Ihr Augenlicht wird immer schlechter. Das ist auch der Grund, weshalb sie heute ins Zentrum für selbstbestimmtes Leben (ZSL) in Köln gekommen ist. "Ich möchte wissen, welche Hilfen ich bekommen kann, um im Alltag besser klar zu kommen", sagt sie.

Berater Thomas Plück nimmt Jeannerat in Empfang. Er weiß gut, wie das ist, sein Augenlicht zu verlieren. Seit 2019 ist er blind. Simone Jeannerat schildert ihm ihre Sorgen: "Ich lebe erst seit zwei Jahren in Köln und habe das Gefühl, dass die Stadt voller Barrieren ist. Bei mir wächst zunehmend die Unsicherheit und auch die Angst."

Berater Plück nickt: "Das kann ich gut verstehen." Die Kölnerin hat gezielt nach einem Berater gesucht, der selbst behindert ist. "Man traut sich da, viel mehr nachzufragen, weil das Verständnis da ist."

Die Mitarbeitender im ZSL sind alle behindert

Menschen mit Behinderung unterstützen Menschen mit Behinderung - das ist seit fast 40 Jahren gelebte Praxis im ZSL.

Behinderte Kölnerinnen und Kölner können mit jedem Thema zu uns kommen. Ob sie diskriminiert werden, ob sie einen Schwerbehindertenausweis beantragen wollen oder ob sie sich politisch einsetzen wollen. Wir unterstützen sie kostenlos. ZSL-Geschäftsführerin Jeanette Severin
Ein blinder Berater mit dunkler Sonnenbrille sitzt einer Frau im Rollstuhl gegenüber

Im ZSL beraten Menschen mit Behinderung andere Menschen mit Behinderung.

Bildquelle: WDR/ Anke Bruns

Ellen Kuhn, Projektleiterin im ZSL, ergänzt: "Wir erfahren einerseits durch die Beratung, was die Menschen in Köln besorgt oder beschäftigt, machen aber auch täglich unsere eigenen Erfahrungen und sehen, was nicht gut funktioniert in Köln."

Aktuell ist das ZSL-Team allerdings selbst auf Unterstützung angewiesen. "Zwei sehr zuverlässige Quellen aus der Stadtverwaltung", so Kuhn, "haben uns darüber informiert, dass die Stadt die Förderung im kommenden Jahr einstellt. Komplett."

ZSL-Projektleiterin Ellen Kuhn schaut in die Kamera

Ellen Kuhn, Projektleiterin im ZSL

Bildquelle: WDR/ Anke Bruns

Seither folgt im ZSL eine Krisensitzung nach der anderen. Geschäftsführerin Severin macht das wütend: "Wir sind doch total wichtig für die Stadt, um Köln barrierefreier zu machen, um die Kölner Bürgerinnen und Bürger zu beraten, um ihre Interessen zu vertreten. Wir werden doch gebraucht."

Ein wichtiger Ansprechpartner für die Politik

Vor fast 40 Jahren hat eine kleine Gruppe behinderter und nicht-behinderter Menschen in Köln das ZSL gegründet. Es war die erste Beratungsstelle für behinderte Menschen in der Stadt. Heute ist das ZSL ein wichtiger Ansprechpartner für Politik und Verwaltung.

Die Mitarbeiter sitzen in vielen politischen Gremien und haben vor über 20 Jahren die Stadtarbeitsgemeinschaft Behindertenpolitik mit aufgebaut. Alles mit dem Ziel, vorhandene Barrieren in Köln abzubauen.

Projektleiterin Kuhn schaut mit Sorge in die Zukunft: "Wenn die Stadt Köln die Förderung streicht, ist Schluss mit der Interessenvertretung. Ehrenamtlich kann das keiner stemmen. Dann wird in den politischen Gremien niemand mehr von uns vertreten sein."

Die Stadt möchte sich zu dem Thema nicht äußern. "Beschlossen wird der Haushalt im November. Vorher ist es nicht möglich, belastbare Aussagen zu treffen", teilt sie dem WDR auf Nachfrage mit.

Nicht nur das ZSL ist gefährdet

Das ZSL teilt sich seit 2023 mit zwei weiteren Einrichtungen in Köln ein großes neues Büro: die vom Bund finanzierte Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) und das vom Land finanzierte Kompetenzzentrum Selbstbestimmt Leben haben zwar eigene Aufgaben. Aber sie sind eng mit dem ZSL verbunden, teilen sich eine Geschäftsführung und auch die laufenden Kosten.

Wenn das ZSL kein Geld mehr von der Stadt bekommt, bricht nach Aussage von Geschäftsführerin Severin das gesamte Konstrukt zusammen. 14 überwiegend behinderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden dann ihre Stelle verlieren: "Als Geschäftsführerin fühle ich sehr viel Druck, dass ich den Verein irgendwie retten muss."

Das ZSL muss erhalten bleiben

Mechthild Kreuser, die regelmäßig ins ZSL kommt, um sich dort zu informieren, sagt, das ZSL müsse unbedingt erhalten bleiben. "Wer soll denn sonst die Sichtbarkeit für unsere Themen schaffen?“

Das Team hat eine Online-Petition gestartet, die über 2.500 Unterschriften gesammelt hat (Stand: 2.9.2026). Für den Mittwoch um 15 Uhr hat das ZSL eine Demo am Rathaus angekündigt. In den nächsten Wochen möchten die Verantwortlichen mit vielen Kölner Politikern sprechen. Denn diese legen in den nächsten drei Monaten fest, wen die Stadt im kommenden Jahr fördert und wen nicht. 

Zentrum für selbstbestimmtes Leben in Köln vor dem Aus

WDR 01.09.2026 36 Sek. Verfügbar bis 31.08.2028

Unsere Quellen:

  • Beobachtungen der WDR-Reporterin vor Ort
  • Zentrum für selbstbestimmtes Leben
  • WDR-Gespräch mit Besucherinnen und Besuchern
  • Stadt Köln

Sendung: WDR.de, Zentrum für selbstbestimmtes Leben in Köln vor dem Aus, 02.09.2026, 10:52 Uhr

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