War Pedro Corona wirklich aggressiv?

WDR 03:24 Min. Verfügbar bis 21.07.2028

Fall Pedro Corona

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Polizei und Ärztin

Stand:

Der 30-jährige Pedro Corona ist seit einem Polizeieinsatz in seiner Wohnung in Köln schwerstbehindert. Die Staatsanwaltschaft hat nun aufgrund des Videos, das Angehörige auf Coronas Handy entdeckt hatten, ein Ermittlungsverfahren gegen zwei Polizisten und eine Notärztin eingeleitet.

Von
Anke Bruns

Es stelle sich nun die Frage, ob das Vorgehen eines Polizisten und einer Polizistin angemessen und verhältnismäßig gewesen sei, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Bei der Notärztin prüfe sie unter anderem, welche medizinischen Maßnahmen sie angeordnet und welche Medikamente sie verabreicht habe.

Im Video fragt Pedro Corona, wieso er aufmachen soll

Das Video dauert genau 43 Sekunden. Aufgenommen am 8. April um 19:34 Uhr. Pedro Corona steht an seiner geschlossenen Wohnungstür, die Handy-Kamera auf den Türspion gerichtet. Auf der anderen Seite sind eine Rettungsärztin und zwei Polizisten im Hausflur zu sehen. Immer wieder fragt Corona: "Warum soll ich rauskommen? Warum muss ich aufmachen?"

Als Rechtsanwalt Simón Barrera González dieses Video sieht, weiß er: Hier hält er ein wichtiges Beweismittel in den Händen. Sein Eindruck: Corona wusste offenbar nicht, dass er in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden sollte. Nach Ansicht der Notärztin ging von ihm eine erhebliche Fremdgefährdung aus. Mit Hilfe der Polizei wollte sie ihn zwangsweise in eine Klinik einliefern.

Corona bittet immer wieder um eine Antwort

Tatsächlich hatte der 30-jährige Erzieher an dem Tag psychische Probleme. Freunde machen sich Sorgen um ihn und rufen den Rettungsdienst. Die Notärztin spricht mit ihm und entscheidet nach dem Verlassen der Wohnung, ihn mit Hilfe der Polizei in eine Klinik einzuliefern. "Pedro wusste davon aber offensichtlich nichts. Man sieht ja auf dem Video eindeutig, wie verunsichert er ist", meint sein Partner Julian.

"Als die Polizei vor seiner Tür stand, hatte er keine Ahnung, was die von ihm wollten. Deshalb fragt er ja immer wieder." Julian, Partner von Pedro

Als Corona in dem Video zum dritten Mal um eine Antwort bittet, klebt einer der Polizisten von außen den Türspion zu. Danach geht alles blitzschnell. Der Erzieher öffnet von sich aus die Wohnungstür. Ein Polizist drängt sofort in die Wohnung hinein und fordert ihn auf, mit ihm nach draußen zu kommen.

Gleichzeitig versucht er, den 30-Jährigen mit der Hand zu greifen. Der weicht zurück. Das Handy wirbelt durch den Raum und Corona ruft laut: "Hilfe! Hilfe! Gewalt!" Nach 43 Sekunden bricht die Aufnahme ab.

Pedro Coronas Wohnungstür | Bildquelle: Anke Bruns

Anderthalb Stunden später ringen die Rettungskräfte um sein Leben. Corona ist während des Einsatzes kollabiert. Sein Herz stand 23 Minuten lang still. Nach WDR-Recherchen vermutlich ausgelöst durch einen akuten Sauerstoffmangel während der Fixierung in Bauchlage. Jetzt hat er schwere irreparable Hirnschäden und wird in einer Bonner Pflegeeinrichtung versorgt.

Die Staatsanwaltschaft sieht Verdacht auf Körperverletzung gegeben

Die Staatsanwaltschaft Köln sah zunächst keine konkreten Anhaltspunkte, um gegen die an dem Einsatz beteiligten Einsatzkräfte zu ermitteln. Das hat sich nun aufgrund des Videos geändert. Es besteht "im Hinblick auf einen Polizeibeamten sowie eine Polizeibeamtin der Anfangsverdacht der Körperverletzung im Amt, da das auf dem Video nachvollziehbare Geschehen Anlass zur Überprüfung der Verhältnismäßigkeit der Maßnahme gibt", teilte die Staatsanwaltschaft schriftlich mit.

Im Hinblick auf die Notärztin werde im Rahmen der Ermittlungen insbesondere die Anordnung von konkreten ärztlichen Maßnahmen sowie eine mutmaßlich erfolgte Medikamentenverabreichung in den Blick genommen, heißt es.

Coronas Anwalt Barrera González sieht in dem Video einen klaren Widerspruch zu dem, wie der Polizist die Situation an der Wohnungstür später in seiner Vernehmung geschildert habe. "Der Polizist beschreibt die Situation so, als wäre Pedro völlig uneinsichtig gewesen. Und er hätte dann Widerstand geleistet. Das deckt sich jedoch nicht mit dem kurzen Video auf Pedros Handy."

Polizisten machen sich über den Erzieher lustig

Der Anwalt konnte sich mittlerweile auch die Aufzeichnungen der Bodycams der beteiligten Polizisten anschauen. "Man kann in den Aufnahmen eindeutig sehen, dass Pedro ca. 20 Minuten dauerhaft in Bauchlage liegt, die Hände hinter dem Rücken und rundum gefesselt."

Polizisten hätten zusätzlich mit ihren Knien Druck auf seinen Oberkörper ausgeübt. "Wenn man dann noch bedenkt, dass er zwei Spuckhauben auf dem Kopf hatte und ein starkes Betäubungsmittel bekommen hat, dann ist es ein Wunder, dass er überhaupt noch lebt."

Ein Bild von Pedro Corona in seiner Wohnung | Bildquelle: Anke Bruns

Daneben kritisiert der Anwalt auch die Haltung der Polizisten während des Einsatzes scharf. Sie hätten sich laut der Bodycam- Aufzeichnungen immer wieder über den Erzieher lustig gemacht: "Es wird gelacht. Es werden Witze über ihn gemacht. Er wird als Spacko bezeichnet."

Sein Fazit nach der Durchsicht der Bodycam-Aufzeichnungen: "Die Polizisten haben in Pedro keine hilfebedürftige Person gesehen, sondern ein Objekt, das man in Schach halten muss."

Pedro Corona: Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt

WDR 29.07.2026 00:41 Min. Verfügbar bis 28.07.2028

Download Podcast

Unsere Quellen:

  • Gespräche der WDR-Reporter mit Partner, Freunden, Familie und Augenzeugen
  • Handy-Video von Pedro Corona
  • Rechtsanwalt Simón Barrera Gonzále
  • Staatsanwaltschaft Köln
  • Befund Uniklinik Köln

Sendung: WDR.de, Pedro Corona: Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt, 29.07.2026, 18:13 Uhr