"Ein sicherer Ort" soll seine Kirche werden, doch noch stehen alte Vorwürfe im Raum.
WDR. 02:36 Min.. Verfügbar bis 10.07.2028.
Es ist die dritte Aufarbeitungsstudie zu sexualisierter Gewalt im Bistum Hildesheim, Forschende haben den Zeitraum von 1945 bis 2024 untersucht und die Ergebnisse am Donnerstagabend vorgestellt. Heiner Wilmer hatte die Studie im März vergangenen Jahres in Auftrag gegeben. Seit Ende Juni ist er Bischof von Münster, seit Februar Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.
Nun steht er massiv in der Kritik. Es geht um einen Vorfall im Jahr 2021 und die Frage, ob Wilmer die Aufarbeitung damals verzögerte. Wilmer, von 2018 bis Juni 2026 Bischof von Hildesheim, sei den Vorwürfen gegen einen 1972 bei einem Autounfall verstorbenen Priester erst mit einem Jahr Verzögerung nachgegangen.
In solchen Fällen, so der Betroffenenrat Nord, bestehe das Risiko, dass die betroffene Person die Aufarbeitung des eigenen Falls nicht mehr erlebe.
"Ein Jahr Nichtstun ist für uns Betroffene fatal." Andreas Peters, Betroffenenrat Nord
Bischof Heiner Wilmer stand dem WDR für eine Stellungnahme nicht zur Verfügung. Das Bistum entgegnete auf Anfrage, die "Vorwürfe [...] kamen von einer zu diesem Zeitpunkt anonymen Person und waren zudem wenig konkret." Sämtliche Regularien seien eingehalten worden. "Die vorliegenden Regularien gehen davon aus, dass es jeweils eine konkrete und identifizierbare betroffene Person gibt."
Kritik von Kirchenrechtler
Kirchenrechtler Thomas Schüller sieht das anders. Es gebe klare Regeln in den Leitlinien, dass man auch bei plausibilisierten anonymen Anzeigen den Sachverhalt klärt. "Denn wenn sich Opfer nach so langer Zeit trauen, ihre Scham zu überwinden und ihr Leid zu schildern, muss ich dem sensibel nachgehen."
Das sei in Hildesheim nicht geschehen. Konkrete Ergebnisse habe es erst gegeben, als 2025 ein erfahrener Richter die Ermittlungen übernommen hat. Danach seien weitere Betroffene bekannt geworden. Das werfe ein entsprechendes Licht auf die Zeit davor: "Nach außen hin kann ich nicht feststellen, dass in den vier Jahren tatsächlich Relevantes passiert ist."
Bistum widerspricht Anschuldigungen
Das Bistum Münster widersprach dieser Aussage in einer Stellungnahme vehement. Die Behauptung sei "[...] nachweislich falsch. Richtig ist vielmehr, dass das Bistum Hildesheim den "Fall" seit vier Jahren aufarbeitet."
Zugleich betonte die Münsteraner Diözese, dass es dem neuen Bischof wichtig sei, "den Interessen der Betroffenen, soweit das überhaupt möglich ist, gerecht zu werden". Dies sei jedoch "kaum möglich", wenn diese anonym bleiben wollten.
Kirchenrechtler Schüller sieht Glaubwürdigkeit beschädigt
Wilmer hatte Ende März bei seiner Vorstellung in Münster gesagt, dass er alles dafür tun wolle, dass die Kirche ein sicherer Ort werde. Kirchenrechtler Schüller wird ihn daran messen. In Hildesheim habe der Bischof versprochen, er werde im Missbrauchskomplex jeden Stein umdrehen.
Das seien heere Worte, so Schüller. "An den Handlungen wird die Glaubwürdigkeit wirklich handfest. Und ich muss sagen: Erstmal ist seine Glaubwürdigkeit beschädigt worden."
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Prof. Thomas Schüller
- Mitteilung des Bistum Münster
- Katholische Nachrichten-Agentur
- Deutsche Presse-Agentur
- Beobachtungen des WDR-Reporters vor Ort
Sendung: WDR.de, Ist Münsters Bischof Hinweisen zu spät nachgegangen?, 9.7.2026, 16:30 Uhr