Das Theater in Bocholt von innen ohne Stühle

Die Theaterstühle in Bocholt sind spurlos verschwunden.

Bildquelle: WDR/ Katja Bothe

Exklusive Spurensuche Wo sind die 650 verschwundenen Bocholter Theaterstühle?

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650 Theaterstühle aus Bocholt sollten aufgemöbelt werden. Doch sie sind futsch. Gegen den beauftragten Mann liegen Anzeigen vor. Wir haben uns in Hannover auf die Suche nach den verschwundenen historischen Stühlen gemacht.

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Katja Bothe

Rund drei Monate ist es jetzt her, dass die Stühle im Zuge der Rathaussanierung als vermisst gemeldet wurden. Die roten Theatersessel wurden damals zu einem vermeintlichen Polsterer nach Hannover gegeben und sollten dort eigentlich aufgearbeitet und dann wieder in Bocholt eingebaut werden. Aber als sich die Stadt nach ihren Stühlen erkundigen wollte, war der Polsterer nicht mehr auffindbar.

Deshalb führt uns unsere Suche nach Hannover. Dort war der Polsterer ansässig, als er sich auf die Ausschreibung der Stadt Bocholt beworben hatte. Das Schaufenster am Firmensitz ist abgeklebt. In Kürze soll hier ein Barbershop eröffnen.

An den Polsterer kann sich eine Nachbarin gut erinnern, die hier einen Friseursalon betreibt.

Junger Unternehmer hat den Auftrag erhalten

"Der war ganz jung, Anfang dreißig", sagt Nilofar Tofighmanesh. Das Geschäft habe es schon länger gegeben.

Ein leehrstehendes Ladenlokal

Das Lokal der ursprünglichen Adresse des Polsterers steht leer.

Bildquelle: WDR

Die Adresse in Hannover ist die, die der Stadt Bocholt bekannt ist. Die Sanierung hatte sich hingezogen. Der Auftrag wurde schon 2021 vergeben. Die Stühle wurden daraufhin auftragsgemäß abgebaut. Doch dass der Polsterer kurze Zeit später seinen Firmensitz verlegte, bemerkte die Stadt zunächst nicht.

Kontakt wurde schwierig

Der Austausch mit ihm sei anfangs problemlos verlaufen, sagt der Bocholter Stadtbaurat Dave Welling.

Baudezernent Dave Welling schaut in die Kamera
"Der Restaurationsfortschritt wurde sogar per Bilder dokumentiert." Dave Welling, Bocholter Stadtbaurat

"So gab es für uns auch keinen Anlass, zu hinterfragen, ob die Leistung fachgerecht durchgeführt wird", sagt Welling weiter.

Erst als 2025 erneut eine Rechnung für die Lagerung der Stühle ins Haus flatterte - die Stadt hatte bis dahin bereits 190.000 Euro für Abbau, Lagerung und Material bezahlt - wollte die Stadt nochmal jemanden zur Begutachtung vorbeischicken. Doch der Polsterer habe darauf unfreundlich reagiert.

Staatsanwaltschaft liegen mehrere Anzeigen vor

Staatsanwältin Christine Wotschke aus Hildesheim im Portrait vor einem Aufsteller der Staatsanwaltschaft

Staatsanwältin Christine Wotschke aus Hildesheim.

Bildquelle: WDR/ Katja Bothe

Kurz darauf sei der Kontakt dann völlig abgebrochen. Die Stadt erstattete Anzeige. Die Staatsanwaltschaft Hildesheim übernahm die Ermittlungen.

Laut Staatsanwältin Christine Wotschke liegen bereits mehrere Anzeigen gegen den Mann bei anderen Staatsanwaltschaften vor. Der Polsterer sei in Deutschland nicht mehr auffindbar. Das Verfahren wurde deshalb vorläufig eingestellt. Erst, wenn ein deutlicher Verdacht besteht, dass er im Ausland untergetaucht ist, soll er europaweit zur Fahndung ausgeschrieben werden.

Möbel nach Osteuropa gebracht?

In Sarstedt wird gemunkelt, dass der Polsterer die ihm anvertrauten Möbel in einem anderen Land bearbeiten ließ. Vermutlich in Osteuropa. Keine Seltenheit, sagt Pierre Marcel Stolle, der Innungsobermeister für das Raumausstatter- und Sattlerhandwerk in Niedersachsen.

Der gesuchte Polsterer war kein Innungsmitglied und hatte offenbar auch keinen Meisterbetrieb. "Ein Einzelunternehmer bräuchte für 650 Stühle fast zwei Jahre", so der Experte. Die Behauptung, dass der Mann die Stühle in Ländern aufpolstern ließ, in denen die Arbeit günstiger ist, hält er für denkbar.

Der Bocholter Stadtbaurat Dave Welling findet das nicht verwerflich. Es sei nicht unüblich, das Unternehmen andere Subunternehmen im Ausland hinzuziehen, um einen großen Auftrag erledigen zu können.

Kein Grund für Misstrauen seitens der Stadt

Dave Welling vom Bauamt Bocholt in Warnweste und Helm im Portrait

Dave Welling vom Bauamt Bocholt auf der Theater-Baustelle.

Bildquelle: WDR/ Katja Bothe

"Wir haben ja europaweit ausgeschrieben. Die Stühle hätten also auch von vornherein in einem osteuropäischen Land gepolstert werden können", so Welling.

Die Referenzen seien ausgiebig überprüft worden. Ein Stuhl sei bereits gepolstert worden. Stadtmitarbeiter hatten die Arbeit für gut befunden. Nur blieb es leider bei dem einen Exemplar.

Stühle lagern vielleicht in einem Container

Dass die Stühle je wieder auftauchen, gilt als unwahrscheinlich. Die Stadt hat bereits 800.000 Euro für einen Ersatz der Stühle eingeplant.

Archivmaterial: Theatersaal mit den roten Stühlen aus Perspektive der Bühne

Nach diesen Theatersesseln wird gesucht.

Bildquelle: WDR/ Katja Bothe

Doch der Innungsobermeister aus Hannover, Pierre Marcel Stolle, würde die Hoffnung nicht aufgeben:

"Die können nicht weg sein. Wegschmeißen wird die keiner. Es ist ja ein Wert, irgendeiner will ja daran Geld verdienen." Pierre Marcel Stolle, Innungsobermeister

Doch ob derjenige davon weiß, dass die Stühle der Stadt Bocholt gehören?

Auf der Suche nach den Bocholter Theaterstühlen

WDR 12.08.2026 00:53 Min. Verfügbar bis 12.08.2028

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Unsere Quellen:

  • Stadt Bocholt
  • Staatsanwaltschaft Hildesheim, Christina Wotschke
  • Innungsobermeister Pierre Marcel Stolle, Raumausstatter- und Sattlerinnung Niedersachsen
  • Passanten und Geschäftsleute in Hannover und Sarstedt

Sendung: WDR.de, Wo sind die Bocholter Theaterstühle? 13.08.2026, 4:49 Uhr

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