Nepal nach der Katastrophe: Die Suche nach Überlebenden und Sorge vor einer neuen Flut | Aktuelle Stunde

Bildquelle: AP Photo/Rajesh Kumar Singh

Aktuelle Stunde 28.08.2026 34 Min. 55 Sek. UT Verfügbar bis 28.08.2028 WDR Von Meike Hendriksen

Sturzflut in Nepal "Zwischen Schockstarre, Fassungslosigkeit und Angst"

Stand:

Die Bilder von der Sturzflut im Himalaya sind erschreckend. Menschen vor Ort und Nepal-Reisende aus NRW über ihre Eindrücke.

Von Daniel Schwingenheuer, Birte Gernhardt

Jordan Schönfelder ist gerade in Nepal, als die riesige Sturzwelle mehrere Täler verwüstet. Sofort reist er in das betroffene Gebiet und unterstützt die Hilfsmaßnahmen vor Ort. Aktuell sind er und seine Freunde mit Solarlampen, Schlafsäcken und weiteren Hilfsgütern in einem Jeep unterwegs zu den vielen Evakuierten und Geflüchteten. 

"Es ist alles grau. Bäume, Häuser, ganze Landschaften wurden mitgerissen", erzählt der Journalist, der den Großteil des Jahres im kleinen Himalaya-Staat verbringt.

Luftbild der Flutkatastrophe in Nepal

Die Sturzflut in Nepal verwüstete zahlreiche Orte.

Bildquelle: IMAGO/ZUMA Press Wire/Ambir Tolang

Dort ist er unter anderem als lokaler Partner für den Kölner Expeditionsveranstalter "Wandermut" unterwegs. Er ist so etwas wie die Schnittstelle für "Wandermut" vor Ort in Nepal.

"Man sieht überall Leichen. Die Krankenhäuser sind nicht überlastet, aber die Leichenhallen sind randvoll." Jordan Schönfelder, Nepal-Experte

Schönfelder hält offizielle Opferzahlen für zu niedrig

An den Talwänden könne man erkennen, dass die Flutwelle etwa 30 Meter hoch gewesen sein musste, berichtet Schönfelder. Die offiziellen Opferzahlen hält er für deutlich zu niedrig. Er schätzt sie auf "mehrere Zehntausend", da es sich gerade um die Trekking-Saison handelt. Außerdem sei gerade Vollmond gewesen und viele Touristen gingen gerne bei Vollmond pilgern.

Jetzt steht er im engen Kontakt mit seinen Geschäftspartnern der Kölner Firma "Wandermut". Mit deren Gründer Martin Druschel bespricht er sich regelmäßig.

Online-Gespräch am Laptop

Martin Druschel, Gründer von Wandermut, im Online-Gespräch mit seinem Geschäftspartner Jordan Schönfelder in Nepal.

Bildquelle: WDR/ Birte Gernhardt

In zwei Wochen will das Start-Up für das nächste Abenteuer nach Nepal reisen. Allerdings abseits der betroffenen Region. Die Reise soll weiterhin wie geplant stattfinden. Zumal das Geld der ausländischen Touristen dringend für den Wiederaufbau benötigt werde.

Der Kölner Expeditionsveranstalter "Wandermut" sammelt gerade auf seinen Social-Media-Kanälen für die Aktion "Ärzte ohne Grenzen" Spenden.

Dortmunderin engagiert sich in Verein für Nepalhilfe

Auch Dori Rindle aus Dortmund hat eine besondere Beziehung zu Nepal. "Ich bin durch's Leben nach Nepal gekommen", erzählt sie. Sie hat einen nepalesischen Adoptivbruder, durch den sie von klein an eine Faszination für das Land und die Menschen hat. Von der Flutwelle und der Zerstörung hörte sie am Telefon. Eine gute Freundin aus Kathmandu hatte sie angerufen, noch bevor sie über die Medien davon mitbekommen hat.

Profilbild Dori Rindle aus Dortmund
"Ich bin total erschüttert. Es kommen so viele Bilder vom Erdbeben 2015 hoch. Das kann man ja gar nicht so schnell verarbeiten. Die Bilder lassen einen nicht mehr los." Dori Rindle aus Dortmund

Dori engagiert sich seit Jahren in Nepal. 2013 gründet sie den Verein "Ganesh Nepalhilfe e.V." Sie organisiert Reisen nach Nepal, klärt Mädchen und Frauen über Menstruation auf und eröffnet vor Ort in Kathmandu ein Kinderheim. Das Ziel: Denjenigen helfen, die gar nichts haben.

Bangen um Angehörige

Dori Rindle in Nepal

Dori Rindle setzt sich seit Jahren in Nepal ein

Bildquelle: Dori Rindle

Das Kinderheim wurde durch die Flut nicht zerstört. Aber Kathmandu liegt nur rund 50 Kilometer von der betroffenen Region Nuwakot entfernt. Deswegen gibt es viele Beziehungen in die Bergregionen, die überspült wurden. "Es sind Angehörige von Kindern aus dem Kinderheim, um die wir noch bangen", erzählt Dori Rindle. "Ein Junge kommt aus der Region und mit einigen Verwandten haben wir noch keinen Kontakt."

"Wir hoffen einfach, dass wir noch gute Nachrichten bekommen." Dori Rindle aus Dortmund

Vor der Flut eine wunderschöne Gegend

Auch Marion Siewert-Ley aus Bergisch Gladbach haben die Nachrichten der letzten Tage tief getroffen. Sie ist Reiseleiterin für Nepal und war im Frühjahr noch auf einer Trekkingtour durch die betroffenen Gebiete.

Profilbild Marion Siewert-Ley
"Vor der Flut war das eine wunderschöne Gegend. Viele Trekkingtouren gehen von Syabrubesi ins Langtang-Tal. Der Ort ist gar nicht mehr da." Marion Siewert-Ley aus Bergisch Gladbach
Marion Siewert-Ley bei einer Trekking-Tour in Nepal

Marion Siewert-Ley bei einer Trekking-Tour in Nepal

Bildquelle: Marion Siewert-Ley

Sie selbst kennt von ihren Trekkingtouren auch Menschen, die dort in der Gegend leben. "Zu wissen, dass die ihrer Existenz, vielleicht sogar ihres Lebens beraubt sind, das macht sprachlos." Für dieses Jahr hatte sie keine Touren mehr in die Region geplant. Im nächsten Jahr wollte sie über Land nach Tibet fahren. Genau die Strecke, die durch die Flutwelle zerstört worden ist. "Da wird es keine Straße mehr geben."

Spontane Spendenaktion ins Leben gerufen

Als 1. Vorsitzende des Vereins "Cologne Friends e.V. - Gemeinsam für Nepal" setzt sich Marion Siewert-Ley auch von Deutschland aus für die Situation vor Ort ein. Normalerweise unterstützt der Verein zwei Schulen. In der Satzung steht aber ausdrücklich, dass der Verein auch bei Naturkatastrophen helfen soll.

Marion Siewert-Ley und Pema Sherpa in Nepal bei einer Trekking Tour

Marion Siewert-Ley und Pema Sherpa in Nepal bei einer Trekking Tour

Bildquelle: Marion Siewert-Ley

"Wir haben gestern Abend beschlossen, dass wir eine Spendenaktion ins Leben rufen", erzählt sie. Durch ihren Freund Pema Sherpa in Nepal sei es möglich, betroffenen Familien unkompliziert Hilfe zukommen zu lassen.

WDR 2 Interview mit Marion Siewert-Ley, Reiseführerin in Nepal

WDR Studios NRW 27.08.2026 3 Min. 32 Sek. Verfügbar bis 26.08.2028 WDR Online

Ausbleibender Tourismus die nächste Katastrophe

Neben der Zerstörung ist auch der ausbleibende Tourismus für die Region eine Katastrophe, erzählt Dori Rindle. Diese Lebensgrundlage sei schon häufiger weggebrochen. "Jetzt im Frühjahr war es der Krieg, der die Tourismuszahlen hat runter gehen lassen, als die Menschen nicht über den Nahen Osten fliegen wollten."

Im Herbst beginnt eigentlich wieder die Trekking-Saison. Die Auswirkungen der Flut werden aber wohl in vielen Regionen in Nepal zu spüren sein. "Die Menschen sehen nur: Da ist alles Schlamm. Der Tourismus wird weniger", erklärt sie.

Dori Rindle wird sich im nächsten Jahr ein Bild von der Situation vor Ort machen. Geplant ist eine Reise von Februar bis Mai 2027, um das Land und die Menschen wiederzusehen, die sie so sehr schätzt.

"Die Menschen sind so stolz auf ihr Land - mit einer Sanftheit, die wir hier in Europa nicht kennen. Das tut einfach gut." Dori Rindle aus Dortmund

Unsere Quellen:

  • WDR-Interview mit Jordan Schönfelder, Journalist und Nepal-Experte
  • WDR-Interview mit Martin Druschel, Gründer des Kölner Expeditionsveranstalters "Wandermut"
  • WDR-Interview mit Dori Rindle, Ganesh Nepalhilfe e.V.
  • WDR-Interview mit Marion Siewert-Ley, MUKA Travel

Sendung: WDR 2, Sommerradio 15-19, 27.08.2026, 15 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 28.08.2026, 18:45 Uhr

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