Auf ihrer Motocross-Maschine steht in großen Buchstaben "Sunshine Girl“. Ein Name, der nach Sommer klingt – nicht nach aufgewühltem Sand, röhrenden Motoren und meterhohen Sprüngen. Sekunden später verschwindet Jeanette Hauswirth in einer Staubwolke. Vor ihr liegt die Tiefsandstrecke des MSC Grevenbroich - eine der anspruchsvollsten Strecken in Deutschland.
Das Gelände liegt in einer Senke und ist deshalb in der Szene bekannt unter dem Namen "das Loch". Wer hier zögert, bleibt stecken. Wer zu viel riskiert, stürzt. Jeanette ist 30 Jahre alt. Und eine Ausnahme.
Eine Frau zwischen Testosteron und Tiefsand
Links und rechts stehen Motorräder mit dreckverkrusteten Startnummern. Viele Fahrer trainieren hier für Rennen. Es geht um Rundenzeiten, den perfekten Sprung, Geschicklichkeit, Geschwindigkeit. Jeanette sucht etwas anderes. "Ich arbeite an jedem Trainingstag gegen mich selbst", sagt sie. "Die Challenge mit mir reicht mir." Vielleicht ist genau das der größte Unterschied. Sie fährt nicht gegen Konkurrenten, sondern gegen ihre Zweifel. Und gegen den kleinen Moment, in dem ihr der Kopf sagt: Lass es lieber!
Die gefährlichste Strecke ist oft die im eigenen Kopf
Motocross ist ein Sport der Reflexe. "Man hat nur eine Millisekunde Zeit, um zu reagieren", sagt Jeanette. Vor jedem Sprung richtet sie sich auf den Fußrasten auf, presst das Motorrad zwischen die Knie. Arme, Rücken, Bauch – der ganze Körper arbeitet. Oben in der Luft gibt sie sogar noch einmal Gas, damit die Maschine sauber landet. Ein kleiner Fehler reicht für einen Sturz.
"Kinder denken darüber oft gar nicht nach", sagt sie. Erwachsene schon. "Mit 30 fährt der Kopf immer noch mit." Vielleicht kostet genau das manchmal Überwindung. Vielleicht macht genau das ihren Mut aus.
Motocross riecht nach Benzin, Öl und heißem Motor. Die meisten, die hier fahren, sind Männer. Viele haben schon als Kinder angefangen, liefern sich Rennen, jagen Bestzeiten nach. Frauen sind hier noch immer selten. Gerade deshalb fällt Jeanette auf. Aber nicht, weil sie besonders laut wäre. Sondern weil sie offen über ihre Unsicherheit spricht. Sie muss niemandem beweisen, dass sie mutig ist. Sie beweist sich lieber, dass sie den nächsten Sprung schafft. Zentimeter für Zentimeter wächst so ihr Vertrauen.
Hier lernen Kinder zuerst das Bremsen
Dass Mut und Leichtsinn zwei verschiedene Dinge sind, zeigt sich wenige Meter weiter. Der sechsjährige Paul zieht mit seinem Vater Dirk Dreesen Helm, Brustpanzer, Stiefel und Nackenschutz an. Erst dann darf der Motor gestartet werden. "Kinder unterschätzen Geschwindigkeit", sagt der Vater. Deshalb wird Sicherheit hier fast so ernst genommen wie das Fahren selbst. Auch bei Jeanette gehört vor jeder Runde der Blick auf Reifen, Bremsen und Fahrwerk dazu. Motocross lebt auch vom Risiko – aber nur, wenn man lernt, es zu beherrschen.
Hinter dem Lärm steckt eine erstaunlich leise Geschichte
Nach zwanzig Minuten steigt Jeanette vom Motorrad. Die Unterarme brennen. Der Helm ist voller Sand, das Gesicht verschwitzt. Sie schüttelt die Hände aus und lächelt. Gewonnen hat sie nichts. Und doch wirkt sie zufrieden. Vielleicht weil sie heute einen Sprung sauberer geschafft hat als letzte Woche. Vielleicht weil sie ihrem eigenen Kopf wieder ein Stück voraus war. Viele Besucher kommen nur zum Zuschauen ins Grevenbroicher "Loch". Andere buchen einen Schnupperkurs beim MSC Grevenbroich. Die meisten gehen mit dem Eindruck nach Hause, Motocross sei eine Welt voller Draufgänger. Wer Jeanette getroffen hat, nimmt etwas anderes mit: Manchmal ist der größte Mut nicht, besonders weit zu springen. Sondern überhaupt loszufahren.
Unsere Quelle:
- Beobachtungen der WDR-Reporterin vor Ort
Sendung: WDR.de, "Sunshine Girl" im Tiefsand, 04.08.2026, 18:31 Uhr