Heinz Klasing weiß, dass es ihn gibt. Nur wann er ihn das letzte Mal gesehen hat, daran kann er sich einfach nicht erinnern. Kann zwanzig Jahre her sein. Oder vielleicht mehr.
Nordeutsche Ostwestfalen
Mit den Händen voran wühlt sich Klasing, 74, durch die hüfthohe Botanik des gerade trockengefallenen Wassergrabens hinter dem Hof. Muss imposant gewesen sein, der alte Grenzstein, nach dem Klasing sucht. "Hier war er." "Ne, warte, hier." "Ne, doch nicht."
Klasing schnackt wie ein lupenreiner Hanseat. Mit seinem rollenden R könnte er auch auf dem Hamburger Fischmarkt stehen und Aale verkaufen, man würde es nicht merken. Doch Klasing ist waschechter Nordrhein-Westfale, Ostwestfale sogar, um genauer zu sein. Hier, im höchsten Norden NRWs, ist das mit den Grenzen gar nicht so einfach.
Ganz weit draußen
Nach Rahden, Ortsteil Preußisch Ströhen, kommt man nicht, wenn man nicht danach sucht. Früher war hier alles voller Moor, heute leben in der nordnordöstlichsten Wald- und Wiesenlandschaft des Bundeslandes circa 1.600 Menschen. Wer will, kann auf einer stillgelegten Bahnstrecke Draisine fahren, natürlich Richtung Niedersachsen.
"Wenn einer sagt: 'Mensch, wo wohnt ihr denn?' Dann sagt man schon wirklich oft: 'Naja, wir sind das nördlichste Haus in Nordrhein-Westfalen'." Lena Klasing
Auch eine richtiggehende Touristenattraktion hat Preußisch Ströhen zu bieten: den entlegendsten Punkt des Bundeslandes, den "NRW-Nordpunkt" mit einer schiffschraubenartigen Skulptur auf einem Holzpodest inmitten der flachen Landschaft. In Preußisch Ströhen ist NRW zu Ende, könnte man meinen. Vielleicht fängt es hier aber auch gerade erst an.
Hart an der Grenze
Kurz hinter dem Hof der Klasings, vielleicht 300 Meter vom NRW-Nordpunkt entfernt, macht die ansonsten schnurgerade Stichstraße einen kleinen Schlenker nach Westen. Da weiß man: Ab hier ist Niedersachsen. Links und rechts der Straße liegen kleine abgezäunte Weiden, auf denen Pferde grasen. Das nördlichste bewohnte Haus Nordrhein-Westfalens ist ein Reiterhof.
Die Pferde, die Heinz Klasing, Tochter Lena und ihr Lebensgefährte Markus hier züchten, verkaufen sie nach England, in die USA, oder, wenn es gut läuft, auch mal in die Vereinigten Arabischen Emirate.
Zum Leben reicht das nicht. Beide haben noch einen Zweitjob, jenseits der Grenze, in Niedersachsen. Lena Klasing arbeitet bei einer Versicherung, Lebensgefährte Markus in einer anderen Pferdezucht: "Man träumt immer vom Eine-Million-Euro-Pferd. Bislang hatten wir aber noch kein Glück", lacht Markus.
Zwischen zwei Bundesländern - weniger Feiertage, mehr Bürokratie
Überhaupt bringt das Leben so nah an der Grenze so seine Besonderheiten mit sich. Wer in NRW wohnt und in Niedersachsen arbeitet, muss sich mit einem Feiertag weniger zufrieden geben. Ungerecht, aber nichts zu machen, finden die Klasings, die sich auch mit der grenzüberschreitenden Finanzbürokratie herumschlagen müssen.
Obwohl die Ländereien der Familie beiderseits der Landesgrenze liegen, zahlt nur das Land NRW für die Bewirtschaftung der abgelegenen Flächen. "Ausgleichszulage für benachteiligte Gebiete" nennt sich das. Ein paar hundert Euro nur, aber immerhin. Aus Niedersachsen gibt es für die Klasings keinen Cent.
Und dann ist da noch die alte Rivalität mit den Nachbarn auf der anderen Seite der Grenze. Auch die seien Ströhener, meint Lena Klasing. Irgendwie. "Das war früher so ein bisschen Krieg. Und wenn einer zu mir sagt: 'Du kommst aus Ströhen, dann bestehe ich drauf und sage: 'Nene, ich komme aus Preußisch Ströhen. Und das ist Nordrhein-Westfalen'."
Ziemlich gut versteckt
Zurück an der überwucherten Landesgrenze. Noch immer sucht Heinz Klasing nach dem alten Grenzstein. Er wird ihn heute nicht mehr finden. Egal. Nach über 60 Jahren an der Grenze, weiß er auch so, wo das eine Bundesland endet und ein anderes beginnt.
Die Landeshauptstadt Düsseldorf ist weit weg von hier, Niedersachsen direkt vor der Haustür. Trotzdem ist für die Klasings eines klar: Sie wollen bleiben, wo sie sind - ganz oben in Nordrhein-Westfalen.
Alle Beiträge der Serie "So tickt NRW":
Unsere Quellen:
- Eindrücke des WDR-Reporters vor Ort
- Gespräche mit Familie Klasing
Sendung: WDR.de, So tickt NRW - 7 Uhr: Besuch bei den nördlichsten Bewohnern von NRW, 03.08.2026, 12.43 Uhr