Ein neuer Ort für Freude - der Friedhof!
WDR. 03:18 Min.. Verfügbar bis 19.06.2028.
Auf dem Friedhof in Brohl-Lützing im Kreis Ahrweiler sind an diesem sonnigen Tag vier Tische gedeckt, selbstgebackener Kuchen lockt und Kaffee-Duft liegt in der Luft. Das alles direkt neben den Gräbern. Es ist keine Trauerfeier. Die 25 Seniorinnen und Senioren haben sich hier zum "Kaffeeklatsch auf dem Friedhof" versammelt, es wird gelacht, jemand musiziert auf der Zither, man erfährt, "was im Dorf los ist".
Ein wachsender Trend in Deutschland
Solche Treffen sind ein wachsender Trend in Deutschland, der den Friedhof von einem reinen Ort der Trauer in einen Ort der Begegnung und des Austauschs verwandeln will.
"Die haben uns zuerst für "Verrückt" erklärt, neben der Leichenhalle Kaffee zu trinken"
Viel Freude beim gemeinsamen Kaffeeklatsch
"Die haben uns zuerst für "Verrückt" erklärt", erzählt Heidi (88 Jahre) lachend, "und sich gewundert, dass wir unser Kaffeekränzchen direkt unter dem Vordach der Leichenhalle abhalten, aber wir finden das toll! Es gibt lecker Kaffee und Kuchen und wir können uns die neuesten Geschichten aus dem Dorf erzählen".
Ein kleiner Kreis von Helferinnen bereitet jeden ersten Dienstag im Monat das gemütliche Treffen vor: Sie backen Kuchen, bringen Geschirr, Servietten und Kerzen mit, alles ehrenamtlich. Durch das Vordach ist Regen kein Problem und Toiletten gibt es auch.
Andere Treffpunkte sind im Dorf verschwunden
"Unser Pfarrheim wurde zum Kindergarten umgewandelt, es gibt sonst keine Räumlichkeiten der Kirche mehr, wo ältere Menschen sich austauschen können!", erzählt Gemeindereferentin Josefine Bonn. Früher gab es noch acht Kneipen und eine Bäckerei zum Klönen, aber die haben längst alle dichtgemacht.
Beim Kaffee die Friedhofsbesucher zusammenbringen
Rita Schmitt hatte die Idee zum Kaffeeklatsch
Heute erklingt Zither-Musik, live gespielt, eine Dame singt, eine andere trägt Gedichte vor. "Man muss die Leute abholen, wo sie sowieso hingehen", erzählt Rita Schmitt (69 Jahre), die auf die Idee zu dem Kaffeeklatsch kam. Vom Balkon aus kann sie über den ganzen Friedhof schauen.
Dabei war ihr aufgefallen, dass auf den Bänken immer jemand sitzt, aber immer alleine über den Tag verteilt. Was, wenn man alle zu einem festen Termin zusammenbringt, bei Kaffee und Kuchen? Und so ist das Projekt letzten Sommer erfolgreich gestartet.
Und schnell noch das Familiengrab pflegen
"Ich gehe bei der Gelegenheit immer auch zum Grab meiner Mutter, gebe den Blumen Wasser und dann kann ich zurück an die Kaffee-Tafel!" sagt Heidi. Ein Ort der Stille oder der Trauer ist der Friedhof für sie sowieso nie gewesen.
Christa ist als Kind neben dem Friedhof aufgewachsen, daher waren die Gräber immer angenehme "Nachbarn". So kann sie den Apfelkuchen unbeschwert in dieser Atmosphäre genießen. "Mein Vater sagte immer, das sind die besten Nachbarn: Die sind nicht laut, die meckern nicht, also gibt es nie Ärger!"
Der Opi hätte mitgefeiert
Musik darf beim Kaffeeklatsch auf dem Friedhof nicht fehlen
Einmal lag ein Verstorbener direkt nebenan in der Trauerhalle aufgebahrt. Die Gruppe hatte Bedenken, hier laut zu lachen. Doch die Tochter des Verstorbenen nahm ihnen die Sorge: "Der Opi war so ein lebenslustiger Mensch, der würde sich freuen, von hier nebenan mit euch zu feiern und fröhlich zu sein. Trinkt einfach auch ein Gläschen Erdbeer-Bowle für ihn mit!"
Unsere Quellen
- WDR-Gespräch mit Initiatorin Rita Schmitt
- WDR-Gespräch mit Seniorinnen und Senioren beim Kaffeeklatsch
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