Die türkische Gen Z Mafia: Gewalt in deutschen Städten | Aktuelle Stunde
Bildquelle: WDR / dpa / Fredrik VAktuelle Stunde . 01.09.2026. 40 Min. 51 Sek.. Verfügbar bis 01.09.2028. WDR. Von Claudia Weber.
Innerhalb von nur zwei Tagen fielen in Erftstadt und Köln Schüsse auf ein Wohnhaus sowie ein Café. Die Kölner Polizei ist alarmiert und fahndet in beiden Fällen nach jungen Männern. Bei den Schüssen in Erftstadt vermutet die Polizei, dass es sich dabei um mutmaßliche Erpressungen des türkischen Imbissketten-Besitzers handelt. Die mutmaßlichen Täter sollen Mitglieder türkisch-kurdischer Jugendbanden sein. Im Kölner Fall laufen die Ermittlungen noch.
Türkische Gen-Z-Mafia: Jung, gewaltbereit und gut vernetzt
"Gewalt als Dienstleistung" nennen Sicherheitsexperten dieses Modell. In Sicherheitskreisen und in der Türkei gehen die Behörden seit einigen Monaten extrem hart dagegen vor. Aus diesem Grund sollen sich viele Bandenmitglieder mittlerweile ins Ausland abgesetzt haben. Deutschland gilt unter türkischen Kriminellen als besonders beliebt. Die Strafverfolgung gilt als lascher im Vergleich zur Türkei, unter anderem weil auch Straftäter stärker in ihren Rechten geschützt sind.
Journalistin Viviane Menges hat für das ARD Politmagazin "Kontraste" intensiv zu den Gen-Z-Banden recherchiert. Ein Merkmal dieser Banden, das sie im WDR-Interview betont:
"Der größte Unterschied im Vergleich zur - ich sage jetzt mal - klassischen Mafia ist, dass sie nicht im Verborgenen arbeiten, sondern sie wollen erkannt werden. Sie wollen ihre Taten zur Schau stellen." Viviane Menges, Journalistin
Zum Beispiel würden Bandenmitglieder ihre Taten häufig filmen und in den Sozialen Medien zur Schau stellen, so Menges. Typisch sei, mit einem Roller bei einem Laden vorzufahren, mehrere Schüsse abzugeben, "das alles zu filmen und damit dann praktisch zu prahlen". Ein Investigativjournalist aus der Türkei habe ihr erzählt, dass die Banden ihre Taten zum Teil sogar vorher ankündigen.
Behörden sprechen von rund 20 Delikten der Gen-Z-Mafia in NRW
Die neue Generation der organisierten Kriminalität breitet sich in Deutschland und insbesondere in Nordrhein-Westfalen aus. Diese Entwicklung ist alarmierend. Die Zahlen der Straftaten, die sich gegen Ladenbesitzer aus dem türkisch-kurdischen Kulturkreis richten, steigen.
Im Herbst 2025 werden mehrere Fahrschulen einer Kette in Berlin beschossen.
Bildquelle: picture alliance / dpa / Michael UkasInsgesamt wurden in Nordrhein-Westfalen rund 20 solcher Delikte registriert. Die Behörden rechnen diese Taten sogenannten türkischen Gen-Z-Banden oder Mafiagruppen zu.
Woher der Name Gen-Z-Bande kommt
Der Begriff Gen-Z-Banden leitet sich vom überwiegend jugendlichen Alter ihrer Mitglieder ab. Zur Generation Z zählen üblicherweise Personen, die zwischen 1995 und 2010 geboren wurden. Die Mitglieder dieser Gen-Z-Gruppen gelten als besonders gewaltbereit, einige von ihnen sind gerade einmal 15 Jahre alt.
Gen-Z-Mafia benennt sich nach Comic-Figuren
In der Türkei sind diese Jugendbanden schon seit ein paar Jahren bekannt. Fast immer handelt es sich dabei um junge Männer, die glauben, dass sie nichts zu verlieren haben. Viele der jungen Männer haben keinen Job, keine Ausbildung und lassen sich über soziale Medien von Bandenchefs anwerben - für Drogengeschäfte, Waffendeals, Körperverletzungen oder sogar Auftragsmorde.
Im Dezember 2025 werfen maskierte Täter eine Handgranate in eine Bar in Berlin-Kreuzberg.
Bildquelle: Markus Lenhardt / dpaDie Drahtzieher der Banden sitzen meist im Ausland. So wird vermutet, dass der Anführer der berüchtigten Gruppierung "Daltons", Beracan Gökdemir, sein Netzwerk von Russland aus steuert. Dahin war er vor zwei Jahren geflohen. Gökdemir gilt als Begründer der Szene.
Neben den "Daltons" haben sich etliche Untergruppen und eigenständige Netzwerke gebildet. Aktuell zählen die "Skins", "Red Kits", "Ezgins", "Casper", und "Sirinler" (Schlümpfe) zu den bekanntesten Gen-Z-Mafia-Gruppierungen aus der Türkei, die auch in Deutschland Fuß gefasst haben. Ihre Namen sind oft an Comic-Figuren angelehnt und ihre Ursprünge liegen meist in ärmlichen Stadtvierteln Istanbuls.
Tik-Tok-Flex: Taten werden online inszeniert
Typisch für diese Gruppierungen sind flache hierarchische Strukturen. Im Gegensatz zu Familienclans treten sie offen auf Social-Media-Plattformen in Erscheinung. Taten, Waffen und Luxusgüter wie teure Autos werden dabei gezielt auf TikTok inszeniert, um Macht zu demonstrieren und neue, minderjährige Mitglieder anzuwerben. "Das kommt eben sehr gut an bei jungen Männern, die vielleicht auch perspektivlos sind", sagt Menges.
Minderjähriger im Flüchtlingsheim für Gen-Z-Bande angeworben
Die Journalistin berichtet von einer Rekrutierung in Berlin: Da wurde ein minderjähriger Türke, der nach Deutschland kam, in einem Flüchtlingsheim von einem "Daltons"-Mitglied angesprochen. Das Versprechen des Bandenmitglieds: "Wir können dir helfen, eine Wohnung zu finden. Wir helfen dir bei den Behördengängen."
Tatsächlich habe der Junge dann eine Wohnung bekommen. "Und dann wurde ihm mehr und mehr klar: OK, ich muss auch was dafür tun." Kurz vor der Tat sei ihm gezeigt worden, wie man eine Schusswaffe bedient. Die Ermittler gehen davon aus, dass er in einem Supermarkt dann tatsächlich geschossen hat.
Unsere Quellen:
- WDR-Interview mit Journalistin Viviane Menges
- ARD-Sendung Kontraste
- Polizei Köln
- WDR-Recherchen
Sendung: WDR 2, WDR aktuell, 31.08.2026, 10 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 01.09.2026, 18:45 Uhr