Leerstände und wenig Abwechslung: Diskussion über die Innenstadt von Bochum-Wattenscheid
Bildquelle: WDR/Stefan WeisemannZwei Drogeriemärkte, Apotheken, ein paar Billigläden, Telefonshops, eine Sparkasse, Kioske, Barber-Shops, ein kleines Einkaufscenter. Wer durch die Fußgängerzone von Bochum-Wattenscheid geht, erlebt das mittlerweile bekannte Einerlei vieler kleinerer deutscher Fußgängerzonen. Auf den Bänken sitzen ein paar Menschen, im Schatten der Kirche spielen Kinder. Insgesamt ist trotz gutem Wetter wenig los. Nur ein Nagelstudio ist bis auf den letzten Platz besetzt.
Über diese Fußgängerzone hat der Bochumer CDU-Politiker und Europaabgeordnete Dennis Radtke eine deutschlandweite Diskussion losgetreten. Eher unfreiwillig, am Donnerstag in der ZDF-Sendung "Markus Lanz". Als es um Migration und Veränderungen im Stadtbild geht, nimmt er das Mitte der 1970er Jahre in Bochum eingemeindete Wattenscheid als Beispiel.
Umstrittene Aussagen über Bochum-Wattenscheid
"Wattenscheid wird nie wieder so aussehen wie in den 70er oder 80er Jahren. Es wird nie wieder ein Kino in Wattenscheid geben. Der letzte deutsche Metzger in der Wattenscheider Fußgängerzone hat zugemacht. Da ist nun nur noch ein Halal-Metzger. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn wir den letzten illegalen Migranten abgeschoben haben", sagt Radtke in der Sendung.
Sorgt mit seinen Wattenscheid-Aussagen für Aufregung: CDU-Politiker Dennis Radtke
Bildquelle: WDRIn den Sozialen Medien sorgen sich viele über die von ihm beschriebene Entwicklung und stören sich besonders an Radtkes Haltung dazu. Seine Aussagen wirken so, als könne die Politik an dieser Entwicklung nichts ändern. Moderator Lanz wirft Radtke in der Sendung direkt auch eine "Selbstaufgabe" vor.
CDU-Politiker Radtke verteidigt sich
Der CDU-Politiker fühlt sich missverstanden, rudert deshalb am Wochenende in einem zweieinhalb Minuten langen Video aus der Wattenscheider Fußgängerzone zurück. Er wolle die Probleme mit illegaler Migration nicht verniedlichen, sagt er darin. Vieles werde ihm seit seinem TV-Auftritt in den Mund gelegt, sei aber "schlicht und ergreifend falsch".
"Mir ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass nicht jedes Problem, jede Herausforderung in unserer Gesellschaft oder im Stadtbild mit illegaler Migration unmittelbar zu tun hat, sondern dass die Gründe unter anderem für Leerstand vielfältig sind", sagt er, während er auf einen solchen Leerstand hinter sich zeigt.
Leerstände in Wattenscheider Innenstadt
Dabei handelt es sich um das "Gadi Möbelhaus". Im Dezember 2024 eröffnet, nach einem halben Jahr schon wieder geschlossen. Noch immer hängen große "Zu vermieten"-Schilder in den Schaufenstern. Offenbar findet sich kein Nachmieter. Auf das leere Gebäude guckt auch Katharina, als sie ihren Kinderwagen die Wattenscheider Fußgängerzone hinaufschiebt.
Seit zwei Jahren Leerstand: ein großes, zentrales Ladenlokal in Bochum-Wattenscheid
Bildquelle: WDR/Stefan Weisemann"Ich komme hierher wegen der Drogeriemärkte, das ist praktisch", sagt die junge Mutter, "aber besonders schön ist es hier nicht, früher gab es mehr Läden". Eine Meinung, die auch andere Passanten teilen. Der Tenor: "Hier muss etwas passieren."
Ur-Wattenscheider verteidigt seinen Stadtteil
Das sieht auch Sebastian Pewny so. Der Chef der Ratsfraktion der Bochumer Grünen wohnt schon immer in Wattenscheid, bis vor Kurzem noch direkt in der Innenstadt. "Wir müssen die Ladenlokale gefüllt kriegen", sagt er. Aber nicht unbedingt mit neuen Läden. Sein Beispiel: Aus einem Ladenlokal ist eine Kita geworden.
Dazu kommen Veranstaltungen, die die Fußgängerzone beleben sollen. Wie das Weinfest, das Anfang September wieder stattfindet. Laut Pewny "eine Erfolgsgeschichte". Auch die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund hält er direkt vor seiner Haustür für gelungen: "Das multikulturelle Miteinander in Wattenscheid funktioniert gut." Er und seine Frau fühlen sich dort sicher, sagt er.
Weniger gut findet Pewny erwartungsgemäß die Aussagen von CDU-Politiker Radtke: "Seine Sätze tun nicht nur weh, sie sind eine Katastrophe." Er fürchtet, dass das ohnehin nicht besonders gute Wattenscheider Image dadurch noch mehr leidet. So finde man jedenfalls noch schwerer Firmen, die in den Stadtteil investieren möchten.
Metzger aus Wattenscheid zur Diskussion um Fußgängerzone
Auf der anderen Seite von Wattenscheid hat Oliver Thiers seinen Fleischereibetrieb. Er wirbt mit "Deutschlands wohl bester Stadionwurst". Nicht von ungefähr, einst hat Neu-Bundestrainer Jürgen Klopp die Stadionwurst in der Wattenscheider Lohrheide über alle Maßen gelobt. Was sagt er über das von Radtke angesprochene Metzgerei-Sterben in Wattenscheid?
Thiers sieht dafür vor allem einen Grund: "Das Kaufverhalten hat sich verändert", sagt er, "die Menschen kaufen Fleisch oft im Supermarkt, nicht mehr beim Metzger in der Fußgängerzone". Auch in der deutlich größeren Bochumer Fußgängerzone zum Beispiel gibt es keine Metzgerei mehr, sagt er. Also kein besonderes Wattenscheid-Problem.
Innenstadt von Wattenscheid nicht anders als andere Innenstädte
Auch das Citymanagement Wattenscheid von der Bochum Marketing betont, dass die Herausforderungen in Wattenscheid dieselben sind wie in anderen Fußgängerzonen auch: "Der klassische Einzelhandel wandelt sich und damit auch die Rolle der Innenstadt. Wattenscheid auf einzelne negative Eindrücke zu reduzieren, wird jedoch weder dem Stadtteil noch den Menschen und dem großen Engagement vor Ort gerecht."
So setzt das Citymanagement unter anderem darauf, Menschen bei Veranstaltungen zusammenzubringen. Dazu eine bessere Vernetzung von Ladenbesitzern, Politik und Stadtgesellschaft. Das Ziel: "eine lebendige, offene und zukunftsfähige Wattenscheider Innenstadt". Eine solche wünschen sich auch viele Wattenscheider. Auch Katharina: "Ein paar mehr Läden zum Bummeln wären schön. Und Cafés, in denen man sich aufhalten kann."
Unsere Quellen:
- Beobachtungen des WDR-Reporters vor Ort
- Gespräche mit Menschen in Bochum-Wattenscheid
- Sebastian Pewny, Grüne Bochum
- Oliver Thiers, Chef einer Fleischerei
- Citymanagement Wattenscheid
- Interview mit Dennnis Radtke bei "Markus Lanz"
- Video-Statement von Dennis Radtke auf "X"
Sendung: WDR.de, Bochum-Wattenscheid: Diskussion über Fußgängerzone, 24.08.2026, 18:09 Uhr
