So tickt NRW - 20 Uhr: Traditionsreichste Karnevalsgesellschaft in Duisburg

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WDR 03:13 Min. Verfügbar bis 03.08.2028

Leistungssport im Karneval

So hart ist Gardetanz in Duisburg

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Wenn andere auf dem Sofa landen, beginnt ihr Training. Warum Karneval für die Duisburger Gardetänzer harter Leistungssport ist.

Von
Jörg Conradi

Dienstagabend im Sportpark Duisburg. Nach und nach füllt sich die Sporthalle der Jugendherberge. Tanzschuhe rutschen über den Hallenboden, Taschen werden abgestellt, die Musikbox aufgebaut. In wenigen Minuten beginnt das Training des Tanzcorps der KG "Alle Mann an Bord", einer der ältesten Karnevalsgesellschaften in Duisburg. Bis zum Start der Karnevalssession am 11. November bleibt nicht mehr viel Zeit.

Kristina Schriewer schlüpft gerade in ihre Tanzschuhe. Die 33-Jährige kommt direkt von der Arbeit. Vier Kilometer liegen bereits hinter ihr: zu Fuß. "Ich bin direkt hierhin gejoggt, weil ich eigentlich spazieren wollte, aber nicht mehr so viel Zeit hatte. Jetzt bin ich hier. Weiter geht's", sagt sie.

Kristina trainiert jeden Dienstagabend mit der Tanzgarde der KG Alle Mann an Bord. | Bildquelle: WDR/Jörg Conradi

Nach einem langen Tag im Büro wurde der Weg zur Sporthalle kurzerhand zum Aufwärmprogramm. Seit 27 Jahren gehört der Gardetanz zu ihrem Leben. Angefangen hat sie als Kind. Damals hat die Duisburgerin nicht geahnt, dass sie das Hobby einmal über Jahrzehnte begleiten würde, sagt sie. Jetzt kann sie sich ein Leben ohne Gardetanz nicht mehr vorstellen.

"Das ist für mich definitiv Leidenschaft. Da steckt Herzblut drin, weil es das ganze Jahr ist. Und dann natürlich die Highlights zur Karnevalszeit. Das ist einfach wunderschön." Kristina Schriewer, Gardetänzerin

Gardetanz ist Leistungssport

Die Aufwärmübungen sind vorbei. Jetzt dreht die Trainerin die Musik lauter. Die Tänzerinnen und Tänzer stellen sich in mehreren Reihen auf. Ein Karnevals-Musikmix dauert nur wenige Minuten. Bis jede Bewegung dazu sitzt, vergehen allerdings Wochen. "Fünf, sechs, sieben, acht! Und noch mal: eins, zwei, drei, vier!", ruft die Trainerin durch die Halle. Die Beine schnellen nach oben, Arme bewegen sich gleichzeitig. Die Gruppe dreht sich, springt und findet immer wieder in die Formation zurück.

Von der Kita auf die Tanzfläche

Chris Bohe hat ebenfalls einen langen Arbeitstag in den Beinen. Tagsüber leitet er eine Kindertagesstätte in Düsseldorf. Dienstagabends steht er als Tänzer und Heber mit seinem Team in der Halle. Seit acht Jahren gehört er zur Garde. Schon nach den ersten Übungen läuft ihm der Schweiß über das Gesicht: "Das Rennen mit den Kindern in der Kita ist nicht so schlimm wie das hier."

Chris Bohe beim Gardetraining | Bildquelle: WDR/Jörg Conradi

Für ihn ist der Abend in der Halle kein zusätzlicher Termin nach der Arbeit. Er ist der Ausgleich dazu.

"Das hier befreit den Kopf. Nach acht Stunden Arbeit macht es einfach Spaß. Das Teamgefühl ist geil. Da lohnt sich das Schwitzen." Chris Bohe

Mehr als Training

Viele in der Gruppe sind längst Freunde geworden, sehen sich nicht nur dienstags beim Training. Auch für Bohe sind durch sein Hobby viele Freundschaften entstanden: "Wir treffen uns einmal die Woche, tauschen uns aus. Wir gehen gemeinsam auf Stadtfeste oder besuchen andere Karnevalsvereine. Der Zusammenhalt ist einfach schön."

Gardetanz ist organisierter Leistungssport

  • Karnevalistischer Tanz ist nicht nur Brauchtum, sondern organisierter Sport. Der Bund Deutscher Karneval gehört dem Deutschen Olympischen Sportbund und dem Deutschen Tanzsportverband an.
  • Allein in Nordrhein-Westfalen trainieren tausende Tänzerinnen und Tänzer das ganze Jahr über für ihre Auftritte während der Karnevalssession.
  • Der rheinische Karneval steht außerdem seit 2014 im bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes. Dabei geht es nicht nur um die großen Umzüge: Vereine geben Bräuche, Musik, Tanz und Wissen über Generationen weiter und entwickeln sie zugleich weiter.

Hebefiguren voller Vertrauen

Zum Ende des Trainings stehen die Hebefiguren auf dem Programm. Jetzt wird es ruhiger in der Halle. Jeder Griff muss sitzen, jede Bewegung ist abgestimmt. Bohe stellt sich unter eine Tänzerin, greift zu und stemmt sie mit einem Arm nach oben. Langsam geht er einige Meter durch die Halle. Ein paar Meter weiter steht Schriewer selbst in der Luft. Drei Heberinnen und ein Heber tragen sie an den Füßen. Die Arme sind ausgestreckt, der Körper bleibt unter Spannung.

Hebefiguren verlangen nicht nur Kraft, sondern vor allem Vertrauen in das gesamte Team. | Bildquelle: WDR/Jörg Conradi

Von unten wirkt die Figur fast mühelos. Für Schriewer fühlt sie sich ganz anders an. "Die Hebefiguren sind anstrengender, als man denkt. Wir müssen den ganzen Körper unter Spannung halten. Das sieht man von unten gar nicht." Trotz aller Anstrengung lächelt sie. Genau so soll es später auch auf der Bühne aussehen.

Bohe gehört zu den Hebern. Welche Muskelpartie sich nach dem Training melden wird, weiß er schon jetzt. "Meine Arme - definitiv. Die Technik aus den Armen heraus, aus den Beinen heraus und dann das Drücken. Das zieht schon ganz gut."

Über Vereinsgrenzen hinweg

Nach gut zwei Stunden ist Schluss. Die Musik ist aus, die ersten Tänzer packen ihre Taschen. Trotzdem geht noch niemand sofort nach Hause. Es wird gelacht, geplaudert und über den nächsten Auftritt irgendwo in NRW gesprochen. Schriewer strahlt: "Hier liegt alles nah beieinander. Du schließt Freundschaften mit anderen Vereinen. Wenn du nicht im Karnevalsverein bist, bist du im Schützenverein. Genau das macht NRW für mich besonders."

Wenig später machen sich auch die Letzten auf den Heimweg. Am nächsten Dienstag treffen sie sich wieder - und arbeiten weiter an dem, was auf der Bühne später ganz leicht aussehen soll.

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Unsere Quellen:

  • Beobachtungen des WDR-Reporters vor Ort
  • Gespräche mit Kristina Schriewer und Chris Bohe

Sendung: WDR.de, So tickt NRW - 20 Uhr: Traditionsreichste Karnevalsgesellschaft in Duisburg, 03.08.2026, 12:30 Uhr