Gigantische Seen im Rheinischen Revier
In den kommenden Jahren und Jahrzehnten wird der Strukturwandel in Nordrhein-Westfalen ganz besonders im Rheinischen Revier zu beobachten sein. Mit dem Braunkohleausstieg 2030 werden hier mit den Tagebauen Hambach und Garzweiler große Flächen für eine anderweitige Nutzung frei. Die gigantischen Löcher sollen über eine unterirdische Rohrleitung mit Wasser aus dem Rhein gefüllt werden.
Es ist ein beispielloses Vorhaben, das mehrere Jahrzehnte dauern wird. Zunächst soll ab 2030 der Tagebau Hambach geflutet werden, einige Jahre später der Tagebau Garzweiler. Dafür gibt es allerdings noch keine Genehmigung.
Wildpferde auf der Sophienhöhe
Bildquelle: WDR / picture alliance/dpa00:13 Min.. Verfügbar bis 29.11.2027.
Verändern werden sich nicht nur die Tagebaue selbst, sondern auch die umliegenden Gebiete. Bei einigen hat die Veränderung bereits begonnen: Die ehemalige Halde Sophienhöhe am Tagebau Hambach zwischen Elsdorf, Jülich und Niederzier wird seit 1988 rekultiviert. Hier haben seitdem viele Tier- und Pflanzenarten eine neue Heimat gefunden. Seit dem vergangenen Jahr lassen sich dabei auch Wildpferde beobachten: Auf einer weiten Graslandschaft haben Naturschützer und der Energiekonzern RWE Konik-Pferde ausgewildert. Sie sollen als natürliche Rasenmäher dienen.
Was bedeutet Renaturierung und Rekultivierung?
Bei der sogenannten Renaturierung werden etwa Flüsse, Moore oder Wälder in einen naturnahen Zustand zurückgeführt. Rekultivierung bedeutet, dass Flächen, die durch massive Eingriffe des Menschen massiv beeinträchtigt oder zerstört wurden, wieder in einen nutzbaren Zustand versetzt werden.
Grüne Wasserlandschaft im Ruhrgebiet
Eines der in NRW wohl bekanntesten Renaturierungsprojekte ist der Umbau des Emscher-Systems. Der Fluss verläuft von zwischen Dortmund und Unna gelegenen Gemeinde Holzwickede aus bis nach Dinslaken. Dort mündet er in den Rhein. Jahrzehntelang diente der mit Betoneinfassungen begradigte Fluss als Abwasserkanal für den Bergbau - und stank auch entsprechend. Zusätzlich wurde häusliches Abwasser ungeklärt eingeleitet, der Fluss wurde zur offenen Kloake. Der Volksmund bezeichnete ihn deshalb auch als "Köttelbecke". Mit dem Rückgang des Bergbaus und der sich verändernden wirtschaftlichen Struktur ergaben sich neue Chancen: Anfang der 90er-Jahre begann die Renaturierung.
Neben dem Verlauf der Emscher selbst wurden auch Uferzonen, Auenbereiche und Nebenläufe des Flusses naturnaher gestaltet. Durch Pumpwerke und einen unterirdischen Abwasserkanal ist die Emscher heute wieder deutlich sauberer und Heimat von Fischen.
Tobias Rautenberg von der biologischen Stadtion über die Artenvielfalt an der Emscher
Bildquelle: WDR00:18 Min.. Verfügbar bis 29.11.2027.
Auch der Phoenix-See in Dortmund ist Teil des Masterplans für den Emscher-Umbau. Das Stadtentwicklungsprojekt in Dortmund-Hörde ist eins der größten Deutschlands und gilt als Vorzeigeprojekt für den Strukturwandel im Ruhrgebiet. An seiner Stelle stand damals ein Stahlwerk. Nach dem Abriss begann die Flutung der Fläche mit Wasser aus der Emscher. Rund um den neuen See entstand ein neues Viertel mit hochpreisigen Immobilien.
- Mehr über die Geschichte des Phoenix-Sees liest du hier
Insgesamt ist die Renaturierung der Emscher weitgehend beendet. Nur wenige Projekte sind noch nicht abgeschlossen, so etwa der Umbau in Oberhausen-Holten. Hier stehen die Arbeiten derzeit aufgrund von Altlasten auf unbestimmte Zeit still.
Aber nicht nur die Emscher wird renaturiert, auch andere Flüsse in NRW werden derzeit naturnaher gestaltet. Zum Beispiel die Wupper, die Lippe und die Erft.
Mischwald statt Fichten in der Eifel
Im Nationalpark Eifel erobert sich die Natur nach und nach ihren Raum zurück. Jahrhundertelang war die Eisenindustrie ein wichtiger Industriezweig in der Eifel, für die dabei benötigte Holzkohle wurden große Teile des Waldbestandes aus Buchen und Eichen in der Region gefällt. Um die Freiflächen zu füllen, forstete die preußische Regierung im 19. Jahrhundert den Wald mit nicht-heimischen Fichten auf. Die Fichte sind heute allerdings besonders stark durch den Borkenkäfer und die Trockenheit bedroht.
Fichten haben ein hohes Wasserbedürfnis und gleichzeitig ein flaches Wurzelwerk. Bei Trockenheit haben die Borkenkäfer deshalb leichtes Spiel. Im Nationalpark hat das sogar positive Folgen für die Umwelt. Denn das Absterben der Fichten hat die Entwicklung zurück zum heimischen Buchenmischwald beschleunigt.
Das Große Torfmoor
Das Große Torfmoor bei Minden ist eines der bedeutendsten Hochmoore in NRW. Jahrhundertelang wurde hier Torf abgebaut. Der diente meist als Brennmaterial, unter anderem zum Heizen. Um das Torf besser abzubauen und die Fläche landwirtschaftlich zu nutzen, wurden einige Teile des Moores Anfang des 20. Jahrhunderts trockengelegt - mit fatalen Folgen für das Klima.
Denn Torf besteht aus alten Pflanzenresten und speichert darin viel Kohlenstoff. Dieser Kohlenstoff schlummert unter der Wasseroberfläche. Aber nur solange das Moor nass ist. Trocknet das Moor, wird der Kohlenstoff unter anderem als Kohlenstoffdioxid freigesetzt und gelangt in die Atmosphäre. Um das zu verhindern, fluten Naturschützer inzwischen einige Moore. Beim Großen Torfmoor ist das ebenfalls geschehen. Damit das Moor auch weiterhin als Lebensraum für seltene Tier- und Pflanzenarten dient.
Biologin Elke Löpke erklärt, wie das Moor dem Klima hilft
Bildquelle: WDR00:14 Min.. Verfügbar bis 29.11.2027.
Auch das Further Moor zwischen Langenfeld und Leichlingen droht auszutrocknen. Um es zu retten, wird hier seit Anfang des Jahres der angrenzende Birkenwald gerodet. Die Bäume entziehen dem Moorboden Untersuchungen zufolge zu viel Wasser.
Kröten und Fledermäuse in der Zeche Zollverein
Bis 1986 galt die Zeche Zollverein in Essen als eines der wichtigsten Steinkohlebergwerke im Ruhrgebiet. Heute gehört der ehemalige Industriekomplex zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die Zeche ist aber nicht nur zu einem Ort der Kunst, Geschichte und Kultur geworden, sondern auch der Natur.
Wo früher Kohle abgebaut und Koks produziert wurde, treffen Besucher nun auf eine große Artenvielfalt. Im Zollverein-Park konnten laut Stiftung Zollverein in der Vergangenheit mehr als 540 Pflanzenarten, rund 100 Flechtenarten, mehr als 60 Vogelarten und über 40 Wildbienenarten nachgewiesen werden. Fledermäuse nutzen die alten Industrieanlagen im Bereich der Kokerei als Quartier. In kleinen Tümpeln vermehren sich Kröten, Frösche sowie Molche und Libellen schwirren umher.
Zum zweiten Mal waren im Sommer 2025 Schafe auf dem ehemaligen Industriekomplex zuhause. Die natürlichen Rasenmäher helfen der Natur. Denn sie fressen zum Beispiel dominante Pflanzen, wie Brombeeren oder den invasiven Japanischen Staudenknöterich. Das bietet Platz für seltenere heimische Pflanzen, wie die Stiftung Zollverein erklärt.