Die Landesregierung hat das Sonntagsfahrverbot für Lkw in NRW ausgesetzt. Die Regel gilt für alle Fahrten, die vom Niedrigwasser am Rhein betroffen sind. Aus der Speditionsbranche kommt Kritik: Hubertus Gössling, seit 1973 Spediteur in Arnsberg, hält die Regelung für "Augenwischerei" – es fehle schlicht an Fahrzeugen und Personal.
LKW dürfen vorübergehend auch sonntags unterwegs sein, damit Güter auf die Straße kommen. (Bildquelle: WDR)
Bildquelle: WDR / Karsten SchöneNRW-Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) setzt große Hoffnungen in die Ausnahmegenehmigung: Sie stelle sicher, "dass Lieferketten aufrechterhalten und Versorgungsengpässe vermieden werden können", sagte er. Die Ausnahmegenehmigung ist zunächst bis zum 31. August beschränkt.
Zu wenig Zugmaschinen
Bernhard Philipps, Vorsitzender vom Verband Spedition und Logistik NRW, begrüßt die Ausnahmeregelung: "Wir sind im Gegensatz zu Schiff und Bahn nicht an feste Wege gebunden und werden die Waren dorthin bringen, wo der Kunde sie benötigt."
Hubertus Gössling fährt mit 25 Lkw Waren für Industrieunternehmen der Region. "Ein Schiff kann 2000 bis 3000 Tonnen laden, ein Lkw 25 Tonnen. Da kann man leicht ausrechnen, wie viele Lastwagen auf die Straße müssten, um alle Güter zu transportieren", sagt er. "So viele Zugmaschinen gibt es gar nicht."
Mehr Verkehr auf der Autobahn erwartet
Selbst wenn nicht alle Güter vom Schiff auf die Straße wechseln, dürfte es auf den Autobahnen voller werden. Auch das sieht Gössling kritisch, ebenso seine Kollegen der Spedition Konrad Sturm in Neuss. Dort werde bereits über Alternativrouten nachgedacht, um Staus zu umgehen und Lieferzeiten einzuhalten.
Ruhezeiten sind zusätzliche Hürde
Eine weitere Hürde sieht Spediteur Gössling in der Arbeitszeitregelung. Fahrer müssen Lenk- und Ruhezeiten einhalten: "Wenn die Fahrer sonntags fahren, steht der Lkw an einem anderen Tag der Woche." Attraktiver werde der Beruf durch Sonntagsfahrten auch nicht – dabei fehlt es der Branche ohnehin an Nachwuchs.
Ähnlich skeptisch äußerte sich Dirk Engelhardt vom Bundesverband Güterkraftverkehr und Logistik. Ruhezeiten könne man zwar aussetzen;
"Dann muss sichergestellt werden, dass das Fahrpersonal nicht zum Beispiel in einem anderen Bundesland, das nicht vom Niedrigwasser betroffen ist, in eine Polizeikontrolle kommt und noch bestraft wird". Dirk Engelhardt, Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung.
Dirk Engelhardts Verband fordert deshalb einen Krisen-Interventionspass.
Auch Verdi übt Kritik
Kritik kommt auch von der Gewerkschaft Verdi. Wer das Sonn- und Feiertagsfahrverbot aus rein wirtschaftlichen Gründen abschaffe, greife in die Arbeits- und Lebensbedingungen von Hunderttausenden Berufskraftfahrern ein, heißt es von dort. Gemeinsame Ruhezeiten mit Familie und Freunden seien unverzichtbar.
Unsere Quellen:
- Spediteur Hubertus Gössling
- Spedition Konrad Sturm
- RBB-Interview mit Dirk Engelhardt
- Gewerkschaft Verdi
- Bernhard Philipps, Vorsitzender Verband Spedition und Logistik NRW
Sendung: WDR.de, Speditionen kritisieren Ausnahmeregelung für Lkw, 08.08.2026, 01.00 Uhr
