Live hören
Jetzt läuft: All the stars von Kendrick Lamar & SZA
Apsilon: "Glanz Null"

Weltschmerz auf Albumlänge Apsilon: "Glanz Null" - Weltschmerz auf Albumlänge

Stand:

Kaum ein Rapper in Deutschland schafft es, gesellschaftliche Debatten so auf den Punkt zu bringen wie Apsilon aus Berlin. "Glanz Null" ist sein zweites Album und diesmal noch persönlicher und dringlicher als sein Debüt.

Von Anna Kravčíková

Apsilon: "Glanz Null"

COSMO Album der Woche 03.08.2026 02:38 Min. Verfügbar bis 03.08.2027 COSMO Von Anna Kravcikova


Zwischen Kindheit und Gegenwart

"Es muss ihn noch geben, einen Weg hier raus" – so lauten die ersten Zeilen auf dem Album "Glanz Null". Und darum geht es auch in den vierzehn Songs: Um eine trostlose Welt und die Suche nach einer besseren Version von ihr. So, wie sie in unserer kindlichen, naiven Vorstellung war, als der Glaube an das Gute allgegenwärtig war. Der Albumtitel "Glanz Null" beschreibt dabei den Moment, in dem der kindliche "Glanz" beim Erwachsenwerden aus den Augen verschwindet, und damit auch die Unbeschwertheit. Gleichzeitig erwähnt Apsilon in den Songs immer wieder Momente, in denen Teile dieses Glanzes im späteren Leben wieder da sind: allen voran in persönlichen Begegnungen und im Community-Gedanken.

Gesellschaftskritik mit persönlichem Blick

"Glanz Null" verbindet persönliche Beobachtungen mit einer klaren politischen Haltung, denn so hat Apsilon auch vor fünf Jahren mit der Musik angefangen. Er hat politische A-cappella-Texte bei Demos vorgetragen oder auf Instagram und Twitter gepostet. Deswegen ist es nur konsequent, dass "Glanz Null" inhaltlich um Weltschmerz, politische Krisen, Rassismuskritik und Leistungsdruck kreist, aber ohne in reine Hoffnungslosigkeit zu kippen. Dabei unterstützen ihn Feature-Gäste wie Berq oder Levin Liam. Während auf Songs wie "Glanz" Kindheitserinnerungen mit heutigen politischen Realitäten wie Armut, Wehrpflicht und sozialer Ungleichheit verbunden werden, behandelt "Rennen" mit Summer Cem Leistungsdruck, Migrationserfahrung und Kapitalismuskritik.

Es geht auch darum, dass migrantische Kinder oft noch mehr unter Leistungsdruck stehen als Kinder ohne Migrationsgeschichte: "Meine Eltern haben mir beigebracht immer mehr zu hustlen. Du musst immer schneller laufen, als die anderen". "Souvenir“"liefert auch einen überraschend einfühlsamen Part von Ikkimel, die sonst für einen anderen Musikstil bekannt ist und ihre Vielseitigkeit auf dem Album zeigt. Für die Produktion zwischen minimalistischen Sounds und treibenden Beats sind unter anderem Apsilons Bruder Arman, Haftbefehl-Produzent Bazzazian und Ralph Heidel verantwortlich.

Wir gegen die

In Apsilons Songs geht es um "uns" und um "die anderen", das ist die weiße Mehrheitsgesellschaft, reiche Menschen oder Politiker*innen. Vergleiche und Gleichzeitigkeiten sind ein zentrales Element von Apsilons Texten, wie in "Weg hier raus": "Ja, ich schwör', die einen hier schießen sich in den Weltraum / und die andern hier schießen sich in den Kopf." Die Wut ist spürbar auf ein reiches Land wie Deutschland mit Milliarden für Rüstung und Luxus und gleichzeitig großen Problemen mit Wohnungslosigkeit, Armut, Hunger und einem kaputtgesparten Bildungs- und Gesundheitssystem. Eine Wut auf die bestehenden Verhältnisse und ein Wirtschaftssystem, das Reichtum auf einige wenige Menschen konzentriert.

Diese neoliberale und konservative Politik der letzten 20 Jahre sei auch Schuld am Erstarken von rechtsextremen Parteien, sagt Apsilon. Armut werde gegen das Thema Migration ausgespielt. Wir sollen sparen, mehr arbeiten und uns weniger krank machen, während andere Menschen ihren Reichtum gerade in Zeiten von Krisen vervielfachen. Dabei nimmt Apsilon nicht nur rechte Parteien in die Verantwortung, sondern auch die SPD oder die Grünen im Song „Keiner von euch“. Und auch sein kritischer Blick auf manche Art von Journalismus in Deutschland wird deutlich.

Gedenken an NSU-Opfer

Am tiefsten unter die Haut geht der Song "Sommermärchen", der schon vor Albumrelease viral gegangen ist. Er thematisiert die NSU-Morde 2006, vor allem den Mord an Mehmet Kubaşık, der an Apsilons neuntem Geburtstag ermordet wurde, während der Fußball-WM. Seine Tochter Gamze Kubaşık ist auch Teil des Songs und das Musikvideo erzeugt Gänsehaut und einen Kloß im Hals. Wie die anderen Videos ist es ebenfalls mit türkischen Lyrics unterlegt, denn Teilhabe ist alles. Das ist es, was Apsilon zu so einem wichtigen Künstler der Gegenwart macht: Er teilt sein Wissen und seine Wut. Denn nur wer informiert ist, kann wütend auf das System sein und Dinge hinterfragen. Und obwohl das Album zeitweise hoffnungslos klingt, scheint der Glaube an das Gute doch immer durch.