Der amerikanische Albtraum : Vince Staples: "Cry Baby"
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Vince Staples ist seit 2014 einer der scharfsinnigsten Rapper der Westcoast, vergleichbar mit Kendrick Lamar. Auf seinem ersten Independent-Projekt "Cry Baby" betrachtet er Medien, Rassismus und Gewalt in den USA auf einem dystopischen Klangteppich zwischen Indie-Rock und Post-Punk.
Von Adrian Nowak
Ein bewaffneter Mann steht auf einem Parkplatz vor einem Diner, wir sehen allerdings nur seine Hand mit der Pistole, wie bei einem Ego-Shooter. Er steht vor Vince Staples, der immer wieder rappt: "Promise me you won't gun me down." Sie rangeln um die Waffe, es fällt ein Schuss, der Vince Staples trifft. Danach geht der Schütze ins Diner und erschießt eine Person nach der anderen. Es sind ausschließlich schwarze Menschen und im Hintergrund hören wir Vince rappen.
Ziemlich harter Tobak, den Vince Staples im Musikvideo zu seiner Single "Blackberry Marmalade" serviert. Das Lied eröffnet das Album und verarbeitet Erinnerungen an seine Großmutter, die zu Hause Marmeladenbrot und Tee genossen hat, während draußen der Gangkrieg tobte.
Compton State of Mind
Vince Staples ist 1993 in Bellflower bei Los Angeles geboren, seine Jugend verbrachte er in Long Beach und zum großen Teil bei seinen Großeltern in Compton. Eben jenem sozialen Brennpunkt bei L. A., der durch Gangsta-Rap von NWA oder die sozialkritischen Tracks von Kendrick Lamar weltberühmt wurde. Sein Vater ist Dealer und öfter im Gefängnis, Vince Staples ist selbst in einer Gang, viele Menschen aus seinem Umfeld werden gewaltsam getötet oder landen hinter Gittern.
Ab 2009 versucht er, sich von der Gewalt fernzuhalten. Er versucht es mit Musik, knüpft Kontakte zur Rap-Crew Odd Future, zu der auch Earl Sweatshirt und Tyler The Creator gehören. Es folgt ein Deal mit dem HipHop-Kult-Label Def Jam, Kollabos mit Popgrößen wie Gorillaz, Flume oder James Blake und sechs erfolgreiche Alben. Außerdem hat er auch Erfolg als Schauspieler, unter anderem mit seiner Comedy-Show "The Vince Staples Show".
Wiedergeburt als Rockstar
Vince Staples' Vergangenheit in Compton prägt bis heute seine Texte, seinen Blick auf die USA und auch seinen siebten Longplayer "Cry Baby". Auf dem Albumcover sehen wir ein kreischendes Comic-Baby, das eine US-amerikanische Flagge als Windel trägt. Anscheinend macht der ganze Bullshit, der in den Vereinigten Staaten passiert, das Baby ziemlich unglücklich. Vince Staples verpackt dieses Befinden in sarkastische, vielschichtige und tiefsinnige Texte, dazu entwickelt er einen neuen, rockigen Sound. Das liegt auch daran, dass Vince Staples nun nicht mehr beim Hip-Hop-Kultlabel Def Jam unter Vertrag ist, die von ihm eher handelsüblichen Boom-Bap-Rap erwartet haben.
Nun gibt es viel Rock, Indie und Post-Punk, schrammelige Gitarren, polternde Drums und verzerrte Vocals. Die Texte sind teilweise sogar überraschend simpel, denn Rocktexte sind selten so komplex wie gute Raps. Manchmal reichen Vince nur die Wiederholungen von einzelnen Zeilen. "What the fuck are you looking at?“ (Was guckst du so?) wiederholt er immer wieder in "TV Guide". Das klingt zunächst nach zwei Menschen, die Streit anfangen. Es beinhaltet aber auch die Frage: "Was zum Teufel guckst du dir da eigentlich an?" In dem Lied geht es darum, wie Medien uns beeinflussen.
Die Vereinigten Waffen von Amerika
In dem Stück "Go Go Gorilla" beschreibt Vince Staples, wie traumatisierend und gefährlich Polizeikontrollen für schwarze Menschen in den USA ablaufen – weil er keine gültige TÜV-Plakette hat, werden ihm direkt Handschellen angelegt. Auch in "The Big Bad Wolf" geht es um Polizeigewalt. Dazu samplet er eine Zeile aus dem Rapklassiker "Children's Story" von Slick Rick:"„Rat-a-tat-tatted and all the cops scattered / Cops shot the kid, cops shot the kid.“
Auf "Tulsa OK" taucht Vince Staples tief ein in das amerikanische Trauma und geht zurück ins Jahr 1921. Er beschreibt das rassistische Massaker im Stadtteil Greenwood in Tulsa, Oklahoma, bei dem 300 Menschen ermordet wurden. In "Only in America" zitiert er die patriotische Hymne "America the Beautiful", ähnlich wie die Punkband Sex Pistols, die 1977 die britische Hymne „God Save The Queen“ radikal umgedichtet haben. Sarkastisch betrachtet er das sogenannte Land der unbegrenzten Möglichkeiten: "God bless the USA, You can live by the gun, die by the gun (only in America) / You can lie, you can steal, house on a hill (only in America)".
("Du kannst mit der Pistole leben und von der Pistole getötet werden / du kannst lügen, du kannst stehlen, ein Haus auf dem Hügel – nur in Amerika.")
Vince Staples beschreibt hier gleichzeitig den amerikanischen Traum und den amerikanischen Albtraum. Du kannst angeblich alles erreichen, aber dafür musst du manchmal lügen, stehlen oder Schlimmeres tun.
Fast sanftmütig wirkt er dagegen in "White Flag". Auf einem entspannten, souligen Beat beschreibt er die Kämpfe, die er täglich zu kämpfen hat – als schwarzer Mann in den USA, mit der Musikindustrie, mit der Polizei. Und er schwingt irgendwann die weiße Fahne, um sich zu ergeben. Er ist erschöpft vom Kampf, aber es ist vielleicht auch ein Plädoyer dafür, mit Mitgefühl aufeinander zuzugehen. "Cry Baby" ist sicher kein Happy-Hip-Hop, aber ein Album, bei dem es viel zu entdecken gibt, wenn wir uns richtig darauf einlassen. Vince Staples rappt schlecht gelaunt, sarkastisch und schonungslos ehrlich und hilft uns so, den Wahnsinn unserer verrückten Welt besser zu verarbeiten.