Mehr Mut und Nähe

So will Borussia Mönchengladbach die Fans versöhnen

Stand:

Nach einer schwachen Saison ist Borussia Mönchengladbach auf Wiedergutmachung aus - das ist im Tegernsee-Trainingslager zu spüren.

Von Christian Hornung (Rottach-Egern/Tegernsee)

Um 11 Uhr morgens riecht es hier schon intensiv nach Bratwurst und Senf. Der Blick zum nah gelegenen Wallberg ist ein Traum, die Luft ist allerdings ziemlich Nikotin-belastet. Rund 1.000 Menschen sitzen in Rottach-Egern am Tegernsee am idyllisch gelegenen Sportplatz, fast alle tragen Gladbach-Trikots aus den verschiedenen Jahrzehnten.

Die Geräuschkulisse ist ein wenig bizarr: Auf der einen Seite der Alubegrenzung knallen die Kommandos von Fußballtrainer Eugen Polanski, der seine Mannschaft für den in in gut zwei Wochen anstehenden Pflichtspielstart leiden lässt. Auf der anderen Seite knallt es, weil die Fans der Fohlen mit dicken Halbliter-Humpen anstoßen, die hier bei jeder Trainingseinheit für fünf Euro in Massen verkauft werden. Die Temperaturen liegen teilweise bei deutlich über 30 Grad - da soll man ja viel trinken.

"Mindestens Platz 12" - Polanskis Ziele für die neue Saison

Bildquelle: IMAGO/DeFodi Images

NRW-Sport 06.08.2026 00:59 Min. Verfügbar bis 05.08.2028 WDR Online

Jubel brandet am Trainingsplatz auf

Im Vordergrund steht bei den Fans die Geselligkeit, das Geschehen auf dem Platz nebenan interessiert eher peripher. Zum mittlerweile 13. Mal ist es Tradition, dass sich die aus ganz Deutschland angereisten Fohelnfreunde hier treffen, die zur Freude der noblen 5.500-Seelen-Gemeinde die Pensionen und Gastronomiebetriebe füllen.

Gladbachs Vorbereitung am Tegernsee

Bildquelle: IMAGO/fohlenfoto

NRW-Sport 06.08.2026 01:10 Min. Verfügbar bis 05.08.2028 WDR Online

Ab und zu schauen sie auch mal auf das Geschehen auf dem Rasen nebenan und plötzlich brandet sogar etwas Jubel auf: Der Schwede Hugo Bolin ist von der linken Außenbahn in die Mitte gekurvt und hat den Ball aus 25 Metern in den rechten Winkel geschlenzt. "Das ist einer!", sagt Fritz aus Bamberg zu WDR.de. "Das habe ich letzte Saison schon gesehen, wenn er denn mal spielen durfte. Ich hoffe nur, dass der Trainer sich jetzt auch mal traut, den regelmäßig aufzustellen, der haut sich wenigstens rein." Sein Kumpel Peter aus Bamberg nickt zustimmend, die beiden wohnen hier jedes Jahr für fünf Tage im selben Hotel, nur 300 Meter vom Trainingsplatz entfernt.

Kleindienst will eine rauere Gangart

Mönchengladbachs Tim Kleindienst im Trainingslager | Bildquelle: ddp/HMB Media/HMB Media/Yannis Dreimann

Auch die Gladbacher Mannschaft ist extrem angetan von diesem Bolin-Traumtor. Als erster Gratulant kommt Kapitän Tim Kleindienst und gibt dem deutlich kleineren Schweden einen freundschaftlich anmutenden Kopfstoß.

Kleindienst fordert auf WDR-Nachfrage generell eine rauere Gangart, er hat wegen einer schweren Knieverletzung fast die komplett Vorsaison von der Tribüne aus zusehen müssen und dabei festgestellt: "Wir waren oft zu brav, jetzt müssen wir ganz schnell dahin kommen, das es den Gegnern wehtut, gegen uns zu spielen. Es muss sich eklig anfühlen für die. Das kriegst du aber nur hin, wenn schon im Training mal der Ellenbogen ausgefahren wird."

Chance zur Wiedergutmachung

Tatsächlich waren die Gladbacher in der vergangenen Spielzeit oft weit davon entfernt, ihre Gegner zu malträtieren. Nach einer 1:0-Führung folgte oft der kollektive Rückzug, die Spielweise war seltsam mutlos und geprägt von der Idee, dass man ganz viel zu verlieren hat. Erst im Saisonendspurt, und das auch eher durch das kollektive Schwächeln der anderen Kellerkinder, wurde der Klassenerhalt gesichert.

Trainer Eugen Polanski | Bildquelle: dpa / Anke Waelischmiller

Aufgrund der unattraktiven und ängstlichen Spielweise rechneten viele mit einer Ablösung von Trainer Eugen Polanski, doch Gladbach ging einen anderen Weg: Es kamen lauter neue Co-Trainer, aber Polanski bekam von Sportchef Rouven Schröder die Chance zur Wiedergutmachung.

Schröder hört sich die Meinungen der Fans an

Dass er die nutzen will, sieht und hört man hier im Tegernseer Tal, wo sich die schrillen Laute aus seiner Trillerpfeife in den Bergen vervielfältigen. Das Echo bei den Fans ist noch zwiespältig. Viele hätten sich einen kompletten Neustart gewünscht, andere sprechen klar gegen eine erneute Trainerentlassung, die zuletzt bei der Borussia beinahe im Jahresrhythmus stattgefunden hat.

Rouven Schröder, Gladbachs Sportdirektor, im Trainingslager | Bildquelle: ddp/HMB Media/HMB Media/Yannis Dreimann

Schröder bekommt diese Meinungsvielfalt hautnah mit, denn er nutzt die Nähe zu den Fans täglich: "Wo kannst du schon so gut mit den Leuten kommunizieren und raushören, was sie wirklich bewegt?", sagt er zu WDR.de. "Für mich ist das superwichtig."

Hannelore Kraft: "Wir sind ein Familienverein"

In der Vorwoche hatten am selben Ort die Münchener Bayern ihr Trainingslager, doch das war von der Volksfeststimmung mit den vielen Bierbänken weit entfernt - es gab in der kompletten Woche genau eine öffentliche Einheit.

Hannelore Kraft, Vize-Präsidentin bei Borussia Mönchengladbach, am Rande der Partie gegen TSG Hoffenheim | Bildquelle: picture alliance / Maximilian Koch | Maximilian Koch

"Nicht unser Ding“, sagt Hannelore Kraft, die ehemalige Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen ist Vorstandsmitglied bei den Gladbachern und trägt bei ihren täglichen Besuchen am Trainingsplatz immer das schwarz Vereins-Shirt mit der weißen Raute. Auch sie darf hier jeder ansprechen, es gibt viele Selfies, kurze Gespräche und Autogramme. Zu denen sind nach jeder Einheit auch die Spieler verpflichtet. Kraft betont noch einmal: "Wir sind ein Familienverein, wir stehen für Nähe, und zwar aus voller Überzeugung."

Team soll und muss anders auftreten

Wenn die Profis den Rasen verlassen, setzen sie sich manchmal noch für ein paar Minuten in eine Eistonne, trinken Shakes zur Regeneration, ehe der nächste Marathon ansteht: Eine kleine Kiste mit schwarzen Eddings liegt auf der Tartanbahn, dann nimmt sich jeder Spieler einen davon und setzt auf dem Weg zum Mannschaftsbus seinen Namen auf die vielen Trikots, Kappen und Bälle.

Polanski Youngsters

Bildquelle: IMAGO/OLE JACOBSEN

NRW-Sport 06.08.2026 01:29 Min. Verfügbar bis 05.08.2028 WDR Online

Auch Polanskis Unterschrift ist gefragt, der Coach hat die Botschaft verstanden, dass sein Team anders auftreten muss. "Platz zwölf aus der Vorsaison zu wiederholen, ist unser Minimalziel, aber mit einer ganz anderen Art und Weise des Auftretens, mit einem ganz anderen Fußball."

Alles soll schneller, geradliniger, zielstrebiger werden, die taktische Grundordnung hat Polanski von einer defensiv ausgerichteten Fünferabwehrkette mit noch zwei Abräumern davor umgestellt - es gibt jetzt vier klare Offensivspieler und nur noch vier Mann in der hintersten Reihe. Dazu setzt er noch mehr auf junge Spieler wie den erst 17-jährigen Wael Mohya, der immerhin schon 17 Bundesligaeinsätze gesammelt hat. Noch sechs weitere Youngster aus dem eigenen Fohlenstall durften mit an den Tegernsee, um sich für den Profikader zu empfehlen.

Bei Bayern undenkbar - Gladbach wechselt Marketingmitarbeiter ein

Die größte Stimmung beim Freundschaftsspiel am Mittwochabend gegen die Dorfauswahl kommt aber auf, wenn Mohya am Ball ist. Er leitet auch das lockere 15:0 mit einem herrlichen Treffer ein. Dass die Gladbacher auch so ein Spiel nutzen, um Volksnähe zu zeigen, belegt die Einwechselung von Fanliebling Patrick Herrmann, der bereits vor über zwei Jahren seine Karriere beendet hat und in die Marketingabteilung des Vereins gewechselt ist. Die Idee dazu war tags zuvor spontan bei einem Sponsorenabend entstanden - bei Bayern München wäre so ein Vorgang undenkbar.

Unsere Quellen:

  • Gespräche mit Eugen Polanski, Rouven Schröder, Tim Kleindienst, Hannelore Kraft

Sendung: "Gladbachs Vorbereitung am Tegernsee", WDR.de, 06.08.2026, 17:22 Uhr