Mersad Selimbegovic weiß genau, was da auf ihn und seine Mannschaft zukommt. "Die Euphorie in der Stadt ist groß. Die Fans haben nach der starken Rückrunde eine große Erwartungshaltung, was ich verstehen kann. Ich will sie in ihrer Freude auch gar nicht bremsen", sagt der Trainer des Drittligisten Alemannia Aachen im Gespräch mit wdr.de.
Es ist so ein bisschen der Fluch der guten Tat, der die Alemannia in diesen Tagen einholt. Als Selimbegovic die Schwarz-Gelben im vergangenen November übernahm, sah es übel aus. Die Alemannia steckte tief im Abstiegskampf, es drohte der Fall in Liga vier. Doch unter Selimbegovic wurde alles anders.
Aachens Trainer Selimbegovic - "Hast Phasen, die du überstehen musst"
02:00 Min.. Verfügbar bis 31.07.2028.
Aus dem Keller fast noch zum Aufstieg
Euphorie in Aachen - Mersad Selimbegovic
Der aus Bosnien-Herzegowina stammende Fußballlehrer stabilisierte das Team in kürzester Zeit und führte die Alemannia mit einer bärenstarken Performance in der Rückrunde fast noch zum Aufstieg in die 2. Liga. Wäre die Saison noch die ein oder andere Woche länger gegangen, hätte es womöglich noch zum Sprung gereicht, denn die Alemannia war zweifelsohne das mit Abstand stärkste Team der Rückrunde in der 3. Liga.
"Natürlich, wir waren stark. Aber das Ding lief auch plötzlich wie von selbst, so etwas kommt im Fußball vor", sagt Selimbegovic heute. Der 44-Jährige versuchte während der Phase des Erfolgs seine Leute auf dem Boden zu halten. Ebenso verweist er jetzt darauf, dass man sich für die vergangenen Erfolge nichts kaufen könne. "Wir starten wieder bei Null und unser aktuelles Team ist noch nicht so weit, wie wir es im Mai schon einmal waren", sagt Selimbegovic.
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Torjäger Gindorf ist weg - Schroers auch?
Tatsächlich hat Aachen mit Lars Gindorf seinen besten Torjäger verloren. Der Drittliga-Torschützenkönig der vergangenen Saison war von Zweitligist Hannover 96 ausgeliehen, wohin er nun im Sommer zurückkehrte. Auch Mika Schroers, zweitbester Aachener Torschütze in der vergangenen Spielzeit, soll bei der Alemannia jüngst einen Wechselwunsch hinterlegt haben.
Interessent ist nach Medienangaben der 1. FC Nürnberg. Doch Schroers, der von Arminia Bielefeld ausgeliehen war und durch das Ziehen einer Kaufoption im April fest an die Alemannia gebunden wurde, hat einen Vertrag bis 2029. Die Aachener haben hier die Zügel also in der Hand, ein erstes Angebot soll Sportchef Rachid Azzouzi abgelehnt haben.
Das Versprechen "Vollgasfußball"
Das Team wurde vornehmlich mit jungen Leuten aufgefüllt. "Wir sind bei der Kaderplanung noch nicht ganz durch", sagt Selimbegovic, der den Fans aber dennoch einiges verspricht: "Ich weiß nicht genau, ob wir gleich wieder solchen Erfolg haben wie zuletzt - wahrscheinlicher ist, dass die junge Mannschaft sich noch finden muss und auch Rückschläge zu verkraften sein müssen", glaubt der Coach.
Er verspricht aber: "Die Fans können sich darauf verlassen, dass wir Vollgasfußball spielen. Fußball mit ungeheurer Intensität und sehr großem Einsatz. Wir werden immer alles in die Waagschale werfen."
Selimbegovic-Fußball bedeutet: Vollgas!
Lars Gindorf hat die Alemannia verlassen
Es ist ein Versprechen, dass man dem Coach abnehmen kann. Denn seit Selimbegovic Trainer ist, agieren seine Teams mit eben jenem Einsatz und jener Leidenschaft, die er hier anspricht. Als er 2019 nach Jahren als Spieler und Co-Trainer zum Cheftrainer beim damaligen Zweitligisten Jahn Regensburg aufstieg, avancierte der Jahn zum Angstgegner einer ganzen Liga. Das extreme Pressing des Teams, der enorme Einsatz, die Körperlichkeit - Regensburg überrannte die Gegner zeitweise regelrecht.
Weniger erfolgreich war Selimbegovic anschließend in Rostock und im belgischen Eupen - dennoch möchte er die Stationen nicht missen. "Mich hat dort die Kombination aus hoher technischer Ausbildung und enormer Intensität positiv überrascht. Das war eine sehr lehrreiche Erfahrung, die mich taktisch definitiv vielseitiger gemacht hat", sagt er.
Aachener Spieler laufen mehr als andere
Taktisch schwört Selimbegovic mittlerweile auf Flexibilität, die angesprochene Intensität ist für ihn aber Basis. "Es gab im Frühjahr einen Bericht, wonach wir in den ersten acht Spielen in 2026 20 Kilometer mehr gelaufen sind als der Zweitbeste der Liga. Wir erobern sehr viele Bälle in der gegnerischen Hälfte und erzielen viele Tore aus Umschaltmomenten. Das ist genau der Fußball, den ich sehen will und der auch zu einem Verein wie Aachen passt", sagt er.
Mit welchem Personal er diesen Fußball letztendlich in Aachen 2026/27 angehen wird, steht noch nicht endgültig fest. Der Transfermarkt ist noch gut vier Wochen lang geöffnet, die Alemannia hat durchaus noch Handlungsbedarf. Mit dem 22-jährigen Meiko Wäschenbach gelang erst gerade eine enorm interessante Verpflichtung. Der beim 1. FC Köln ausgebildete Mittelfeldspieler konnte vom Karlsruher SC losgeeist werden und könnte ein ganz wichtiger Kreativspieler im Zentrum werden.
Kaderplanung noch nicht abgeschlossen
Zudem konnte mit Abwehrspieler Gideon Jung verlängert werden. Der 31-Jährige ist ein universeller Defensivspieler mit Format, kann alle Positionen in der Abwehr bekleiden, aber auch auf der Sechs seinen Mann stehen.
Wohin das alles führen kann? Selimbegovic lässt sich da nicht aus der Reserve locken: "Ich bin kein Fan von Saison-Prognosen oder -Zielsetzungen. Dafür ist der Fußball zu schnellebig und überraschend. Wir wollen die Fans mit unserem Spiel mitnehmen und begeistern. Und klar: Wir streben eine Saison an, in der wir mit den hinteren Plätzen möglichst nichts zu tun bekommen."
Unsere Quellen:
- Interview mit Mersad Selimbegovic
Sendung: WDR.de, "Trainer Selimbegovic über Start in die neue Saison mit Alemannia Aachen", 31.07.2026, 19 Uhr