Rot-Weiss Essen steht erneut wegen eines rechtsextremen Vorfalls auf der Tribüne in den Schlagzeilen. Dieses Mal hat ein Hinweis der eigenen Fans dafür gesorgt. Die Initiative "Rot-Weisse Solidarität" (RWS) hatte am Sonntag nach dem Auswärtsspiel ihres Vereins beim 1. FC Saarbrücken ein Video bei Instagram gepostet. Zu sehen ist dort der Jubel nach dem Führungstreffer der Essener in der zehnten Spielminute. Unter den feiernden Fans ist auch einer, der den Arm zum Hitlergruß hebt. Als sein Hintermann das sieht, reißt er ihm den Arm herunter.
Kein Einzelfall
Die Saarbrücker Polizei ermittelt wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, denn es ist strafbar den Hitlergrüß zu zeigen. Solche Vorfälle sind bei Rot-Weiß Essen - und nicht nur dort- keine Einzelfälle. David Berchem von der Meldestelle für Diskriminierung im Fußball NRW (Medif) beobachtet in ganz Nordrhein-Westfalen, dass sich rechte Strukturen in Stadien zunehmend normalisieren. Auch ein Mitglied der RWS berichtet dem WDR, dass es solche Gesten und diskirminierende Gesänge seitens der Fans in den eigenen Reihen regelmäßig erlebe. Die Person möchte aus Sicherheitsgründen anonym bleiben, denn "in den letzten Jahren gab es immer wieder Drohungen und körperliche Gewalt gegen Leute, die den Rechten widersprechen."
Doch vor den rechten Fans zu kapitulieren, sei auch keine Option, deshalb habe sich die Initiative im April letzten Jahres gegründet. Aus Sorge vor Gewalt tritt die Gruppe nicht öffentlich im Stadion in Aktion, äußert sich aber in den sozialen Medien und organisiert Bildungs- und Diskussionsveranstaltungen. Auf Instagram schreiben die Mitglieder, sie hätten Kritik dafür erhalten, rechtsextreme Vorfälle in der Essenser Fanszene zu teilen. Damit würden sie dem Verein schaden. "Dabei ist es ja genau andersherum", so das Gruppenmitglied gegenüber dem WDR. "Der Verein liegt uns am Herzen, wer ihm schadet, sind Personen, die den Hitlergruß zeigen, nicht wir, die das öffentlich machen."
Das Verhalten der Initiative zeigt, dass die rechten Bestrebungen in der Essener Fanszene nicht unwidersprochen bleiben. Auch der Verein positioniert sich gegen Rechtsextremismus. Auf Anfrage des WDR nach dem Vorfall am Sonntag schreibt die RWE-Pressstelle, der Verein trete rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen sowie anderen diskriminierenden oder menschenverachtenden Verhaltensweisen entschieden entgegen. "Wir werden sämtliche Möglichkeiten, die sich uns hierbei bieten, ausschöpfen (Strafanzeige, Haus- und Stadionverbot sowie Vereinsausschluss)", heißt es weiter.
Umgang des Vereins - gute Tendenzen, doch verbesserungswürdig
Als Reaktion auf die vielen Vorfälle hatte der Verein bereits Anfang des Jahres einen Arbeitskreis mit dem Namen "Fanbelange und Sicherheit" aufgestellt. Dabei kämen Polizei, Feuerwehr, Stadt, Verein und Fanszene regelmäßig gemeinsam an einen Tisch, "um Herausforderungen zu erkennen und Lösungen zu entwickeln", so der Verein. David Berchem bewertet es grundsätzlich positiv, dass der Arbeitskreis einberufen wurde. "In dem Verein tut sich etwas. Ich gehe davon aus, dass man von der Argumentation weggekommen ist, das seien alles Einzefälle und erkannt hat, dass es ein strukturelles Problem ist."
Allerdings habe der Verein bisher keine Ergebnisse des Arbeitskreises öffentlich gemacht. Fragen nach Arbeitsweise und Inhalten des Arbeitskreises hat der Verein dem WDR bisher nicht beantwortet. Laut der Pressestelle laufe noch eine interne Abstimmung darüber, ob beziehungsweise wie der Verein antworten könne.
Empfehlung: Zusammenarbeit mit Fachstellen
Auch die Zusammensetzung der Akteure im Arbeitskreis hält Berchem für ausbaufähig. Der Verein könne beispielsweise noch Personen einladen, die sich professionell mit Rechtsextremismus auseinandersetzen und nennt dazu etwa die "Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus in NRW". "Viele Vereine haben keine fachlichen Kompetenzen, mit Rechtsextremismus umzugehen. Deshalb sollten sie sich externe Expertise suchen", so Berchem.
Die RWE-Pressestelle verweist im Hinblick auf den Umgang mit Rechtsextremismus auch auf den Verein "Essener Chancen" und das "AWO-Fanprojekt". Beide Initiativen leisten Bildungs- und Antidiskriminierungsarbeit, organisieren etwa Gedenkstättenfahrten und Antirassismustrainings. Diese präventiven Ansätze seien wichtig und gut, meint Berchem. Ebenso entscheidend sei es nun, bei konkreten Vorfällen wie am Sonntag konsequent durchzugreifen, beispielsweise durch ein Stadionverbot.
Nach Ansicht der Initiative "Rot-Weisse Solidarität" bleibt der Verein aktuell hinter seinen Möglichkeiten zurück. "Die präventiven Ansätze reichen unserer Meinung nach nicht aus, um der Situation im Stadion gerecht zu werden", so ein Mitglied im Gespräch mit dem WDR. Außerdem gäbe es keine Anlaufstellen für Personen, die diskriminierendes Verhalten erlebt haben oder Zeugen rechstextremer Äußerungen geworden sind.
Schon im vergangenen Jahr hatte der WDR darüber berichtet, dass RWE an einem Awareness-Konzept arbeitet, das genau diese unabhängige Anlaufstelle beinhalten könnte. Auf die Frage nach dem Fortschritt dieses Projekts antwortete der Verein nicht konkret. Auch hier laufe eine interne Abstimmung darüber, ob und wie man antworten könne, so die Pressestelle.
Fragt man David Berchem sollte der Verein demokratische Kräfte wie die "Rot-Weisse Solidarität" unbedingt stärken. Schließlich werde der Fußball aufgrund seiner großen Beliebtheit gerne von Rechten genutzt, um Politik zu betreiben und Ideologien zu verbreiten.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit David Berchem
- Gespräch mit der Initiative Rot-Weisse Solidarität
- Schriftliche Stellungnahme von Rot-Weiss Essen
- Pressestelle der Polizei Saarbrücken
Sendung: WDR.de, "Haltung gegen Rechte in den eigenen Reihen", 12.08.26, 19:54 Uhr