"Im Kader wird es frischen Wind geben, wir wollen eine neue Dynamik kreieren", kündigte Sportchef Simon Rolfes bereits im Mai an, als der Double-Sieger die erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte mit einer Spielzeit ohne Titel beendete und Erfolgstrainer Xabi Alonso zu Real Madrid ziehen lassen musste. Rolfes erklärte: "Viele Spieler, viele wichtige Spieler werden bleiben. Und wir werden auch gute Spieler dazuholen."
Führungsspieler und Leistungsträger gegangen
Zumindest der erste Teil der Aussage scheint gut drei Monate später nicht mehr zuzutreffen. Auf Xabi Alonsos Abschied folgte eine Flut an weiteren Abgängen. Den Verein verlassen haben sowohl absolute Leistungsträger, als auch wichtige Ergänzungsspieler. Mit Kapitän Lukas Hradecky (AS Monaco), Jonathan Tah (Bayern München) und Granit Xhaka (AFC Sunderland) sind gleich drei Führungsspieler gegangen.
Dazu kommen die finanziell besonders lukrativen, aber sportlich schmerzhaften Verkäufe von Florian Wirtz und Jeremie Frimpong (beide FC Liverpool), sowie seit dieser Woche Amine Adli (AFC Bournemouth). Ebenfalls nicht mehr da sind die Leihspieler Nordi Mukiele (Paris SG), Emiliano Buendia (Aston Villa) und Mario Hermoso (AS Rom). Auch der zweite Torhüter, Matej Kovar, hat den Verein in Richtung PSV Eindhoven verlassen, zunächst auf Leihbasis.
Erfahrene Torhüter und viele neue Talente
Doch der neue Trainer, Erik ten Hag, geht trotzdem nicht mit einem dezimierten Kader in seine erste Saison in Leverkusen. Denn auf die vielen Abgänge folgten bereits zahlreiche Neuzugänge und weitere könnten folgen. Mit Mark Flekken (FC Brentford) wurde eine neue Nummer eins und mit Janis Blaswich (RB Leipzig) auch gleich sein Ersatzmann verpflichtet. Für das Abwehrzentrum sind mit Jarell Quansah (22/FC Liverpool) und Loïc Badé (25/FC Sevilla) zwei namhafte und kostspielige Neue geholt worden, dazu mit Axel Tape (17/Paris St. Germain) ein großes Talent, das in der Vorbereitung bereits überzeugen konnte.
Die Lücke, die Wirtz im Kreativzentrum reißt, sollen Ibrahim Maza (19/Hertha BSC) und Malik Tillmann (23/PSV Eindhoven) nach Möglichkeit füllen. Auch Ernest Poku (21/AZ Alkmaar) und die frisch verpflichtete Leihgabe Claudio Echeverri (19/Manchester City) können die neue Offensive bereichern. Mit Stürmer Christian Kofane (18/Albacete) gibt es auch ganz vorne einen Neuen, der im DFB-Pokal bereits seinen ersten Pflichtspieltreffer für Bayer markieren konnte. Sollte auch Victor Boniface den Verein noch verlassen, könnte Kofane zum ersten Ersatzmann für Patrik Schick im Sturmzentrum aufrutschen.
Neue Führungsspieler gesucht
Der von Rolfes angekündigte "frische Wind" betrifft aber nicht die einzelnen Mannschaftsteile, sondern auch die Alters- und Führungsstruktur des Kaders. Die Sommer-Neuzugänge sind im Schnitt drei Jahre jünger als die Abgänge, mit dem neuen Kapitän Robert Andrich und Jonas Hofmann sind nur noch zwei Feldspieler 30 Jahre oder älter. Von den Neuen haben lediglich die beiden Torhüter und der Ex-Bayer Tillmann Bundesligaerfahrung. Demnach müssen neben Andrich und Hofmann auch bereits erfahrene Bayer-Spieler wie Edmond Tapsoba oder Exequiel Palacios künftig Führungsrollen übernehmen.
Für die Fans wird die neue Saison auch eine Gewöhnungs-Spielzeit, um die vielen Neuen erst einmal kennenzulernen. Das zeigte sich bereits bei der Saisoneröffnung, als Stadionsprecher Tobias Ufer die Spieler vor dem Testspiel gegen den FC Pisa vorstellte und mit dem Vornamen aufrief, der jeweilige Nachname vom Publikum aber nur bei wenigen Spielern lautstark erwidert werden konnte.
Übergangsjahr oder Angriff auf Europa?
Die schwierigste Aufgabe aber hat Trainer ten Hag. Der Niederländer musste nach seinem Amtsamtritt mit ansehen, wie sein Kader sich Woche für Woche veränderte und wird wohl auch nach dem Saisonstart am Samstag gegen 1899 Hoffenheim (15.30 Uhr) bis zum Ende der Transferperiode weitere Spieler verabschieden und willkommen heißen. Diese neue Werkself, bestehend aus einigen wenigen Führungsspielern und einer großen Menge hochtalentierter Fußballer, muss ten Hag nun zu einer Mannschaft formen, die seine Spielphilosophie umsetzen kann.
Eine Saisonprognose fällt daher schwer. Für Bayer birgt der Umbruch mit vielen neuen und jungen Spielern sowie einem neuen Trainerteam große Risiken, aber auch Chancen. Das Heimspiel gegen Hoffenheim am Samstag wird ein erster Gradmesser, ob die neue Spielzeit nur eine Übergangssaison wird oder Bayer auch dank der Frischzellenkur mit den "jungen Wilden" direkt wieder die vorderen Plätze angreifen kann.