16 Uhr in Steinfurt-Borghorst. Landwirt Jan Große Kleimann macht ein paar Schritte ins Weizenfeld. Dann holt er ein Dutzend Körner aus den Ehren und zermahlt sie in einem Feuchtigkeitsmessgerät: 12,4 Prozent Restfeuchte. Grünes Licht für die Ernte.
"Da geht mir das Herz auf. Die Ernte ist der Höhepunkt des Jahres." Jan Große Kleimann, Landwirt aus Steinfurt-Borghorst
Der 32-Jährige ist aufgeregt, vor allem gespannt auf den Ertrag. Als der Lohnunternehmer mit dem Mähdrescher vorfährt, klettert Jan gleich hoch zu dem Fahrer in die Kanzel. Ihn interessiert, wie sehen seine Weizenfelder von oben aus?
Humusaufbau statt klassischer Bodenbearbeitung
Große Kleimann macht vieles anders als seine Berufskollegen. "Zum Beispiel verzichten wir komplett auf's Pflügen." Er denkt Landwirtschaft vom Boden her. Seine wichtigsten Helfer dabei sind die Regenwürmer.
Die Röhren, die sie bauen, sind für Regenwasser, Luft, aber auch für Wurzeln ein direkter Weg tief ins Erdreich. "Ein solcher Boden wirkt wie ein Schwamm", berichtet Große Kleimann, "der kann bei Starkregen viel Wasser aufnehmen und in Trockenperioden Feuchtigkeit lange speichern. Das hat uns in diesem trockenen Sommer schon sehr geholfen."
Rückschläge gehören für den Landwirt dazu
Doch jetzt bei dem Blick aus der Mähdrescher-Kanzel fällt ihm auf: An einigen Stellen steht der Weizen lückenhaft. "Hier haben wohl Wühlmäuse zugeschlagen", vermutet Jan. Und er räumt ein, beim Pflügen wären wohl mehr der Mäusegänge zerstört worden. Aber unterm Strich ist Jan ein intaktes Bodenleben wichtiger - Mäusebefall hin oder her.
Wer neue Wege geht, experimentiert und der muss auch Rückschläge verkraften, sagt der Landwirt. Für kurze Zeit verlässt er die Ernte. Eine Schülergruppe wartet. Große Kleimann erklärt den Jugendlichen einen weiteren Baustein seiner Art von Landwirtschaft: den sogenannten Agroforst.
Klimaschutz und Lebensmittelproduktion
450 Apfelbäume stehen in langen Reihen mitten in einem Rapsfeld.
"Hier sind richtige Biotope entstanden, Vögel und Schmetterlinge nutzen die Bäume als Nahrungsquelle." Jan Große Kleimann, Landwirt aus Steinfurt-Borghorst
Die Baumreihen brechen den Wind und halten Feuchtigkeit länger im Boden, erklärt er den Schülerinnen und Schülern. Und die Bäume speichern zusätzlich CO2. "Für mich ist das Win-Win", sagt er, "wir bringen Klimaschutz mit der Produktion von Lebensmitteln zusammen."
NRW hat eine enorme Vielfalt
Noch gibt es nicht viele Landwirte in Nordrhein-Westfalen, die so oder so ähnlich ticken wie Große Kleimann. "Aber wir werden mehr", sagt der dreifache Familienvater. Allein im Münsterland fallen ihm fünf Berufskollegen mit ähnlichem Konzept ein.
Landwirtschaft in NRW
- In NRW gibt es gut 30.000 landwirtschaftliche Betriebe.
- 5.000 dieser Höfe halten Schweine und mehr als 4.000 Milchvieh. Mehr als 10.000 Höfe betreiben Rindermast oder -aufzucht.
- Rund 2.000 Höfe sind Bio-Betriebe.
- Immer mehr Bauern in NRW verfolgen eine besonders bodenschonende Landwirtschaft, so die Landwirtschaftskammer NRW.
An NRW gefallen Große Kleimann die enorme Vielfalt und auch die Bevölkerungsdichte. Dadurch haben die Landwirte die Chance, ihre Lebensmittel ortsnah zu verkaufen. Aus dem Raps macht eine Ölmühle in Greven Speiseöl. Aus Roggen und Dinkel backen zwei Bäckereien aus der Umgebung Brot.
"Spaß macht die Ernte trotzdem"
Zurück zur Ernte. Große Kleimann spannt den Traktor vor die beiden vollbeladenen Anhänger. Damit geht’s zum Agrarhandel nach Laer. Auf der Waage kommt die Stunde der Wahrheit. Nur 6,5 Tonnen vom Hektar. Das ist eigentlich zu wenig.
Als der Landwirt die ersten Körner in die Hand nimmt, sieht er schon, dass einige Körner Hitzeschäden haben. Sie sind klein und schrumpelig. Der Weizen taugt nur als Tierfutter.
Doch dafür, dass das Getreide im sandigen Boden gewachsen ist und viel Hitzestress hatte, ist der Ertrag noch akzeptabel. "Spaß macht die Ernte trotzdem", lacht Große Kleimann und holt die nächsten Fuhren vom Feld.
Alle Beiträge aus dieser Serie:
Unsere Quellen:
- WDR-Reporter im Gespräch mit Jan Große Kleimann
- Landwirtschaftskammer NRW
Sendung: WDR.de, So tickt NRW - 16 Uhr: Steinfurter Landwirt verzichtet auf's Pflügen, 03.08.2026, 13:03 Uhr