Stefan Keller verkauft Autoteile. Seit 2010 auch im eigenen Online-Shop: Schutzleisten, Radzierblenden, Federn oder Auspuffteile. Mit seiner Firma ATZ Autoteile liefert er von Radevormwald im Oberbergischen nach ganz Europa: "An guten Tagen sind es bis zu 50 Pakete."
Der Ein-Mann-Betrieb hat frühzeitig auf die veränderten Einkaufsgewohnheiten reagiert: "Früher kamen 20 bis 30 Kunden am Tag in den Laden", sagt Keller. "Heute sind es noch drei - in der Woche." Längst ist der Onlinehandel seine Haupteinnahmequelle.
E-Commerce wächst stärker als Läden
"Der Online-Handel ist auf dem Wachstumspfad", sagt E-Commerce-Experte Stephan Tromp vom Handelsverband Deutschland (HDE). Er rechnet für 2026 mit einem Umsatzplus von 4,3 Prozent. Das wären Einnahmen von rund 96 Milliarden Euro. Ein Rekordwert. Und das trotz der schlechten Konsumstimmung.
Schon im vergangenen Jahr hat jeder Kunde rein rechnerisch 35 mal online bestellt und dafür im Schnitt bei jedem Einkauf 52 Euro ausgegeben.
"Ich weiß nicht, wo der Onlinehandel boomt. Bei uns nicht." Stefan Keller, Onlinehändler aus Radevormwald
Doch davon profitieren nicht alle gleich. Bei kleinen Versendern wie Stefan Keller reicht der eigene Webshop oft nicht. Daher nutzen sie die großen Online-Marktplätze wie Ebay und Amazon – es gehe nicht anders: "Den eigenen Shop bei Google in den Suchergebnissen nach oben zu bringen, ist extrem teuer. Das können wir uns nicht erlauben. Wir sind gezwungen, bei Ebay und Co. zu verkaufen."
Großteil der Einkäufe auf Plattformen
Vorteil: Auf den großen Marktplätzen werden sie von den Kunden leicht gefunden. Nachteil: Der Verkauf dort kostet Gebühren. Das drücke die ohnehin nicht üppige Gewinnspanne von meist fünf bis 8 Prozent, sagt der Autoteile-Händler. "Als Faustregel: Was so eine Plattform an Gebühren bekommt, ist ungefähr das Doppelte von dem, was für uns übrig bleibt."
Amazon dominiert den deutschen Online-Handel
Die Firma aus dem Oberbergischen ist kein Einzelfall: Mittlerweile läuft fast 60 Prozent des deutschen Onlinehandels über Marktplätze wie Amazon, Ebay oder Otto. Zu diesem Ergebnis kommt der HDE in seinem neuen Online-Monitor.
Mit Abstand größter Anbieter ist der Amazon Marketplace. Nach HDE-Berechnungen hat er allein einen Marktanteil von 46 Prozent am Online-Handel. Dazu kommt der Verkauf direkt über Amazon, mit einem Anteil von weiteren 17 Prozent. Damit läuft mehr als die Hälfte des Online-Umsatzes über die Seiten von Amazon.
Erfolgreiche NRW-Onlineshops - in Nischen
Am häufigsten im Internet bestellt werden Mode, Elektronik und Freizeitartikel. In NRW sind Firmen aber auch in Nischen erfolgreich: Askari in Langenfeld bezeichnet sich selbst als "Europas führender Online-Shop für den Angelsport". Andere Beispiele sind der Düsseldorfer Badausstatter Reuter mit 850 Mitarbeitern oder Holz Richter in Lindlar, die bereits seit 2004 im Internet verkaufen.
Immer mehr Ältere kaufen im Internet
Rund 22 Prozent aller deutschen Online-Shops haben ihren Sitz in NRW, heißt es im E-Commerce-Atlas des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel (BEVH). So viele wie in keinem anderen Bundesland. Insgesamt bieten 19 Prozent aller NRW-Firmen ihre Produkte auch über eine eigene Website oder App an.
Ärger über Bürokratie im EU-Handel
Als eine Hürde für noch mehr Onlinehandel sieht Verkäufer Stefan Keller die vielen bürokratischen Auflagen. Gerade bei kleinen Anbietern machten die sich bemerkbar. Besonders ärgert ihn gerade eine geplante Verschärfung einer EU-Verpackungsverordnung. Die Händler-Foren seien voll davon.
Ab Mitte August sollen Händler in jedem EU-Land, in das sie Verpackungen liefern, einen Bevollmächtigten benennen. Der soll dann Registrierung und Verpackungslizensierung übernehmen. Das sorge bei ihm für Kosten von bis zu 300 Euro - pro Land. "Auch wenn ich nur ein einzelnes Paket zum Beispiel nach Österreich schicken will." Er hofft, dass kurzfristig noch Bagatellgrenzen eingeführt werden. Sonst, fürchtet er, könnte sich der grenzüberschreitende Handel bald nicht mehr lohnen.
Am häufigsten bestellt: Mode und Elektronik
Immerhin: Insgesamt könnte sich die Verschiebung von stationärem zum Onlinehandel noch verstärken. Denn die Zahl der älteren Online-Shopper steigt. Das habe mit dem gelernten Einkaufsverhalten zu tun, sagt HDE-Fachmann Tromp: "Wer als Jugendlicher angefangen hat, online zu shoppen, hört mit steigendem Alter nicht plötzlich damit auf."
Unsere Quellen
- Mitteilung des Handelsverbands HDE
- Interview mit Stefan Keller, Inhaber ATZ-Autoteile, Onlinehändler aus Radevormwald
- HDE-Online-Monitor 2026
- E-Commerce-Atlas des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel
- Statistik NRW: Wie digital ist NRW?
- Händlerbund
Sendung: WDR.de, Onlinehandel erwartet Rekord-Einnahmen, 03.06.2026, 10:30
Sendung: WDR 5 Wirtschaftsmagazin, 03.06.2026, 13.35 Uhr