Hype um Diddl-Maus weckt Sehnsucht nach heiler Welt
Bildquelle: WDR/Melanie FlohrWDR. 6 Min. 50 Sek.. Verfügbar bis 07.08.2028.
Die Didl-Mäuse sind zurück und sie haben einen regelrechten Hype ausgelöst. An vielen Stellen sind die Mäuse ausverkauft. Hintergrund scheint allerdings auch ein System der künstlichen Verknappung zu sein, was die Hersteller mittlerweile in vielen Bereichen anbieten, um so einen Trend auszulösen. Gleichzeitig spielt der Retro- und Nostalgie-Faktor eine große Rolle. Anziehsachen aus den Neunzigern, Diddl, Musik aus anderen Jahrzehnten - total im Trend.
Inwiefern spielt die Sehnsucht auf vergangene Zeiten eine Rolle bei dem Diddl-Hype? Warum mögen wir "Sachen von früher" heute so sehr? Melanie Flohr, Kinderärztin und Psychotherapeutin, kennt sich damit aus.
WDR: Frau Flohr, warum fühlt sich Retro so gut an?
Melanie Flohr: Der Retrotrend ist natürlich die Sehnsucht nach der vermeintlich heilen Welt, also alles rosarot, hellblau. Und das fühlt sich für die Menschen erstmal gut an in unserer recht schnellen Welt, wo wir eigentlich kontinuierlich übers Netz auch mit den negativen Informationen von Kriegen, Armut, Umweltkatastrophen konfrontiert werden. Und da glauben wir, dass das in früheren Zeiten möglicherweise behüteter war.
WDR: Sehnen sich die Menschen nach mehr heiler Welt?
Melanie Flohr: Ja, sie sehnen sich nach Geborgenheit. Es geht ja hier auch um Kuscheltier, also eine Erinnerung an die Kindheit, die Geborgenheit und Unbeschwertheit signalisiert. Sich kümmern und auch die Fantasie spielen da eine Rolle.
WDR: Worin sehen Sie das Gute an an diesem Trend?
Melanie Flohr: Das Gute ist eigentlich, dass ja Glücksgefühle ausgelöst werden, weil die Kindheit ist ja etwas, die wir in der Regel, gerade wenn es um Spielzeug geht, mit schönen Erinnerungen verknüpfen. Es werden Glückshormone ausgeschüttet, die wir mit diesen positiven Dingen in Verbindung bringen. Das sind heute die Mitte 20- bis 40-Jährigen, die früher die Diddlmaus gekauft und gehypt haben.
Thomas Goletz skizzierte Diddl in verschiedenen Posen.
Bildquelle: wdrWDR: Jetzt wird das Interesse am Comeback der Diddl-Maus über Social Media auch bei Kindern und Jugendlichen geweckt. Wie sehen Sie das?
Melanie Flohr: Also prinzipiell sind Glücksgefühle immer positiv, aber man muss natürlich auch den kommerziellen Aspekt dahinter sehen. Damit soll ja Geld verdient werden, das ist ja das, was Werbung möchte.
WDR: Früher haben vor allem Mädchen Blätter der Diddl-Blöcke getauscht, heute sind es Panini-Bilder. Was steckt hinter so einer Sammelleidenschaft und Tauschfreude, welche Bedürfnisse leben die Kinder da auch aus?
Melanie Flohr: Das ist ja ein absoluter Urinstinkt. Denn hinter dem Sammlertrieb stecken eigentlich tiefe evolutions-biologische, also emotionale und neurochemische Ursachen. Sammeln ist etwas, was Kontrolle und Struktur verursacht und ursprünglich haben wir gejagt und gesammelt. Es ist ja auch ein bisschen Jagen, nämlich diese Dinge haben zu wollen, die limitiert sind. Das kommt eigentlich aus einer Zeit, wo wir ursprünglich noch Nahrung gesammelt und Tiere gejagt haben, um zu überleben. Auch da werden wieder Glückshormone freigesetzt. Aber auch die Kommunikation wird gestärkt und das ist vielleicht auch etwas, wonach Kinder und Jugendliche abseits von Social Media suchen. Durch das Sammeln und Tauschen entsteht eine Community mit gleichen Interessen, es bilden sich neue Freundschaften.
WDR: Diddl, Pokemon, Tamagotchis - es gibt ja so einige Retro-Trends. Wie können Eltern den Hype steuern, wenn es ausartet?
Melanie Flohr: Eltern können das erstmal über ihr Portemonnaie steuern. Also man sollte natürlich den kommerziellen Aspekt da nicht ganz außer Acht lassen, aber man darf auch den Spaß dahinter sehen. Es ist wichtig, das alles im Gleichgewicht zu halten. Am Ende kaufen wir viele Dinge, die vielleicht nicht so nützlich sind, die uns aber viel Spaß bereiten. Aber wenn Kinder ihr komplettes Taschengeld nur für diese Dinge ausgeben oder vielleicht oberhalb ihrer Möglichkeiten dann auch in so eine Sucht verfallen, dann sind Eltern ganz dringend aufgefordert, das zu kontrollieren. Aber ich glaube eben, wenn Eltern mit den Kindern gut kommunizieren können sie so etwas auch vermeiden.
WDR: Es steckt also viel Gutes in den Retro-Trends, nur übertreiben sollte man sie nicht. Frau Flohr, vielen Dank für das Gespräch.
Melanie Flohr: Ich danke Ihnen.
Das Interview wurde geführt von WDR-Reporterin Petra Vennebusch.
Unsere Quellen:
- Telefoninterview mit Kinderärztin und Psychotherapeutin Melanie Flohr
- Nachrichtenagentur dpa
- Nachrichtenagentur AFP
- Interviews der Reporterin mit EinzelhändlerInnen
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Duisburg, 07.08.2026, 19:30 Uhr
