Montage: Logo C2PA, AI generierter Kopf mit Schriftzug "Fake", Logo "Was geht mich das an?", Screenshot der Anwendung Themeninspirator

Zwischen Innovation und Verantwortung: KI im WDR

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Künstliche Intelligenz (KI) ist im Alltag vieler Menschen angekommen. Auch der WDR nutzt die Technologie auf vielen Gebieten - und entlang klarer Regeln.

Schon lange vor ChatGPT hat der WDR erste Erfahrungen mit Künstlicher Intelligenz gesammelt, zum Beispiel bei der Transkription von Audios und Videos oder der Optimierung von Archivfunktionen. Zunächst noch ein reines Experten-Thema, arbeiten heute in allen Bereichen des Unternehmens Menschen mit KI: sowohl in Produktion und Verwaltung, als auch in Technik und Programm.

 Ingmar Cario

Ingmar Cario, Programmdirektion Information, Fiktion, Unterhaltung

"Künstliche Intelligenz verändert ganz viel um uns herum – das merken die meisten Menschen längst in ihrem Alltag. Für uns beim WDR ist KI kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, das uns hilft, unsere Arbeit zu machen: schneller, effizienter – und mit besseren Angeboten für unser Publikum", sagt Ingmar Cario, kommissarischer Programmdirektor für Information, Fiktion und Unterhaltung. "Was sich dabei nicht ändert, ist, wer die Verantwortung trägt: Es entscheiden immer Menschen, was wir senden und wie wir berichten. Genau das ist uns wichtig, gerade weil wir öffentlich-rechtlich sind."

KI sorgt für Entlastung

Großes Potenzial hat KI in Bezug auf Workflows im WDR - sie sorgt für mehr Effizienz. So steht allen Mitarbeiter:innen im WDR mit dem "AIditor" eine Anwendung zur Verfügung, mit der sie vielfältige Aufgaben erledigen können - etwa Audiooptimierung, Bildgenerierung oder Textbearbeitung. Daneben hilft KI unter anderem bei Übersetzungen, dem Schnitt von Videos oder dem Zugang zu internen Regeln über einen Chatbot.

Angebote fürs Publikum

Screenshots zeigen, wie die Web-Anwendung "Was geht mich das an?" aussieht.

"Was geht mich das an?" Gesetze auf den Punkt erklärt

Neben dem Einsatz von KI in internen Prozessen hat der WDR auch Publikumsangebote veröffentlicht, die auf der Technologie beruhen. Ein Beispiel: "Was geht mich das an - Gesetze auf den Punkt". Es erklärt jungen Menschen, wie sie konkret von aktuellen Gesetzen betroffen sind. Dafür wertet eine KI redaktionell ausgewählte Quellen aus und generiert Texte, zudem ist die Interaktion mit den Inhalten per Chatbot oder Stimme möglich.

Ein anderes Beispiel ist das "Sportschau-Update": Die Technik analysiert Beiträge der Sportschau-Redaktion und stellt sie zu einem kompakten Audio-Format zusammen. Weitere Beispiele: die KI-gestützte Bildersuche beim Online-Projekt "Digit" und Podcasts wie „Mouhamed Dramé – Wenn die Polizei tötet“, in dem die Stimme eines Protagonisten von KI ins Deutsche übersetzt wurde. Derzeit wird auch an KI-gestützter Live-Untertitelung von Fernsehsendungen gearbeitet, KI unterstützt zudem bei Recherche, Themenfindung, Formatentwicklung und Zielgruppenarbeit.

Technik, Rechte, Ethik - KI hat viele Ebenen

Die Entwicklung der Technologie ist rasant, sie bietet viele Chancen, ist aber nicht frei von Risiken. So lassen sich Gesichter und Stimmen in Videos heute so gut erzeugen, dass sie vom Original nicht zu unterscheiden sind („Deepfakes“) – was bedeutet das für den WDR, den seine Moderatorinnen und Moderatoren eigentlich unverwechselbar machen? Was können wir dagegen tun, wenn solche Deepfakes auftauchen?

Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich im WDR ein interdisziplinäres Team, der KI-Steuerungskreis. Er ist Anlaufstelle für aktuelle Fragen der WDR-Redaktionen, erarbeitet aber auch grundsätzliche Positionen. Daneben gibt es ganz konkrete Hilfe von den "KI-Lots:innen" im WDR: Sie bilden ein Netzwerk im ganzen Unternehmen, beraten und informieren Kolleg:innen in ihren Bereichen.

ARD arbeitet im Netzwerk zusammen

Illustration ARD Netzwerk mit ARD Logo

Gut vernetzt: KI in der ARD

Der Steuerungskreis ist auch im Kontakt mit dem ARD-KI-Netzwerk. Der Verbund von KI-Expert:innen aus der gesamten ARD ist im September 2024 gestartet und wird von WDR und BR gesteuert. Aufgrund der Vielschichtigkeit der Technologie ist die Arbeit des Netzwerks in mehrere „Cluster“ – Themengebiete – aufgeteilt. Die Landesrundfunkanstalten können sich inhaltlich an allen Clustern beteiligen und von deren Ergebnissen profitieren. Ein strategisches Ziel: noch stärker zu kooperieren, auch mit Partnern außerhalb der ARD, die unsere journalistischen Werte teilen.

Auch KI dient dem Programmauftrag

Bei KI geht es oft gleichzeitig um technische, rechtliche und inhaltliche Fragen, immer wieder spielen auch ethische Aspekte eine Rolle. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz im WDR muss daher den Werten und Zielen dienen, die sich aus der öffentlich-rechtlichen Verfassung des WDR, seinem Programmauftrag und seinen Programmgrundsätzen ergeben.

Neben den Punkten Rechtmäßigkeit, Verantwortlichkeit und Transparenz betrifft das vor allem den gesellschaftlichen Auftrag des WDR, durch vielfältiges, umfassendes, inklusives, wahrhaftiges und unabhängiges Programm "Medium und Faktor des Prozesses freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung zu sein", wie es der Programmauftrag formuliert. Welche Werte uns dabei in Bezug auf Künstliche Intelligenz leiten, beschreibt der KI-Kodex der ARD.

Der ARD-KI-Kodex

1. Mehrwert: Wir setzen KI-Systeme nicht zum Selbstzweck ein. KI benutzen wir als Werkzeug, wenn sie einen Mehrwert bei der Erfüllung unseres öffentlich-rechtlichen Auftrags bringt. KI hilft uns dabei, journalistische und administrative Prozesse effizienter zu gestalten.

2. Vielfalt bei verantwortungsvoller Personalisierung: Wir nutzen KI als Möglichkeit für mehr Inklusion und einen möglichst barrierefreien Zugang zu unseren Inhalten. Wir sind uns diskriminierender Stereotypen in Trainingsdaten bewusst und gehen damit aktiv um. Personalisierung nutzen wir, um Vielfalt und den Informations- und Unterhaltungswert unserer Angebote zu stärken. Filterblasen-Effekten begegnen wir aktiv.

3. Redaktionelle Kontrolle & Transparenz: Das Vertrauen in unsere journalistischen Inhalte ist unser höchstes Gut. Die redaktionelle Kontrolle und die Einhaltung der journalistischen Sorgfaltsgrundsätze stellen wir auch dann sicher, wenn uns generative KI bei der Erstellung journalistischer Inhalte unterstützt. Die publizistische Verantwortung liegt beim Menschen, nicht bei dem System. Wir kennzeichnen den Einsatz von generativer KI nach transparenten Regeln.

4. KI- und Datenkompetenz: Wir achten auf Integrität und Qualität der Daten, mit denen eigene Modelle trainiert werden. Beim Finetuning bevorzugen wir solche KI-Modelle als Basismodelle, die hinsichtlich der verwendeten Trainingsdaten transparent sind. Wir stärken bei unseren verantwortlichen Mitarbeitenden das Bewusstsein dafür, dass KI-Anwendungen nur auf Basis verlässlicher Daten entwickelt werden können. Wir schulen und befähigen unsere Mitarbeitenden und klären sie in diesem Rahmen über Potentiale und Risiken beim Einsatz von KI auf. Wir berichten informiert und kritisch über Künstliche Intelligenz. Wir beteiligen uns an der Debatte über die gesellschaftliche Rolle von Algorithmen, indem wir informieren, einordnen, investigativ recherchieren und eine offene Diskussion in der Gesellschaft befördern.

5. Austausch und Partnerschaften: Die ARD-Landesrundfunkanstalten, Deutsche Welle, ZDF und Deutschlandradio kooperieren bei der Entwicklung und Nutzung von KI-Anwendungen sowie beim Wissensaustausch miteinander sowie mit anderen Medienhäusern, Institutionen der Wissenschaft und Forschung bzw. weiteren geeigneten Initiativen und Unternehmen.

6. Nachhaltigkeit: Sowohl beim Finetuning von KI-Modellen als auch bei Verwendung von KI-Modellen achten wir auch auf Energieeffizienz.

Auf diesen Kodex haben sich die ARD-Landesrundfunkanstalten, Deutsche Welle, ZDF und Deutschlandradio verpflichtet.

KI kennzeichnen, Irritationen vermeiden

Montage Schriftzug "mit KI erstellt" mit Screenshots  Zeitzeichen, Frau TV, Maus Sachgeschichte "Torlinientechnik"

Der WDR hat Regeln für die KI-Kennzeichnung

Transparenz kommt beim KI-Einsatz besondere Bedeutung zu. In welchen Fällen und in welcher Weise müssen wir ihn erkennbar machen, damit unser Programm glaubwürdig bleibt? Wir haben uns im WDR darauf verständigt, dass wir dann auf den Einsatz von KI hinweisen, wenn ansonsten Irritationen entstehen könnten. Werden beispielsweise Videos, Grafiken oder Stimmen künstlich erstellt, so informieren wir darüber im entsprechenden Fernseh-, Hörfunk- oder Online-Beitrag.

Den WDR leitet dabei die Frage, ob bei Nutzer:innen und Nutzern der Eindruck entstehen könnte, KI-generierte Inhalte seien real. Wenn KI bei der Recherche, einer Übersetzung von fremdsprachigen Texten oder der Navigation zum Drehort genutzt wurde, ist ein Hinweis nicht sinnvoll. Das gilt auch für die Erstellung fiktionaler Inhalte.

"KI-Siegel"

Als weitere Maßnahme in Bezug auf die Transparenz seiner Inhalte erprobt der WDR ein „KI-Siegel“, eine Art „digitalen Beipackzettel“. Als erstes öffentlich-rechtliches Medienhaus im deutschsprachigen Raum ist der WDR zwei Initiativen zur Kennzeichnung vertrauenswürdiger Inhalte beigetreten: der "Content Authenticity Initiative" (CAI) und der damit verbundenen "Coalition for Content Provenance and Authenticity" (C2PA).

Logo von WDR und Logo sowie Schriftzug C2PA stehen nebeneinander.

Das KI-Siegel: Eine Art "digitaler Beipackzettel"

Dabei geht es um die eindeutige Kennzeichnung echter Videos, Fotos und Tonaufnahmen. Die Aufnahmen werden mit einem „digitalen Beipackzettel“ untrennbar verwoben, der genaue Angaben zur Aufnahme und zu jedem Bearbeitungsschritt enthält und vom Nutzer per Klick sichtbar gemacht werden kann.

Factchecking als wichtiger Service für Redaktionen

Auch für Kolleg:innen im WDR ist es mitunter schwierig, gefälschte Inhalte zweifelsfrei zu erkennen. Der WDR hat daher ein Projektteam für Verifikation und Faktencheck eingerichtet, das flexibel und schnell auf Anfragen von Redaktionen reagieren kann und Inhalte unklarer Herkunft auch in der Hektik des Nachrichtenalltags überprüft. Mit dem Krieg in der Ukraine sind die Anfragen sprunghaft angestiegen, und viele der eingereichten Videos haben sich als Fälschungen herausgestellt.

Ausblick: Weiter große Veränderungskraft

Und wo geht diese Reise hin? Ingmar Cario: "Ich sehe eine Parallele zu den Anfängen von Internet und Social Media: Damals dachten auch viele, das sei nur etwas für Technik-Fans, ein Nischenthema. Und dann hat es plötzlich unseren ganzen Alltag verändert – wie wir informiert werden, wie wir miteinander reden. Ich glaube, mit Künstlicher Intelligenz erleben wir gerade genau so einen Moment."