Das Reklame-Männchen mit dem Schriftzug "Er trinkt Reissdorf" leuchtet auf der Aachener Straße in Köln auf Höhe des Rudolfplatzes am 27.03.2017 - daneben leuchtet "Milliwitsch" am Theater.

Urbanes Design in Köln Fotoband zeigt verschwindende Neon-Schriftzüge

Leuchtende Schriftzüge haben lange Städte in Deutschland geprägt. Der Designer Jesse Simon hat sie für ein Fotobuch dokumentiert.

Neon-Schilder, leuchtende Schriftzüge, bunte Reklamen. In den 1950er und 1960er Jahren flackerte und flimmerte es überall in den deutschen Innenstädten und auch in NRW. Heute wurden die meisten Schilder durch moderne LED-Technik ersetzt. Der britische Designer und Typografie-Dozent Jesse Simon hat sich für seinen Fotoband "Neon Deutschland" auf die Suche nach den letzten orginalen Schriftzügen gemacht und erzählt dabei ein Stück Designgeschichte.

Wo auch immer Jesse Simon unterwegs ist, fallen ihm zuerst Buchstaben auf: Schilder, Schriftzüge, Leuchtreklame. Der 49-Jährige ist nicht nur Gestalter, sondern auch promovierter Historiker mit Schwerpunkt Kartografie und antike Landkarten. Als er nach der Promotion zunächst keine feste Anstellung fand, begann er, die Randgebiete Berlins zu erkunden. Zu Fuß, mit viel Zeit und mit einem Blick, der konsequent nach oben wanderte.

Dabei entdeckte er Schriftzüge im Stil der 1950er Jahre, die sich wie handgeschrieben über die Eingänge von Läden und Restaurants schwangen. Kurz danach zog er mit seiner Kamera los und begann, die Leuchtreklamen in der Stadt zu sammeln.

Köln als heimliche Neonhauptstadt

Simon hatte schon zuvor Berliner Reklamen und Straßenschilder im Buch "Berlin Typography“ veröffentlicht. In "Neon Deutschland" sind jetzt Neonschilder aus ganz Deutschland zu sehen. Sein Ziel: ein visuelles Archiv deutscher Neonkunst, bevor die letzten Lichter ausgehen. Sieben Jahre lang reiste Simon dafür durch etwa 60 Städte in Deutschland. "Es war unmöglich, im Voraus zu sagen, wie viele Leuchtreklamen an einem Ort noch übrig sein würden", berichtet er.

Am Ende schätzt er, rund zehn Prozent der noch erhaltenen Schilder gefunden zu haben. 350 Fotografien haben es in den Band geschafft: Neon-Schriftzüge, die schnörkellos oder in Handschrift für Bier und Bars werben, Milch, Obst und Gemüse anpreisen oder ins Kino locken.

Köln wurde für Jesse Simon dabei zu einer Art heimlicher Neonhauptstadt. Anders als in manchen anderen Städten wird er dort fast überall fündig. Ein Fundstück aus Köln-Kalk begeistert ihn besonders: die Fassade von "Hans Horgreber", einem Ladenlokal, in dem früher Kaffee und Tee verkauft wurde.

Zweites Buch mit weiteren Schildern aus Köln geplant

Köln bietet aber auch prominente Neon-Legenden, zum Beispiel das Schild "4711, Echt Kölnisch Wasser“ in der Kuppel des Hauptbahnhofs. Im Fotoband fehlt das allerdings "Ich hatte die Wahl zwischen etwa zehn verschiedenen 4711-Schildern und habe das von der Zentrale gewählt“, sagt Simon. Ein zweiter Band sei schon in Planung, in dem das große Schild vorkommen soll.

4711-Leuchtreklame im Kölner Haupbahnhof am 02.01.2026

Neon-Reklame im Kölner Hauptbahnhof

Im nächsten Buch soll außerdem auch ein weiteres Kölner Neon-Wahrzeichen festgehalten werden: das sogenannte Reissdorf-Männchen der Kölner Brauerei Reissdorf. Die Werbefigur an einer Hauswand am Kölner Rudolfplatz ist animiert. Durch Umschalten der Neonröhren wird aus dem Männchen ein Weibchen, bei beiden füllt sich der Bauch mit Kölsch. Für Simon zeigt das, welches Potenzial die ältere Technik besitzt, wenn sie gepflegt und geschützt wird.

Neonkunst und Wirtschaftswunder: Warum die Lichter so wichtig waren

Der Siegeszug der Neonreklame begann in den 1920er-Jahren und erreichte nach dem zweiten Weltkrieg seinen Höhepunkt. Ob großes Kaufhaus oder kleiner Bäcker, zu vielen Orten gehörte ein leuchtender Schriftzug einfach dazu. Simon ist in den USA aufgewachsen. Dort verbindet man Neonschilder eher mit zwielichtigen Vierteln. In Deutschland erzählen sie nach seiner Einschätzung eine andere Geschichte - von Neubeginn, Konsum und Optimismus in den Wirtschaftswunderjahren.

"Eine Stadt mit hellen Lichtern ist eine Stadt, die floriert“, sagt er. "Die Neonreklame wurde zum visuellen Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs nach einer Zeit intensiver Tragödie. Die Wärme des Neonlichts ist untrennbar mit dieser Phase der wirtschaftlichen Erholung verbunden."

Handschrift aus Glas: Was deutsche Neonschilder so besonders macht

Was Simon an deutschen Neon-Schriftzügen fasziniert, ist ihr spezifischer Stil. "Die Art von Neonschildern, die man in Deutschland sieht, ist völlig anders“, sagt er. "Es ist ein sehr deutscher Handschriftstil, den Menschen in den 40er- und 50er-Jahren in der Schule gelernt haben.“ Viele Neonglasbläser arbeiteten nach tatsächlichen Handschriften: Erst entstand eine Vorlage auf Papier, dann bogen sie die Glasröhren für jeden Buchstaben. Jedes Schild ist so ein Unikat und zeigt, wie viel gestalterische Mühe in früheren Reklamen steckte.

Verdrängt durch LED: Auch in Köln verschwinden Schilder

Während Simon an "Neon Deutschland“ arbeitet, erlebt er immer wieder, wie Schilder verschwinden, bevor er sie fotografieren kann. Denn die aufwendige Neon-Technik gilt als teuer und wartungsintensiv. Günstige LED-Anlagen ersetzen alte Röhren, viele Geschäfte modernisieren ihre Fassaden und nehmen ihre historische Leuchtreklame ab.

Ein anderes Problem erlebte er in Köln-Kalk. Im Netz hatte Simon dort ein besonders schönes "Blumen“-Schild gefunden und hoffte, es für das Buch festhalten zu können. "Als ich dort ankam, war nicht nur das Schild weg, sondern auch das Gebäude, an dem es hing“, erinnert er sich am Schluss.

Fotoband über die letzten Neonleuchtreklamen

Westart | WDR 07.07.2026 05:03 Min. Verfügbar bis 07.07.2027 WDR Online

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Unsere Quellen:

  • Interview mit Jesse Simons

Sendung: WDR 5, Westart07.07.2026, 12:15 Uhr 

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