"Wenn du nicht lernst, wirst du im Zirkus enden."

WDR 04:53 Min. Verfügbar bis 17.05.2028

Bernhard Paul im WDR-Interview "Wenn du nicht lernst, wirst du im Zirkus enden"

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Circus Roncalli feiert 50-jähriges Jubiläum. Gründer Bernhard Paul blickt im WDR-Interview zurück.

Von Niklas Bohlen

Am 18. Mai 1976 feierte Roncalli mit dem Programm "Die größte Poesie des Universums" "seine Welturaufführung" beim Bonner Sommer auf der Hofgartenwiese in Bonn. So schreibt es das Zirkusunternehmen in seiner Historie. Zum 50-jährigen Jubiläum haben wir mit Gründer und Zirkusdirektor Bernhard Paul über die schwierigen Anfangsjahre, wegweisende Entscheidungen und Zukunftspläne gesprochen.

In diesem Jahr feiern Sie 50 Jahre Circus Roncalli. Eine wirklich lange Zeit. Haben Sie zum Start im Jahr 1976 gedacht, dass das einmal so lange halten wird?

Bernhard Paul: Ich habe nie länger als ein Jahr im Voraus geplant. Im Leben kann oft etwas dazwischen kommen. Daher hätte ich auch nie erwartet, dass das mal 50 Jahre werden. Gerade in der heutigen Zeit, wo Autofirmen ums Überleben kämpfen, in der Stadt viele Geschäfte leer stehen und Firmen, die dreißig oder vierzig Jahre bestanden haben, auf einmal schließen müssen. In dieser Zeit einen Wanderzirkus am Leben zu halten und Corona zu überstehen, da denke ich nachträglich: Puh!

Wir sind unsubventioniert und haben noch nie Geld vom Staat gekriegt. Wir haben alles selbst erarbeitet und Steuern gezahlt ohne Ende. Und immer mussten wir natürlich auch daran denken: Die Zeit wird am Zirkus, an dem Zirkus als solchen, nicht nur an Roncalli, nicht spurlos vorübergehen. Wanderzirkusse haben sich im Lauf der Jahrhunderte immer wieder geändert.

Sie verkörpern mit Ihrer Persönlichkeit auf eine gewisse Art den Typen, der schon immer Zirkus machen wollte. War das so?

Paul: Ich bin als Kind mit sechs Jahren zum ersten Mal in einen Zirkus gegangen, in Österreich. Ich war hin und weg. Kurz darauf war ich im Kino und habe den Film über den Clown Grock gesehen. Und da war klar, was ich werden möchte: Clown im Zirkus. Meine Mutter hat dann immer gesagt: Wenn du nicht lernst, wirst du beim Zirkus enden. Also: Mütter haben immer recht.

Ich habe dann trotzdem studieren müssen. Mein Onkel hatte eine Baufirma, bei ihm habe ich ein paar Jahre Hoch- und Tiefbau studiert. Die technische Denkweise hat mir im Leben sehr geholfen. Danach habe ich Grafik studiert, war Art-Direktor einer Zeitung. Auch das war hilfreich, weil man schon auch wissen muss, wie Medien funktionieren, wenn man einen Zirkus macht. Ich muss ja Öffentlichkeitsarbeit machen. Das Studium habe ich mir mit Musik finanziert. Ich habe jahrelang in einer Rock'n'Roll-Band gespielt. All diese Dinge haben mir unglaublich geholfen beim Zirkus.

Sie träumten von einem Wanderzirkus. Das heißt, unterwegs zu sein und von Stadt zu Stadt zu fahren. Hat Sie genau das gereizt? Dieses "auf Reisen gehen"?

Paul: Als ich begann mit dem Zirkus, habe ich mich wie ein Aussteiger gefühlt. Ich war vorher Artdirektor einer internationalen Werbeagentur und habe große Firmen betreut. Dann habe ich gesagt: So, jetzt höre ich auf und mache einen Zirkus. Ich hole mir einfach eine italienische Familie, die drei Nummern kann und reise mit ihr in Österreich vom Wörthersee zum Ossiacher See, stehe unter Kastanienbäumen und spiele am Nachmittag für die Kinder und die Urlauber Zirkus.

Sind Sie Romantiker?

Paul: Ja, ich hab mir gedacht: Das muss toll sein. Einige Dinge sind davon in Erfüllung gegangen. Ich habe eine Italienerin geheiratet, die aus einer alten Zirkusdynastie kommt und selbst mehrere Nummern gemacht hat. Sie hat mir drei Kinder geschenkt, die heute alle im Programm und im Zirkus mitarbeiten. Das hätte ich auch nicht gedacht, dass das so kommt.

Und dann wollte ich nur in Österreich reisen, aber in Wirklichkeit haben wir in New York gastiert und waren zwei Monate lang ausverkauft. Wir haben in Moskau gastiert, in Kopenhagen, in Sevilla bei der Weltausstellung, in Amsterdam, Zürich, Wien. Das habe ich gar nicht vorgehabt. Ich wollte nur so ein bisschen Zirkus machen mit einer kleinen Familie. Mittlerweile sind wir 240 Leute.

Blick auf das Zelt von Circus Roncalli

Roncalli-Zirkuszelt: Zum 50. Geburtstag gibt es eine Jubiläumsshow auf dem Kölner Neumarkt.

1975 ging es los in Graz, gemeinsam mit Andre Heller. Wie blicken Sie auf diese Zusammenarbeit zurück?

Paul: Das ist ein eigenes Kapitel. Da kann man jetzt lange drüber reden. Heller hat versucht mich aufs Kreuz zu legen. Es ist ihm nicht gelungen, obwohl alles für ihn gesprochen hat.

Dann hat’s geknallt. Sie haben sich getrennt und standen vor dem Neuanfang. Sie hatten Schulden und der Erfolg blieb aus. In dieser Situation sind Sie nach Köln gekommen. Wie haben Sie die 80er-Jahre dort erlebt?

Paul: Ich war Teil der Stollwerck-Besetzung, und irgendwann sollten wir da raus. Da sind Leute von der Stadt gekommen und haben gesagt: Wir räumen das Gelände heute Nacht mit Bulldozern. Ich habe gesagt: Dann brennt hier alles. Ich weiß, wer da drin ist. Und dann habe ich das Problem diplomatisch gelöst. Dafür durften wir im ersten Jahr mit dem Zirkus am Haubrich-Hof stehen. Und da haben wir den Durchbruch gehabt. Die Kölner waren's. Nicht die Stadtverwaltung oder sonst wer, sondern das Kölner Publikum. Das hat diese Roncalli-Leute ins Herz geschlossen.

Dann kam irgendwann Alfred Biolek und hat uns in seine Sendung "Bio's Bahnhof" genommen. Dann ging es ab. Dreimal haben wir in Köln verlängert und dreimal war es ausverkauft. Und als wir von Köln wegfuhren, waren wir schuldenfrei. Deshalb haben wir einen ganz starken Bezug zu den Menschen aus Köln.

Das Konzept hat sich dann etabliert und Sie sind der Ur-Idee immer treu geblieben - weil es eben funktioniert?

Paul: Ich habe es immer wieder verfeinert. Am Anfang habe auch ich Tiere gehabt und dann immer weniger, dann nur noch Pferde. Und die Pferde wurden auch kleiner. Das waren zum Schluss nur noch Ponys. Und irgendwann habe ich gesagt: So, jetzt ganz weg! Und es war eine richtige Entscheidung. Niemand hat mir damals Recht gegeben, weder meine eigene Familie, noch meine Mitarbeiter, schon gar nicht die anderen Zirkusse. Und es war genau das Richtige.

Sie sind jetzt seit 50 Jahren im Geschäft. Ihre drei Töchter sind auch im Unternehmen. Warum ziehen Sie sich nicht zurück?

Paul: Künstler haben nicht das Recht, einfach in Pension zu gehen. Das kann man sich so vorstellen, dass Picasso gefragt wird: "Herr Picasso, wann gehen Sie denn endlich in Rente?" Der malt, solange er stehen und malen kann, solange er noch zwei Hände hat. Ein Künstler ist ein Künstler, und zwar ein Leben lang.

Sie sind durch diese ganzen Tiefen und Höhen gegangen, haben Erfolge gefeiert und Rückschläge erlebt. Es ist viel passiert in den fünfzig Jahren. Was wollen Sie noch erreichen?

Paul: Ich möchte, dass das auf vernünftige Weise in die nächste Generation übergeht. Das passiert jetzt gerade. Meine Kinder werden immer besser und haben auf einmal Ideen, die ich noch nicht gehabt habe. Wo ich sage: Super, kommen die Kinder doch nach mir. Sie machen das gern und brennen dafür.

50 Jahre Circus Roncalli

WDR 18.05.2026 00:34 Min. Verfügbar bis 16.05.2028 WDR Online

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Unsere Quellen:

Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 16.05.2026, 18.45 Uhr

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