Mysteriöse Buchkäufe: Warum die KI-Branche Antiquariate leerkauft
WDR. 03:22 Min.. Verfügbar bis 21.07.2028.
Mysteriöse Buchkäufe : Warum die KI-Branche Antiquariate leerkauft
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Seit Wochen gehen bei Antiquariaten nächtliche Massenbestellungen ein – auch in NRW. Dahinter steckt offenbar der Hunger der KI-Branche nach frischem Trainingsmaterial. WDR-Digitalexperte Jörg Schieb hat mit einem Antiquar aus dem Bergischen gesprochen und ordnet ein.
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Jetzt mitdiskutierenEs beginnt Ende April: Bei Online-Antiquariaten in ganz Deutschland trudeln nachts automatisierte Bestellungen ein – dutzendweise, manchmal hunderte Bücher pro Händler. Immer nach demselben Muster: längst vergriffene, alte Sachbücher, pro Titel genau ein Exemplar, sofort bezahlt.
Bestellungen um 2:53 Uhr nachts
Absender ist häufig eine kanadische Firma namens Zoom Books, die sich selbst als "Buch-Recycler" bezeichnet. Bestellt wird vor allem über die Amazon-Tochter AbeBooks, geliefert an ein Lager im sächsischen Kodersdorf. Von dort gehen die Bücher vermutlich in die USA. Schätzungen gehen von bis zu 700.000 Titeln allein aus Deutschland aus, weltweit von rund drei Millionen.
Gekauft wird keine wertvolle Ware für Sammler, die gut erhaltene antiquarische Bücher zu schätzen wissen, sondern das Gegenteil: Kochbücher, Biografien, Reiseführer, Fachbücher – Massenware, die oft seit Jahren im Regal liegt.
Für viele Antiquare ein unverhofftes Geschäft: Einzelne Händler berichten von fünfstelligen Umsätzen binnen weniger Wochen.
Die Spur führt zur KI-Branche
Stellt sich die Frage: Warum kauft jemand Bücher, die sonst kaum jemand wollte? Die plausibelste Erklärung: als Futter für Künstliche Intelligenz (KI). Die frei verfügbaren Texte im Netz gelten als ausgeschöpft – die Branche sucht neues, hochwertiges Trainingsmaterial. Und das steckt millionenfach in gedruckten Büchern, die nie digitalisiert wurden.
Dass dieses Modell funktioniert, ist bereits dokumentiert: Im Januar enthüllte die Washington Post auf Basis entsiegelter Gerichtsakten das interne "Project Panama" des KI-Unternehmens Anthropic, Anbieter des beliebten Chatbots Claude. Anthropic kaufte demnach ab 2024 Millionen gebrauchter Bücher, trennte maschinell die Buchrücken ab, scannte die losen Seiten – und entsorgte das Papier anschließend.
Vorgehen von Anthropic: Destruktives Scannen
"Destruktives Scannen" wird das Verfahren genannt, schneller und billiger als schonendes Digitalisieren. Das erklärte Ziel laut internem Planungspapier: alle Bücher der Welt destruktiv scannen.
Das Erstaunliche: Ein US-Bundesrichter erklärte genau diese Praxis im Juni 2025 für rechtens. Wer ein Buch legal kauft, darf es zerschneiden, scannen und den Text für das KI-Training nutzen – in den USA gilt das als "Fair Use" (deutsch: angemessene Verwendung).
Die 1,5 Milliarden Dollar, die Anthropic später an Autorinnen und Autoren zahlte, betrafen nur illegal heruntergeladene Raubkopien. Das Urteil hat aus einer Grauzone einen legalen Beschaffungsmarkt gemacht. Zoom Books bestreitet zwar, für KI-Firmen einzukaufen oder Bücher zu vernichten – ein inzwischen gelöschter Blogbeitrag der Firma trug allerdings den Titel "Wie man gebrauchte Bücher fürs KI-Training beschafft".
Antiquar aus dem Bergischen: "Bei mir kam wenig an"
Jörg Mewes betreibt ein Antiquariat in Overath im Bergischen Land. Auch bei ihm wurden Bücher über diese Kanäle gekauft – allerdings nur für einen dreistelligen Betrag. Seine Erklärung: Er listet seine Bücher ohne ISBN, die internationale Buchnummer. Die ausländischen Aufkäufer bestellen aber ausschließlich nach ISBN – automatisiert. Ein Kollege in Berlin, der seine Bestände mit ISBN führt, habe dagegen kräftig verkauft.
Was die Käufer suchen? Drewes vermutet: "Mehr Futter für die wissenschaftliche Sprache." Genau die Textsorte, die im Netz rar ist. Und die Vernichtung der Bücher? Ihm sei egal, was Menschen mit gekauften Büchern machen, sagt er – solange es keine seltenen, wertvollen Exemplare trifft, etwa signierte oder aufwendig produzierte Ausgaben. Solche Schätze sind Sammlern aber viel Geld wert. Die Masseneinkäufer greifen gezielt zu billigen Titeln.
Überwiegend Massenware
Vernichtet wird überwiegend Massenware, die mehrfach existiert und für die es jahrelang keine Käufer gab. Antiquare verdienen an Beständen, die sonst irgendwann ohnehin im Altpapier gelandet wären. Und die Inhalte gehen nicht verloren – sie leben in den KI-Modellen weiter, wenn auch in verrechneter Form.
Drei Punkte bleiben trotzdem heikel:
Einmal das Recht: Europa kennt kein Fair-Use-Prinzip; wer hier gekaufte Bücher in die USA verschifft und dort scannt, umgeht europäische Urheberrechtsstandards.
Zweitens, die Transparenz: Niemand weiß verlässlich, wer die Bücher am Ende bekommt und was mit ihnen geschieht.
Außerdem die Machtfrage: Das Wissen aus Jahrhunderten wandert als exklusiver Rohstoff in die Rechenzentren weniger Konzerne – während die Autoren, von deren Sprache die KI lebt, leer ausgehen.
Antiquariate als Rohstoffquelle
Das Phänomen wird bleiben. Solange US-Gerichte den Kauf und das Scannen gedruckter Bücher absegnen, ist der Antiquariatsmarkt für die KI-Branche eine legale Rohstoffquelle. Für Händler in NRW heißt das konkret: Wer seine Bestände mit ISBN online listet, wird von den automatischen Aufkäufern gefunden – und kann Ladenhüter zu Geld machen.
Unsere Quellen:
- Washington Post – Recherche zu Anthropics internem "Project Panama"
- US District Court, Bartz vs. Anthropic – Fair-Use-Urteil von Richter William Alsup (Juni 2025)
- taz, SRF und watson.ch – Berichte über Zoom Books: Bestellmuster, Lager im sächsischen Kodersdorf
- Tagesschau – „Kaufen KI-Firmen antiquarische Bücher auf?“
- Gespräch mit Jörg Mewes, Antiquariat in Overath (Juli 2026)
Sendung: WDR.de, 21.07.2026, 13 Uhr, Kanadisches Unternehmen kauft im großen Stil antiquarische Bücher auf

2 Kommentare
Kommentar 2: nur noch ki schreibt am 22.07.2026, 10:10 Uhr :
Am Ende lohnt es sich nicht mehr, zu schreiben - die KI Konzerne fressen es für lau und die Verfasserinnen erhalten nichts. Das ist ein dickes Problem. Und von ethischen Maßstäben halten sie auch nichts - Hauptsache Geld verdienen egal wie. Wir entwickeln und als Gesellschaft in die falsche Richtung.
Kommentar 1: Futur 2 schreibt am 21.07.2026, 17:41 Uhr :
Die Industrialisierung von Erfahrung und Denkarbeit beginnt. Fragen: Wohin führt es wenn menschliche Erfahrung irgendwann nichts mehr wert ist? Wer kann sich den Zugang zu KI leisten wenn der irgendwann mal bezahlt werden muß? Wird neues Wissen dann nicht mehr veröffentlicht? Wer kann noch prüfen was wahr ist oder was alternative Fakten sind ? Und warum ist WDR4 so beliebt? :-) Schöne Grüße
Antwort von Maximilian , geschrieben am 22.07.2026, 16:34 Uhr :
Der Brockhaus war damals auch elitär und nur wenigen vorbehalten. WDR 4 ist bei vielen ehemaligen älteren Hörern nicht mehr beliebt, weil die deutsche Sprache musikalisch vernachlässigt wird. Leider müssen wir KI als Retter des deutschen Sprachgebrauchs betrachten. Wer stöbert denn noch in Antiquariaten?